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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2006

Bis das letzte Gramm wegtrainiert ist

Magersucht oder Bulimie und dazu noch viel Sport, das überfordert den Körper. Michael Frei erlitt beim Laufen einen Zusammenbruch.

Bis das letzte Gramm wegtrainiert ist

Es beginnt harmlos: Mit acht Jahren nimmt Michael Frei zum ersten Mal an einem Volkslauf teil. Das gefällt ihm und er bleibt dabei. Aus Plausch wird über die Jahre hartes Training. Im Alter von 17 Jahren ist er auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit: Er rennt Woche für Woche rund 70 Kilometer - noch ist sein Körper gesund.

Doch Frei will sich noch mehr steigern: In Zeitschriften für Rennsportler liest er von gesunder Ernährung. Er fängt an, weniger Fett und mehr Gemüse zu essen. Er verliert an Gewicht, seine sportlichen Resultate werden besser. Das motiviert ihn, nicht nur gesünder, sondern auch weniger zu essen und gleichzeitig härter zu trainieren. Innerhalb von kürzester Zeit nimmt er von 68 auf 55 Kilo ab - bei einer Körpergrösse von 1,83 Metern. Er gewinnt zwei Rennen.

Doch das Ende kommt plötzlich. Mitten in einem Trainingslauf macht Michael Frei schlapp. Seine Muskeln fühlen sich plötzlich schwer an, seine Beine kraftlos. Er muss mitten auf der Strecke anhalten. Michael Frei ist krank. «Ich war geblendet von meinem Erfolg. Gut gemeinte Ratschläge von Leuten, die meinem Essverhalten mit Besorgnis zusahen, interessierten mich nicht», sagt Frei rückblickend.


Essstörungen und Sportsucht: Immer mehr Männer betroffen

Betroffene wie Michael Frei merken oft lange nicht, wie es um sie steht. Der Grund: Das Glückshormon Endorphin, das der Körper beim Sport ausschüttet, überdeckt die Schwäche. Doch durch die ständige Überbelastung brechen die Betroffenen irgendwann körperlich oder psychisch zusammen. Dagmar Pauli vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst in Zürich: «Es sind zwar meist vorübergehende Schäden. Aber im Extremfall kann es zum Tod kommen durch einen plötzlichen Herzstillstand.»

Michael Freis Zusammenbruch bringt an den Tag, was er nicht wahrhaben wollte: Er ist magersüchtig. Seine Eltern drängen ihn, mehr zu essen und zuzunehmen. Doch das löst beim 17-Jährigen eine Trotzreaktion aus. Er isst noch weniger, am Ende gar nichts mehr, ausser ein wenig Schokolade. Kohlenhydrate, gesunde Fette, Vitamine, Mineralstoffe - nein danke! Zwei Jahre später wiegt Frei noch 48 Kilo. «Ich fühlte mich hundsmiserabel, machte keinen Sport mehr, kam nicht einmal mehr eine Treppe hoch. Stattdessen fror ich die ganze Zeit und konnte mich kaum noch konzentrieren.»

Neun von zehn Betroffenen mit Essstörungen sind Frauen. Dagmar Pauli stellt aber fest: «Immer mehr junge Männer leiden unter Essstörungen, kombiniert mit Sportsucht.» Vor allem Ausdauersportler, Skispringer, Eiskunstläufer oder Balletttänzer sind gefährdet.

Für die einen - wie Michael Frei - kann der Sport Auslöser einer Magersucht sein, bei andern ist es umgekehrt. Sie leiden zuerst unter Magersucht oder Bulimie - der Ess-Brech-Sucht - und fangen dann an zu trainieren. Pauli: «Unterernährung verursacht Bewegungsdrang. Übermässiger Sport kann also ein Symptom von Essstörungen sein.» Fast jeder zweite Essgestörte treibe zu viel Sport, vor allem Fitnesstraining oder Joggen. «Zum Teil trainieren sie bis zu vier Stunden täglich.»

