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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2006

«Ich weiss, ich kann einen Tumor bekommen»

Die sogenannten TNF-Blocker bekämpfen Rheuma wirkungsvoll. Doch sie schwächen auch den Schutz vor Infektionen und Krebs.

«Ich weiss, ich kann einen Tumor bekommen»

Rös Graf aus Pratteln BL hat mit dem TNF-Blocker Humira gute Erfahrungen gemacht. «Dank des Medikaments geht es mir gut», sagt sie. Vor drei Jahren hatte die 60-Jährige zum ersten Mal Humira gespritzt. «Seither habe ich fast keine Schmerzen mehr - und meine Gelenke sind nicht mehr geschwollen», berichtet sie. Zwar musste sie ihr rechtes Handgelenk versteifen lassen. «Aber die Arthritis hat sich nicht weitergefressen», freut sich Rös Graf. «Ich mache wie früher Bergwanderungen und kann problemlos Velo fahren.»

«TNF-Blocker haben die Rheumatherapie revolutioniert», sagt Adrian Forster, ärztlicher Direktor der Klinik St. Katharinental in Diessenhofen TG. «Bis vor wenigen Jahren wurden manche Menschen, die an rheumatoider Arthritis leiden, invalid. Die TNF-Blocker erlauben vielen Betroffenen, weiterhin ihrer Arbeit nachzugehen.»


Remicade und Humira erhöhen das Infektionsrisiko

TNF-Blocker bekämpfen einen im Körper erzeugten Botenstoff, der Entzündungen in den Gelenken auslöst. Doch der Botenstoff hat auch positive Eigenschaften: Er schützt vor Infektionen und Krebszellen. Deshalb befürchten Ärzte seit Jahren, dass die neuen Rheumamedikamente den Schutz vor Infektionen und Tumoren beeinträchtigen. Jetzt bestätigen Forscher in der amerikanischen Fachzeitschrift «Jama»: Die beiden TNF-Blocker Remicade und Humira vergrössern das Risiko für schwere Infektionen (siehe Tabelle). Wenn Patienten mit hohen Medikamentendosen behandelt werden müssen, steigt auch die Gefahr, dass sich verschiedene Krebsarten entwickeln können.

Unabhängig vom Forschungsbericht, aber praktisch gleichzeitig, wurde die Fachinformation von Remicade verschärft. Dort heisst es jetzt, man könne nicht ausschliessen, dass das Risiko für Lymphdrüsenkrebs steigt. Der Grund: In den USA traten bei Patienten, die Remicade erhielten, bösartige Lymphome auf. Der TNF-Blocker Remicade wird übrigens nicht nur gegen rheumatoide Arthritis eingesetzt, sondern auch gegen andere chronische Entzündungskrankheiten wie Morbus Crohn und Morbus Bechterew.
Adrian Forster sagt: «Das Infektionsrisiko ist ein erhebliches Problem, vor allem bei älteren Patienten.» Der Rheumaspezialist kritisiert, einige seiner Kollegen würden TNF-Blocker zu grosszügig verschreiben: «Die gute Wirksamkeit verleitet manche Ärzte, diese Medikamente einzusetzen, wenn es nicht nötig wäre.» Man solle Patienten erst dann TNF-Blocker verschreiben, wenn herkömmliche Rheumamedikamente ungenügend wirken. «Bei 90 Prozent der Patienten genügen herkömmliche Medikamente», sagt Forster. «Diese sind zudem viel billiger.»

Eine Therapie mit TNF-Blockern kostet bis zu 25 000 Franken pro Jahr. Methotrexat kommt hingegen nur auf rund 1000 Franken jährlich zu stehen.


Hersteller von TNF-Blockern spielen die Risiken herunter

Mit einigen Vorsichtsmassnahmen lässt sich die Infektionsgefahr verringern, wie Forster erklärt: «Vor der Behandlung muss der Arzt abklären, ob sich im Körper des Patienten Tuberkulose-Bakterien, Hepatitis-Viren oder andere Erreger befinden. Und die Patienten müssen sich gegen Grippe und Pneumokokken impfen lassen.» Zudem müsse man die Therapie mit TNF-Blockern sofort abbrechen, wenn eine Infektion auftrete.

Die Hersteller von TNF-Blockern spielen die Risiken herunter. Humira-Hersteller Abbott sagt: «Viele Patienten, die Infektionen erlitten, wurden nicht nur mit Humira, sondern gleichzeitig auch mit anderen Medikamenten behandelt, die das Immunsystem schwächen.» Und Essex Chemie, der Hersteller von Remicade, meint: «Erfahrungen während 13 Jahren haben die Sicherheit von Remicade gezeigt.» Essex Chemie bestreitet, dass das Medikament die Tumorgefahr erhöht. Denn eine schwedische Studie habe keinen Hinweis auf ein erhöhtes Krebsrisiko gezeigt. Doch räumt die Firma ein: «Es ist nötig, die Patienten langfristig zu beobachten.»

Rös Graf blieb bis heute von schweren Nebenwirkungen ihres Medikaments verschont. «Als ich die Hand operieren lassen musste, setzte ich Humira nicht ab. Trotzdem hatte ich keine Infektion.» Die Entscheidung für den TNF-Blocker ist Graf jedoch nicht leichtgefallen. «Ich habe immer das Wissen im Hinterkopf, dass ich in zehn oder zwanzig Jahren einen Tumor bekommen könnte», sagt sie. «Aber Humira hat meine Lebensqualität massiv verbessert. Ohne das Medikament würde ich verkrüppeln.»


Merkblatt Rheuma-Medikamente
Gratis zum Herunterladen unter www.gesundheitstipp.ch oder zu bestellen gegen ein frankiertes C5-Antwortcouvert bei: Redaktion Gesundheitstipp, «Rheuma», Postfach 277, 8024 Zürich

Selbsthilfegruppen
Kontaktadressen erhalten Sie unter www.kosch.ch.

08. November 2006 | Andreas Gossweiler


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