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Ein Leben ohne die lästige Menstruation: Pharmaindustrie und Ärztinnen erfüllen diesen Wunsch immer häufiger. Doch Experten warnen vor den Langzeitfolgen.
Erhebungen der letzten Jahre zeigen, dass immer mehr Frauen es vorziehen würden, seltener zu menstruieren oder blutungsfrei zu sein», sagt Sibil Tschudin, Oberärztin an der Frauenklinik des Unispitals Basel. In einer repräsentativen Untersuchung in Deutschland gaben - je nach Altersgruppe - zwischen 37 und 66 Prozent der Frauen an, sie könnten auf die Periode verzichten.
Neben gesundheitlichen Problemen nannten die Befragten vor allem folgende Gründe, die für ein menstruationsfreies Leben sprechen: ohne Einschränkung reisen und Sport treiben können; Sex zu haben, wann eine Frau es möchte; Ende der starken Blutungen, die Kleidung und Bettzeug verschmutzen.
Verwendete Produkte: Mini-Pille, Spirale, Hormonstäbchen
Diesen Bedürfnissen kommen Frauenärzte immer häufiger entgegen - indem sie etwa die Mini-Antibabypille verschreiben, die jeden Tag ohne Unterbruch eingenommen werden muss. «Mini» deshalb, weil diese Verhütungspille kein Östrogen, dafür eine kleine Menge Gestagen enthält.
Neben dieser Pille gibt es andere Produkte, die die Menstruation dauerhaft unterdrücken: Hormonspiralen, die fünf Jahre lang wirken, und unter die Haut implantierte Hormonstäbchen mit einer Wirkungsdauer von drei Jahren.
Naturheilkundler befürchten Spätfolgen
Vor allem Komplementärmediziner haben grosse Bedenken gegenüber diesen Produkten. «Der ganze Hormonhaushalt - nicht nur derjenige der Geschlechtshormone - beruht auf einem komplexen Zusammenspiel», sagt zum Beispiel Edgar Ilg, Naturarzt und Geschäftsführer der Naturärzte-Vereinigung der Schweiz. Bei einem Eingriff in diesen Haushalt mittels «Dauerberieselung» durch Sexualhormone sei mit Sicherheit mit Spätfolgen zu rechnen. «Zudem hat aus naturheilkundlicher Sicht die Menstruation auch einen entgiftenden Charakter», so Ilg.
Bedenken anderer Art äussert die Zürcher Ärztin Barbara Wanner: «Mich ärgert es, dass uns von der Pharmaindustrie suggeriert wird, die Menstruation sei etwas Krankhaftes, das überhaupt nicht nötig wäre. Hier wird manipuliert, um den Verkauf der Präparate anzukurbeln.»
In Amerika gibt es bereits eine Verhütungspille mit Schlankmacher-Effekt. Und laut «NZZ am Sonntag» bringt der US-Konzern Wyeth Anfang nächsten Jahres die Antibabypille Lybrel auf den Markt: Die kann so lange eingenommen werden, wie die Frau es will.
Jenseits von allem Lifestyle gibt es aber auch gute Gründe für Produkte, welche die Menstruation unterdrücken. Barbara Wanner: «Medizinisch sinnvoll ist die Einnahme der Langzeitpille, wenn monatliche Beschwerden mit ihr behoben oder gelindert werden können, wie zum Beispiel starkes Kopfweh oder Migräne in der Pillenpause und übermässige Blutungen.»
Die gesundheitlichen Risiken bei der Langzeitpille gleichen denen der Monatspille: Infarkt, Herz-Kreislauf-Probleme, Thrombose. Aber die Risikofaktoren seien individuell, so Barbara Wanner: «Es ist ein Unterschied, ob eine übergewichtige 40-jährige Raucherin die Pille nimmt oder eine schlanke 20-jährige Nichtraucherin.»
Fruchtbarkeit nach Absetzen nicht beeinträchtigt
Positiv wirken kann die Langzeitpille auch bei Endometriose - eine gutartige Wucherung der Gebärmutterschleimhaut ausserhalb des Uterus. Ebenso bei gutartigen Tumoren an der Gebärmutter. Auch sinkt die Gefahr, unfreiwillig schwanger zu werden, weil das Medikament konsequenter eingenommen wird als die Monatspille. Möchte eine Frau dann doch schwanger werden, soll nach Absetzung der Langzeitpille die Fruchtbarkeit nicht beeinträchtigt sein.
Sibil Tschudin schliesslich nennt als mögliche Nebenwirkungen der Langzeitpille starke Schmier- und Zwischenblutungen vor allem nach Beginn der Einnahme. Sie empfiehlt, die Langzeitpille nicht über ein Jahr zu verwenden.
27. September 2006 | Angelica Schorre
