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Gastro-Kritik von Andrin C. Willi
«Der Mensch ist die einzige Kreatur, die sich beim Kellner beschwert», schrieb Woody Allen. Heute will ich mich nicht beim Kellner, sondern über ihn beschweren.
Kellner verstehen häufig ihre Kundschaft nicht. Da bleibt ein Gast drei Stunden an einem Tisch sitzen und lässt es sich gut gehen wie ein König. Aber wenn er die Rechnung verlangt, ist Schluss mit Gemütlichkeit. Der König will zahlen und gehen. Und zwar sofort.
Immer wieder lassen Kellner den Gast aber genau dann sitzen. Weil sie nicht mehr wissen, was an welchem Tisch läuft. Dabei wird der Bewirtungsablauf jedem Lehrling eingebläut. Die Szene läuft so:
1. Gast betritt Lokal und wird freundlich begrüsst.
2. Bedienung nimmt Garderobe ab und geleitet Gast zu Tisch.
3. Gast setzt sich.
4. Kellner: «Möchten Sie essen?»
5. Gast klatscht in die Hände und antwortet: «Ja, das wird ein Fest.»
6. Kellner bringt Brot und Butter, erkundigt sich nach Aperitifwünschen, serviert diese.
7. Gast entspannt sich.
8. Kellner nimmt Bestellung auf und serviert Getränke, später Speisen.
9. Gast ist hoch entzückt und verlangt nach Speis und Trank die Rechnung.
10. Kellner bringt sie flink und kassiert.
Dabei muss er die Rechnung nicht auf den Tisch schleudern und schnell wieder davonrennen. Ein guter Kellner merkt, wie eilig es seine Gäste haben, schliesslich hat er sie genau beobachtet. Klappt alles, winkt Trinkgeld. Man verabschiedet sich höflich, ein Wiederkehrer ist geboren. 10 Schritte zum Gästeglück, so einfach wärs.
So weit die Theorie. Jetzt die Praxis. Es ist Samstagabend, in Zürich betreten wir das Restaurant La Côte. Selbstverständlich haben wir reserviert. Statt uns zu begrüssen, fragt der Kellner barsch, ob wir reserviert haben. Dann müssen wir den Tisch selbst suchen.
Jackett über den Stuhl, der Kellner knallt die Karte hin - und vergisst uns. Er erscheint erst wieder, als ihm Gäste am Nebentisch wörtlich sagen: «Kümmern Sie sich zuerst um die Herrschaften da. Die warten seit einer halben Stunde.»
Wir bestellen. Wasser wird gereicht. Vorspeise und Hauptgang auch. Das Essen ist so schlecht wie die Bedienung. Im dritten Anlauf klappts, einen Espresso zu bestellen. Noch einmal müssen wir betteln, um die Rechnung zu erhalten. Verabschiedung und Trinkgeld fallen aus. Ein nächster Besuch ebenfalls.
Wo liegt das Problem? Beim Kellner natürlich. Aus seiner Sicht wollen alle Gäste wie das Vieh gleichzeitig an den Futternapf. Da verliert er schnell die Übersicht. Der Gast wird zur Last. Sobald er den letzten Gang serviert hat, ist für den Kellner das lästige Problem Gast erledigt. Er ist ja jetzt satt. Bis wir uns wieder in sein Gedächtnis gewunken haben, kann eine Ewigkeit vergehen. Und wie sagte Woody Allen: «Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.»
25. Oktober 2006
