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Artikel | saldo 17/2006

Hungernde Seelen

Essgestörte Mädchen stacheln sich gegenseitig an, immer dünner zu werden. Experten warnen: Schweizer Spitäler haben bald mehr ausgehungerte Patientinnen, als sie behandeln können.

Dünn sein ist wichtiger, als gesund zu sein - du sollst nicht essen, ohne dich schuldig zu fühlen - du bist NIE zu dünn.» Solche Botschaften finden sich auf Hunderten von Websites junger Frauen, oft Minderjährige, die an Magersucht oder Ess-Brech-Sucht leiden.

Die Mädchen begreifen ihre Essstörung nicht als Krankheit. Dünn sein ist für sie der Lebensstil der Erfolgreichen. Ihre Websites nennen die Teenager liebevoll «Pro-Ana» (von Anorexia = Magersucht) und «Pro-Mia» (von Bulimia = Ess-Brech-Sucht).

Wer zufällig auf eine solche Seite stösst, wird eindringlich davor gewarnt, weiterzulesen: «Das ist eine Pro-Ana-Seite. Wenn du nicht weisst, was das ist, dann verlass diese Seite sofort. Der Inhalt kann zu einem gestörten Selbstbild führen.»

Das musste auch Julie aus der Westschweiz erfahren. Am 3. Oktober appelliert sie in einem Chatroom eindringlich an alle: «Diese Seiten haben mich magersüchtig gemacht. Hört auf, sie zu besuchen, so lange ihr noch könnt.»

Wer die Warnung nicht ernst nimmt, macht Bekanntschaft mit Ana: der Krankheit, die zur Person geworden ist und jovial mit den Teenagern spricht. «Hallo, erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Anorexia nervosa. Aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde.»

Ana tarnt sich als einfühlsame Gefährtin auf dem Weg zur Selbstzerstörung. Ana gibt Jugendlichen Tipps, wie sie den Hunger aushalten und die Krankheit vor Eltern, Lehrern oder Ärzten verheimlichen können. Doch Anas Regeln sind tödlich: «Du brauchst kein Essen. Hungern ist der Beweis von Willensstärke! Denk an Ana wie an deine Geheimwaffe.» Wer der Nahrung abschwört, wird in morbider Weise belohnt: «Hungere, und du wirst deine wunderschönen Knochen sehen.»

In den Schweizer Kliniken landen derweil immer mehr junge Patientinnen mit bedrohlichen Essstörungen. «Wir sind am Rande des Machbaren», sagt Josef Laimbacher, leitender Arzt am Kinderspital St. Gallen. «Es sind nicht nur mehr Patienten, auch der Schweregrad der Erkrankungen hat zugenommen», so Laimbacher. Nicht besser sieht es in der Limmatstadt aus: «Unsere Station ist immer voll», sagt Daniel Marti, leitender Arzt am Zürcher Kinderspital. Beunruhigende Nachrichten kommen auch aus Basel: «Anorexiekranke werden immer jünger», so Barbara Rost, leitende Ärztin am Kinderspital.


«Wir werden Kate Moss dick aussehen lassen»

Das dürfte auch so bleiben. Denn die Rekrutierung von Teenagern durch Teenager geht weiter. Aufruf in einem Chatroom: «Ganz aktuell! Wir suchen neue Mitglieder für unser Schweizer Pro-Ana-Forum.» Novizinnen wird eingebläut: «Erzähle niemandem, dass du Ana bist, besonders nicht deiner Familie. Hide it!» Um nicht aufzufliegen, verwenden die Mädchen Codes und Abkürzungen. Beispiel: «Ich bin Ana, aber seit den FA ist die ES eher Mia.» Das bedeutet: «Ich bin magersüchtig, aber seit ich Fressattacken habe, ist meine Essstörung eher zur Ess-Brech-Sucht geworden.»

Die Mädchen fachsimpeln über Diätprodukte, bewundern Spaghetti-Models und stacheln sich zu unsinnigen Höchstleistungen an. «Kate Moss ist schlank, aber wir werden sie dick aussehen lassen.» Gästebucheintrag vom 5. Oktober: «Hey ihr Lieben, habt ihr Lust auf einen Wettbewerb? Es gewinnt, wer in einer Woche am meisten abnimmt. Würde mich freuen, wenn sich viele melden.» Die Aufforderung zur Nahrungsverweigerung kommt von Claudia. Sie ist 16 Jahre alt und braucht vieles - nur keine Diät. Mit einer Grösse von 1,66 Meter bei 53 Kilogramm dürfte sie sich über ihre Figur freuen. Aber Claudia findet sich zu dick. Ihr Wunschgewicht: «So wenig wie möglich.»


