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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2006

“Zweimal versuchte ich zu fliehen” - Maria Purro, 67

Schon als kleines Mädchen musste die Entlebucherin von früh bis spät schuften. Lob und Vergnügen gab es nie.

Maria Purro, macht Ihnen Ihre Vergangenheit als Verdingkind heute noch zu schaffen?
Ja. Bei der Geburt meines dritten Kindes kam alles wieder hoch. Ich verbrachte danach einige Zeit in psychiatrischen Kliniken. Deshalb musste ich meine Kinder manchmal alleine lassen. Das werfen sie mir heute vor. Aber sonst habe ich zu ihnen einen guten Draht.

Wie wurden Sie zum Verdingkind?
Ein Onkel hatte einen Bauernhof und fünf kleine Kinder. Seine Frau war krank und konnte nicht mehr arbeiten. Als ich elf war, trennten sich meine Eltern. Mein Vater zahlte keine Alimente. Deshalb schickte mich meine Mutter als Arbeitskraft zu meinem Onkel. Auch meine vier Brüder wurden Verdingkinder.

Welche Arbeiten mussten Sie auf dem Hof Ihres Onkels erledigen?
Ich machte den Haushalt und pflegte die kranke Frau. Zudem half ich im Stall und auf dem Feld. Wenn Schweinchen auf die Welt kamen, musste ich sie aus dem Bauch des Muttertiers ziehen. Mein Onkel schaffte das nicht, er hatte zu breite Hände. Also blieb ich oft nachts im Stall, bis es so weit war. Am Morgen musste ich trotzdem früh aufstehen.

Sie mussten enorm hart arbeiten.
Ja. Im Sommer zum Beispiel musste ich von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends heuen. Nachher ?el ich todmüde ins Bett. Manchmal musste ich mich vor Erschöpfung erbrechen.

Konnten Sie in die Schule?
Ja. Ich hatte aber hatte keine Zeit für die Hausaufgaben. Hin und wieder musste ich deshalb nachsitzen. Der Lehrer wusste, dass ich ein Verdingkind war.

Was hat er dazu gesagt?
Nichts. Manchmal kam er und jasste mit meinem Onkel. Aber er hat mich nie gefragt, wie es mir geht. Das hat mich enttäuscht.

Durften Sie Ihre Eltern besuchen?
Nein. Ich hatte grosse Sehnsucht nach meiner Mutter. Aber ich konnte sie nie anrufen, denn auf dem Hof gab es kein Telefon. Ein- oder zweimal im Jahr kam sie vorbei. Mein Vater ist mir immer ausgewichen.

Hat Ihr Onkel Sie geschlagen?
Nein, aber er hat mich seelisch gequält. Er hat mir alles verboten, was mir Spass gemacht hätte. Ich durfte nie tanzen gehen oder Freundinnen besuchen. Es gab für mich nur Arbeit. Deshalb versuchte ich zweimal, bei Nacht und Nebe- zu fliehen. Aber der Onkel hat es gemerkt. Erst als ich 20 war, konnte ich weg. Eine Tante vermittelte mir eine Stelle als Köchin.

Wie ging es Ihren Brüdern?
Sie waren auf einem Bauernhof in der Nähe und wurden noch schlechter behandelt als ich. Einer meiner Brüder wurde vom Bauern sexuell missbraucht. Meine Brüder gingen mit mir in die Schule. Wenn sie Probleme hatten oder Nestwärme suchten, war ich für sie da. Ich wurde eine Art Ersatzmutter für sie.

Sind Sie heute verbittert?
Ich wünschte mir, dass ich mit meinen Brüdern und Cousinen offen über meine Vergangenheit sprechen könnte. Doch das ist leider nicht möglich. Ein Teil meiner Verwandtschaft wandte sich von mir ab, als ich psychiatrisch behandelt werden musste.



Maria Purro

Als sie elf Jahre alt war, trennten sich Maria Purros Eltern. Danach musste sie auf dem Bauernhof eines Onkels bei Wolhusen LU als Verdingkind arbeiten. Purro hat drei Kinder. Sie lebt heute in Entlebuch LU. Die Mitgliedschaft im Verein «Verdingkinder suchen ihre Spur» hilft ihr, die Kindheitserlebnisse zu verarbeiten.

08. November 2006 | Andreas Gossweiler


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