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Der Bund will das Transitverbot für teils skandalöse EU-Viehtransporte aufheben. Dabei kommt es bei Inlandtransporten schon heute oft zu Verstössen. Kontrollen gibt es kaum.
Experten des Schweizer Tierschutzes (STS) haben von 2003 bis 2005 133 Tiertransporte und Schlachthofannahmen unangemeldet kontrolliert - im Auftrag von Coop Naturaplan und kleineren Bio-Labels. Das Resultat: In 39 Fällen hatten Chauffeure mehr Schweine geladen als zulässig, bei 12 Rindertransporten ging von der Fahrzeugeinrichtung eine Gefahr für die Tiere aus und in 7 Fällen kam es beim Verladen zu Tritten, Schlägen und anderen Tätlichkeiten gegen die Tiere.
Bio Suisse, Kag Freiland: Keinerlei Kontrollen
Kurz: Bei drei Vierteln dieser 133 Kontrollen, also bei 99 Transporten, entdeckten sie Verstösse gegen Tierschutzbestimmungen und sprachen 245 Beanstandungen aus. «Die Zahlen sind beunruhigend», sagt Ernst Rutz, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft tierschutzkonformer Tiertransporte und Schlachthöfe (IGTTS).
Andere Zahlen von Tiertransportkontrollen gibt es nicht. Dabei dürfte der Konsument gerade von Bio-Labels erwarten, dass sie überprüfen, ob ihre strikteren Richtlinien auch umgesetzt werden. Doch das ist nicht der Fall.
- Die Migros verbietet zwar bei Tiertransporten für ihr Label M-7 - anders als das Gesetz - den Einsatz elektrischer Treibhilfen und Fahrzeiten über drei Stunden. Doch keiner kann sagen, ob sich Bauern und Chauffeure daran halten. Denn: Migros lässt die Transporte nicht von unabhängigen Kontrolleuren überwachen, Statistiken fehlen.
- Bio Suisse ist noch laxer. Die Label-Vorgaben für Tiertransporte gehen nicht über das Gesetz hinaus. Kontrollen: keine.
- Das Kag-Freiland-Label ist nur auf dem Papier strikt. Beispiel: Die Transportzeit darf eine Stunde nicht überschreiten. Aber: «Wir kontrollieren das vor Ort nicht nach», gesteht Hans-Georg Kessler von Kag Freiland. «Wir überlegen uns aber, ob wir das nicht müssten.»
Zu Recht beansprucht Coop-Sprecher Karl Weisskopf deshalb für sein Unternehmen, «schweizweit die einzige Institution zu sein, die solch unabhängige Kontrollen anordnet». Sanktionieren könne Coop Transportfirmen jedoch nicht, mangels direkter Verträge. Letztlich wirkten die STS-Kontrollen vor allem präventiv, glaubt Weisskopf.
Bei Tiertransporten hält sich auch der Staat zurück. Die Kantonspolizeien konzentrieren sich bei Verkehrskontrollen meist auf technische Aspekte. Aus gutem Grund: «Beim Tierschutz fehlt ihnen das Fachwissen», sagt IGTTS-Geschäftsführer Rutz. Deshalb soll es für Polizisten bald IGTTS-Kurse zum Thema gesetzeskonforme Tiertransporte geben.
Laut Gesetz muss der Veterinär jedes Tier begutachten
Den Amtstierärzten auf den Schlachthöfen wiederum fehlt es oft an Zeit, stellt der Chef des STS-Kontrolldienstes, Cesare Sciarra, fest. Laut Gesetz müssten sie jedes Tier punkto Tierschutz begutachten. «Das liegt nicht drin», sagt Sciarra. Dem widersprechen die Schlachthoftierärzte: «Wir untersuchen grundsätzlich jedes Tier, lebendig oder tot», sagt Werner Limacher, Präsident der Tierärztlichen Vereinigung für Lebensmittelsicherheit.
Die Solothurner Kantonstierärztin Doris König-Bürgi stellt jedoch fest, dass die Veterinäre in den Schlachthöfen Balsthal und Oensingen nur mindestens einmal im Monat stichprobenartig ankommende Transporte unter die Lupe nehmen. «Grobe Mängel sieht der Tierarzt da sofort», meint sie. Für Sciarra ist das zu wenig: «Man sieht dem Tier nicht immer sofort an, ob es ihm gut geht.»
Experten beim Bund widersprechen den Tierschützern. Walter Schleiss vom Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) findet, dass der STS in seinen Checklisten Punkte aufführe, die nicht tierschutzrelevant sind. Etwa Beschriftungsfehler auf den Camions. Schleiss: «Die vom STS bemängelten Zustände beeinträchtigen nicht alle das Wohlbefinden der Tiere.» Ähnlich sieht das Markus Brühlmann von der Fachgruppe Tiertransporte beim Spediteursverband Astag. Er fordert vom STS, «mehr zwischen schweren und leichten Übertretungen zu unterscheiden, weil die Letzteren nichts mit dem Tierschutz zu tun haben». Mit anderen Worten: Sie sollen es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen.