Erkennungsmerkmal: Ana-Ringe und -Armbänder

Jetzt hat das Internet-Auktionshaus Ebay reagiert. Seit August dürfen keine Ana-Armbänder oder -Ringe mehr versteigert werden. Die Mädchen benutzen sie, um sich in der Öffentlichkeit diskret zu erkennen. Ebay-Sprecher Alexander Legen: «Für uns ist das Thema noch ganz neu.» Man habe sich von Experten beraten lassen und entschieden, aus moralischer Verpflichtung gegenüber den Kunden solche Artikel aus dem Angebot zu kippen.

Auch die Vereinigung amerikanischer Anorexiekranker (Anad) mit Ableger in Deutschland hat Ana- und Mia-Seiten den Kampf angesagt. Die Organisation beschäftigt eine Vollzeitkraft, die solche Seiten sucht und die Provider auffordert, sie vom Netz zu nehmen. Doch die Mädchen wissen sich zu helfen: «Meine Seite wurde abgeschossen, ich eröffne bald eine neue.» Das Katz-und-Maus-Spiel hat begonnen. Für jede Seite, die geschlossen wird, geht eine neue auf.


Fragwürdige Werbung auf den Ana-Homepages

Die Mädchen brauchen die Vernetzung mit Gleichgesinnten wie die Luft zum Atmen. Am 3. September erklärt eine 19-Jährige Ana einem gesunden Mädchen in einem Schweizer Chatforum, was sie umtreibt: «Wir suchen verzweifelt Leute, mit denen wir uns austauschen können, die einen aber nicht von der Krankheit abbringen wollen. Auf Ana- und Mia-Seiten findet man Freunde, denen man ohne schlechtes Gewissen alles erzählen kann. Wir unterstützen uns mit wertvollen Tipps beim Abnehmen.»

Hilfe beim Abnehmen sollen wohl auch die zahlreichen Anzeigen auf den Ana-Seiten bieten. Etwa die von Nestlé. Wer den Link anklickt, landet auf der Schweizer Website von Maggi und erfährt etwas über «kalorienarme Rezepte». Nestlé reagiert erschreckt auf die Recherchen von saldo. Mediensprecher Philippe Örtle: «Das haben wir nicht gewusst. Wir sorgen dafür, dass solche Anzeigen nicht mehr erscheinen.»

Einen Überblick über die Gesamtzahl Esskranker in der Schweiz hat zur Zeit niemand. «Solche Daten werden vom Bundesamt für Statistik erstmals im kommenden Jahr geliefert», sagt der Zürcher Facharzt Daniel Marti. In Sachen Ana-Seiten sieht er dringenden Handlungsbedarf: «Es ist nötig, dass Fachleute in der Weiterbildung über solche Seiten informiert werden.» Expertin Barbara Rost aus Basel pflichtet dem bei: «Wir werden die Seiten im Team besprechen. Ziel jeder Behandlung muss sein, dass ein Mädchen solche Inhalte nicht mehr braucht.»

Die falsche Freundin Ana gehört verbannt. Das ist schwierig, aber machbar, wie das Beispiel einer 17-Jährigen zeigt, die es geschafft hat: «Ich bin heilfroh, dass ich Ana die Freundschaft gekündigt habe. So eine Freundin brauche ich nicht.»



Die Tricks der Mädchen

Essgestörte Mädchen sind oft sehr intelligent», sagt Barbara Rost, leitende Ärztin am Kinderspital in Basel. Um nichts essen zu müssen, lassen sie sich einiges einfallen. Es ist wichtig, diese Tricks zu kennen. «Je früher die Störung erkannt und behandelt wird, desto grösser sind die Heilungschancen», so Rost.

Folgende Aussagen sollten Eltern, Verwandte und Mitschüler gefährdeter Mädchen hellhörig machen (Zusammenstellung aus diversen Ana-Seiten):
- «Mit Freundinnen essen zu gehen, ist der Horror. Gerade unter Mädchen fällt schnell auf, welche Essgewohnheiten du hast. Bestelle zum Beispiel mit den anderen gemeinsam eine Pizza. Rede viel, so musst du wenig essen. Die anderen hören zu und futtern auch deine Portion.»
- «Sag deiner Mutter: Ich habe in der Stadt mit (Name) gegessen. Die Pizza war super gut. Ich bin satt. Oder: Ich gehe noch mit (Name) essen. Nenne unbedingt einen Namen. Das wirkt glaubwürdiger.»
- «Kaufe eine normale Cola-Flasche, schütte sie aus und fülle Cola-Light ein. Sieht gleich aus, macht für andere aber einen Riesenunterschied.»
- «Werde Vegetarierin. Gemüse hat kaum Fett. Dass du dich von Rohkost ernährst, wird selbst für deine fürsorgliche Mutter verständlich sein.»
- «Täusche Husten vor und spucke, was du im Mund hast in die vorgehaltene Hand. Wenn niemand hinsieht, wirfst du es weg.»

25. Oktober 2006 | Franco Tonozzi


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