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Artikel | K-Geld 4/2006

Im Vermieterparadies - Karen Naundorf, Journalistin in Buenos Aires, Argentinien

Argentinien ist ein Land mit eigenen Regeln: Hier fahren Krankenschwestern in der gleichen Kleidung, in der sie später in der Notaufnahme stehen, morgens im voll besetzten Bus zur Arbeit. Autofahrer mit ausländischen Kennzeichen müssen seit kurzem an den Tankstellen den doppelten Preis fürs Benzin bezahlen. Und um eine Wohnung zu mieten, muss man eigentlich schon eine haben.

In Argentinien braucht man eine garantía, um eine Mietwohnung zu bekommen. Eine garantía ist eine Bürgschaft in Form einer anderen Wohnung. Sollte der Mieter die Bude abfackeln oder Mietschulden haben, bekommt der Vermieter die Wohnung des Bürgen. Und das kann nicht irgendeine Wohnung sein: Der Wohnraum muss einen vergleichbaren Wert haben, in der gleichen Gemeinde und in einer gleichwertigen Gegend liegen.

Wer also keine eigene (Erst-)Wohnung hat, braucht Freunde, die bereit sind, Haus und Hof zu verpfänden. Jemandem eine garantía zu geben ist der grösste Freundschaftsbeweis, den ein Argentinier geben kann. Verbürgt werden kann eine Wohnung zweimal, dreimal geht meist nicht mehr. Ganze Spiel?lme beschäftigen sich mit dem Thema.

Als Ausländerin ohne garantía hatte ich drei Möglichkeiten: Zu absurd hohen Preisen zur Untermiete hausen. Eine gefälschte garantía auf dem Schwarzmarkt kaufen und hoffen, dass sie nicht auffliegt. Jemanden ?nden, der sein Haus für mich verpfändet. Das Unglaubliche geschah: Der Vater eines Freundes - ich hatte den Mann noch nie zuvor gesehen - willigte ein.

Dann begann die Wohnungssuche: Vier Monate lang suchte ich Tag für Tag. Immer war die Wohnung schon weg. Am Anfang dachte ich, es liege an meinem ausländischen Akzent. Doch die Makler waren nicht ausländerfeindlich, sie waren misstrauisch: Sie glaubten nicht, dass eine Nicht-Argentinierin eine echte garantía haben könnte.

Erschwert wurde die Suche dadurch, dass es zu wenige Mietwohnungen gibt: Immer wieder kommt es vor, dass Mietwillige die erste Monatsmiete anzahlen, ohne die Wohnung gesehen zu haben. Nur, damit sie ihnen kein anderer vor der Nase wegschnappt.

Irgendwann fand ich sie, meine Wohnung. Ein Zimmer im Erdgeschoss, das andere im zweiten Stock, verbunden durch eine schmale, steile Treppe. Nichts für Familien, nichts für Menschen mit Gehproblemen. Ich zahlte an.

Beinahe hätte es trotzdem nicht geklappt: Die Lage der garantía-Wohnung war der Vermieterin zuerst nicht genehm. Dann wurde die Miete noch schnell angehoben. Und im Vertrag stand, dass ich als Mieterin sogar verantwortlich bin, wenn es reinregnet oder ein Rohr bricht.

Erst als Ruben, Rechtsanwalt und Onkel meines Freundes Martin, mir sagte, dass der Mietvertrag nicht legal sei, und versprach, im Fall eines Falles an meiner Seite für mein Recht zu kämpfen, unterschrieb ich. Ich hatte keine andere Wahl, wenn ich endlich eine Wohnung haben wollte.

Jetzt sitze ich seit vier Wochen in einer Wohnung, in welcher der Durchlauferhitzer Funken sprüht, der Herd kaputt ist, die Eingangstür klemmt, die Rohre durch die Wand nässen und alle Wasserhähne tropfen. Die Vormieter haben sogar den Sicherungskasten mitgenommen - und die Stromkabel mit Klebeband direkt aneinander geklebt.

Die Vermieterin hat das alles bisher nicht interessiert. Vielleicht sollte ich mir schon mal Onkel Rubens Nummer geben lassen.

30. August 2006


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