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Artikel | saldo 14/2006

Riesengeschäft mit Krebsmedikamenten

Für Betroffene sind Krebsmedikamente oft ein letzter Hoffnungsschimmer. Für die Pharmabranche sind sie ein Milliardengeschäft. Beim Bund toleriert man die horrenden Preise.

Das Geschäft mit der Hoffnung und der Angst von lebensbedrohlich an Krebs Erkrankten blüht. Beispiel: das Antibrustkrebsmittel Herceptin von Roche. Eine Ampulle à 150 Milligramm kostet sagenhafte Fr. 1290.20. Allein für eine einjährige Therapie nach einer Brustoperation rechnet man mit Kosten von rund 50 000 Franken. Meist dauern die Therapien jedoch mehrere Jahre.

Das Antibrustkrebsmittel ist gemäss dem Krebsspezialisten Christian Marti auch für die Ärzte ein gutes Geschäft: «Ein Onkologe oder ein Spital verdient an jeder mit Herceptin nachbehandelten Patientin 4500 bis 9600 Franken allein schon am Medikament», schreibt er in der «Schweizerischen Ärztezeitung».

Herceptin ist kein exotisches Medikament, das nur ganz selten eingesetzt wird, sondern ein Renner in der Krebsbekämpfung. Entsprechend verdient der Basler Konzern damit: 1,8 Milliarden Franken Umsatz machte Roche mit Herceptin allein im ersten Halbjahr 2006. Im Vergleich zum Vorjahr eine Verdoppelung der Verkäufe.
Auch mit den Krebsmitteln Mabthera oder Avastin erzielte Roche im letzten Jahr Umsätze von mehr als einer Milliarde Franken. «Value Driver» nennt der Konzern diese Produkte - «Goldesel» könnte man das übersetzen. Ein anderes Beispiel: Novartis erzielte mit dem Blutkrebsmedikament Glivec 2005 einen Umsatz von 2,6 Milliarden Franken. Diese Preise stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand für Forschung und Produktion. Das gibt die Pharmabranche auch zu. Alexander Klauser, Pressesprecher von Sandoz, sagt offen: «Bei der Preisfestsetzung für die neuen Medikamente orientiert man sich in erster Linie am Mehrnutzen.» Das bestätigt auch Bernhard Pestalozzi, Oberarzt an der Klinik für Onkologie des Unispitals Zürich: «Die Preisgestaltung der Pharmaindustrie basiert weder auf den Herstellungs- noch auf den Entwicklungskosten eines Produkts, sondern auf der Nachfrage.»

«Mehrnutzen» definieren die Krebsexperten so: Verlängerung des Überlebens, Verminderung des Rückfallrisikos oder Verbesserung der Lebensqualität. Solchen Nutzen objektiv zu messen, fällt schwer. Im Fall von Herceptin sei er aber erwiesen, meint Pestalozzi. Gemäss einer wissenschaftlichen Studie hatten 85 Prozent der an Brustkrebs operierten Frauen nach vier Jahren Behandlung mit Herceptin keinen Rückfall, ohne Herceptin nur 67 Prozent. «Das ist in der Onkologie ein sehr gutes Resultat», sagt Pestalozzi. Andere Fachleute schätzen den Nutzen deutlich geringer ein: «Für 19 von 20 mit Herceptin behandelte Patientinnen kann derzeit kein Einfluss auf die Überlebenschancen nachgewiesen werden», hält Christian Marti in der «Ärztezeitung» fest.

Bezahlt werden viele Krebsmedikamente aus der Grundversicherung der Krankenkassen. «Ihre Preise sind für uns ein grosses Ärgernis», sagt Peter Marbet von Santésuisse, dem Branchenverband der Krankenversicherer. Die von Bundesrat Couchepin gepriesenen Einsparungen durch Generika würden durch diese Hochpreismedikamente zunichte gemacht. Auch Xaver Schorno, Chefapotheker am Kantonsspital Luzern, kritisiert die Pharmaindustrie: «Erfolgreiche Firmen setzen auf Onkologika. Sie machen ihr Geschäft gut, das muss man ihnen lassen. Die Gewinne beweisen aber, dass die Preise zu hoch sind.»

Ob ein neues Krebsmedikament in die Spezialitätenliste aufgenommen und damit von der Grundversicherung bezahlt wird, entscheidet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zusammen mit der Eidgenössischen Arzneimittelkommission - in der auch Vertreter der Pharmabranche sitzen.

Die Pharmaindustrie macht für jedes Medikament einen Preisvorschlag, festgelegt wird er dann vom BAG. Den Vorwurf, das Bundesamt akzeptiere beinahe jeden Preis, weist BAG-Sprecher Daniel Dauwalder zurück: «Es gelangen durchaus nicht alle neuen Medikamente auf die Liste», betont er. Doch man könne nicht einfach die Preise einer ganzen Medikamentengruppe senken. «Wir behandeln Krebsmittel wie alle anderen Medikamente.»

Das Preisdiktat der Pharmabranche bestätigt der BAG-Sprecher indirekt aber doch: Den Pharmafirmen ist es laut Dauwalder freigestellt, ob sie ein Medikament in der Schweiz überhaupt anbieten wollen. Nähmen die Behörden ein Medikament allein wegen des Preises nicht auf die Spezialitätenliste, würde man den Patienten in der Schweiz ein neues Mittel vorenthalten.

13. September 2006 | Angelica Schorre


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