So auch Sandra Müller. Die 35-Jährige ist seit der Pubertät magersüchtig. In ihren schlimmsten Zeiten wog sie 39 Kilo bei einer Grösse von 1,73 Metern. Ihre Eltern betrieben ein Restaurant. So war sie zwar ständig von feinen Menüs umgeben, hatte aber wegen der Arbeit im Service kaum Zeit zu essen. Die seltenen gemeinsamen Mahlzeiten mit der Familie hat sie ebenfalls in schlechter Erinnerung: Entweder man stritt sich heftig oder man schwieg, um Konflikte zu vermeiden.


Die Angst, dass Hungern allein nicht reicht

Der Auslöser für die Magersucht war eine Magen-Darm-Grippe, dank der Sandra Müller etliche Kilo verlor. Das damals eher mollige Mädchen freute sich und beschloss, nicht mehr zu essen. Das Essen war ihr wegen der vielen Arbeit und dem Familienknatsch sowieso verleidet. Bald zog sie aus dem Elternhaus aus. Doch die Magersucht und der Bewegungsdrang blieben. Sandra Müller joggte, ging dreimal in der Woche einen Kilometer schwimmen und schuftete danach im Garten: «Je strenger, desto besser. Ich konnte Aggressionen abbauen und habe mich nachher jedes Mal viel besser gefühlt.»
Viele der Betroffenen bauen nicht nur Aggressionen ab, sie haben Angst davor, dass Hungern allein nicht reicht. Jedes Gramm, das stört, muss wegtrainiert werden. Oft nehmen sie noch Appetitzügler und Abführmittel dazu. Dies beschleunigt den Kreislaufkollaps.

Für Betroffene gibt es Hilfe. Dagmar Pauli rät, eine spezialisierte Beratungsstelle oder einen Arzt aufzusuchen. Hier können sich auch Angehörige beraten lassen. Sowohl Sandra Müller als auch Michael Frei haben in der Zwischenheit eine Therapie gemacht. Beide essen heute wieder mehr und auch ausgewogener, trotzdem sind beide noch immer untergewichtig.

Der heute 31-jährige Michael Frei sagt: «Ich war früher immer einer, der zwischendurch Süssigkeiten ass und trotzdem am Tisch zweimal nachschöpfte. Ich dachte, ich wäre der Letzte, dem so etwas passieren könnte.»



So bekämpfen Sie Sportmagersucht

Das weist auf Magersucht hin
- Gewichtsverlust
- Ausfall des Kopfhaares
- Zunahme der Körperbehaarung
- trockene Haut
- Ausfall der Menstruation
- Die Gedanken kreisen die meiste Zeit um Essen, Körper und Fitness
- Betroffene sind weniger fröhlich als vorher, sie wirken distanzierter
- sozialer Rückzug
- Stimmungsschwankungen
Das können Betroffene tun
- Gestehen Sie sich das Problem ein und verheimlichen Sie es nicht
- Wählen Sie einen Teamsport, statt einsam joggen zu gehen
- Essen Sie regelmässig, nicht am Abend alles auf einmal
- Essen Sie in Gemeinschaft
- Überlegen Sie nicht immer, wie viele Kalorien ein Produkt hat
- Gönnen Sie sich etwas und geniessen Sie es

Adressen im Internet
www.aes.ch
www.netzwerk-essstoerungen.ch
www.magersucht.ch
www.sprechzimmer.ch



Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Essstörungen unter Telefon 044 266 17 17

Leiden Sie an unkontrolliertem oder gestörtem Essverhalten? Sind Sie zu schwer oder zu leicht? Oder möchten Sie sich für Ihre Angehörigen informieren? Diese Fachleute können Ihnen am Gesundheitstipp-Beratungstelefon weiterhelfen:

Erika Toman Psychologin, Zentrum für Essstörungen und Adipositas, ZH

Bettina Isenschmid Fachärztin, Sprechstunde Essstörungen, Psychiatrische Poliklinik, BE

Remo Nuotclà Facharzt Psychiatrie/ Psychotherapie, BS

Hanspeter Flury Facharzt, Zentrum für Essstörungen und Adipositas, ZH

Beatrice Büttner Meier Psychologin, Psychiatrische Poliklinik, Zentrum für Essstörungen, ZH

08. November 2006 | Monika Schönenberger


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