Bundesamt: «Qualität der Transporte eher gut»
Brühlmann sieht bei den Profi-Transporteuren ohnehin keinen Handlungsbedarf: «Wir haben in den letzten Jahren viel verbessert.» Auch der BVET-Beamte Schleiss schätzt die «Qualität gewerblicher Tiertransporte als eher gut» ein. Anzeigen und Verurteilungen seien schliesslich selten. Wen wundert das, wenn kaum kontrolliert wird.
Vielleicht gibt es in Zukunft trotzdem mehr strenge Tiertransportkontrollen. IGTTS-Chef Rutz will zusammen mit dem STS möglichst bald einen neuen Kontrolldienst auf die Beine stellen. Er hofft, dass dieser auch für Transporteure annehmbar ist, die STS-Kontrollen bisher als parteiisch ablehnten.
Transportkontrollen: Ein Augenschein im Simmental
STS-Kontrolleure heften sich im Morgengrauen an einen Tiertransporter und folgen ihm bis zum Schlachthof. saldo war dabei.
04.00 Uhr: Die Dispositionsliste hat die Vianco AG gestern schon gefaxt. Die STS-Kontrolleure Cesare Sciarra und Michael Hagnauer haben sich daraus einen Transport mit Natura-Beef-Rindern herausgepickt. Der Chauffeur weiss davon nichts. Er soll um 6 Uhr beim ersten Bauern im Simmental sein. Das wird knapp für die beiden STS-Kontrolleure. Hagnauer fährt 100 statt 80.
06.10 Uhr: Sciarra und Hagnauer entdecken den Transporter an einer Abzweigung. Sie grüssen den Chauffeur. In sechs Stunden muss er bei acht Bauernhöfen Rinder abholen und zum Schlachthof bringen. Die Kontrolleure werden ihn nicht aus den Augen lassen.
06.30 Uhr: Zweiter Hof. Das Rind ist drin. Hagnauer misst die Ladefläche mit einem Laser-Distanzgerät aus, denn die Angaben der LKW-Hersteller stimmen oft nicht. Doch der Camion ist einwandfrei, die Ladefläche sauber, die Rampe mit rutschfestem Gummi und Stroh bedeckt, die Seitenabsperrungen sind lang und hoch genug. Kein Tier kann herunterfallen.
07.00 Uhr: Der dritte Hof. Ein Verlad wie aus dem Lehrbuch: Der Bauer stellt in aller Ruhe Gitter auf, die den Rindern nur einen Weg lassen. Sie kommen, zögern, laufen rein.
08.00 Uhr: Postkarten-Bauernhof auf einer Anhöhe. Der Bauer rückt zackig Gatter zurecht. Später zerrt er wild am Seil, an dem das Rind angebunden ist, das Tier rührt sich nicht. «Wer hektisch wird, macht das Tier verrückt», sagt Sciarra. «Man muss ihm Zeit lassen, dann läuft es von allein.»
10.00 Uhr: Fünfter Hof. Ein neuer Stall. Drei Rinder kommen in den Auslauf. Ohne Absperrungen sollen sie nun in den Transporter hineinlaufen. Ihr Fluchtreflex ist stärker. Sie büxen aus, eines verrennt sich in der Nische neben dem Camion, zweien gelingt die Flucht zurück in die Wärme des Stalls. Der Bauer jagt sie hinaus. Das wiederholt sich zweimal. Dann tippelt ein Rind doch noch zur Rampe, ein zweites hinterher. Der Chauffeur hat genug und packt ihre Schwänze, dreht sie grob ein. Die Kontrolleure wechseln Blicke: Schwanzquetschen ist gesetzlich verboten, kann zu Verletzungen führen. «Das muss man den Leuten austreiben», sagt Sciarra.
11.00 Uhr: Ein Imbiss an der A 6. Der Chauffeur schlürft Kaffee in der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepause. Hagnauer tadelt: «Es bringt nichts, wenn du den Schwanz eindrehst.» Der Chauffeur sagt kleinlaut: «Man macht es aus Gewohnheit.»
12.35 Uhr: Schlachthof Oensingen. Der Transporter fährt an die Rampe, eine halbe Stunde zu spät. Das liegt noch drin. Die Rinder drängen nach draussen. Wenig später stehen sie in Wartebuchten. Laut Gesetz muss ein Veterinär sie nun untersuchen. Vielleicht kommt er noch.
13.30 Uhr: «Es war ein eher guter Transport», sagt Hagnauer. Nichts Schlimmes, keine Überbelegung, keine blutigen Nasen, keine Notschlachtung. Der Kontrollbericht vermerkt später fünf Beanstandungen, eine wegen des Seilzerrens, drei für Landwirte wegen «ungenügender Verladevorrichtungen», eine schwere für den Chauffeur wegen Schwanzquetschens. Schlimmstenfalls rüffelt ihn sein Chef. «Unser Problem ist», sagt Sciarra, «dass wir keine Sanktionen verhängen können.»
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30. August 2006 | Eric Breitinger
