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Artikel | Gesundheits-Tipp 7+8/2006

«Ich habe nur gelitten»

Segler kennen es: Die See wird rau, der Magen flau. Doch auch Passagiere auf Fähren oder Kreuzfahrtschiffen sind nicht davor gefeit, seekrank zu werden.

Ein Segeltörn in Griechenland - darauf hatte sich Gabi Finkbeiner aus Zürich schon lange gefreut. Doch als die Gruppe auf der Insel Samos ankam, tobte ein heftiger Sturm, an Auslaufen war nicht zu denken. «Am nächsten Tag war das Wetter gut, aber die Wellen waren immer noch sehr hoch», erinnert sich die 35-Jährige.

Kaum verliess das Schiff den Hafen, passierte es: Gabi Finkbeiner wurde seekrank. «Von einer Minute auf die andere wurde mir so schlecht, dass ich erbrechen musste», sagt sie. Für Medikamente war es schon zu spät: Sobald sie etwas schluckte, musste sie gleich wieder erbrechen.


Hoher Seegang überfordert das Innenohr

«Ich habe den ganzen Tag nur gelitten», erzählt sie. Einzig wenn sie sich hinlegte und die Augen schloss, wurde die Übelkeit etwas erträglicher. «Doch kaum stand ich auf, wurde mir wieder hundeelend.»

Gerade auf Segelschiffen werden viele Menschen seekrank. Denn je kleiner ein Schiff ist, desto mehr schaukelt und schlingert es. Doch auch auf Fähren oder Kreuzfahrtschiffen, die weniger schwanken, dreht sich bei manchen Passagieren der Magen um. Schuld daran ist das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, sagt Peter Ott, Professor für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten am Unispital Zürich: «Es ist solche Bewegungen nicht gewohnt.»

Auch Oliver Stolz weiss, was es heisst, seekrank zu sein. Als Skipper war er vor zwei Jahren auf dem Atlantik unterwegs, von den kanarischen Inseln nach Madeira, 600 Kilometer westlich der marokkanischen Küste. «Vier Tage lang mussten wir bei schlechtem Wetter ständig gegen den Wind segeln», erzählt der 33-Jährige Stolz. «Von sechs Leuten an Bord wurden vier seekrank.»

Am schlimmsten sei es in der Nacht gewesen. «Es war stockdunkel, der Mond war nicht zu sehen. Da hat man keine Ahnung, wo der Horizont ist.» An ruhigen Schlaf war nicht zu denken, das Schiff stand dauernd schräg. Ein Teufelskreis: «Ich wurde immer müder und deshalb noch stärker seekrank.»

Hinzu kam: Auf diesem Törn trug Oliver Stolz die Verantwortung für das Schiff. «Die Anspannung hat die Seekrankheit noch verstärkt.» Eine Erfahrung, die auch Gabi Finkbeiner gemacht hat: «Vor den Griechenland-Ferien hatte ich Stress bei der Arbeit. Das war wohl mit ein Grund, dass mir derart schlecht wurde.» Finkbeiner gehört sonst nicht zu denen, die Probleme mit dem Seegang haben.

Vieles passiere im Kopf, ist Skipper Oliver Stolz überzeugt. Deshalb versucht er, die Leute von ihrer Seekrankheit abzulenken, indem er sie beschäftigt: «Wenn jemandem mulmig wird an Bord, schicke ich ihn ans Steuer.»


Gleichgewichtsorgan und Auge melden nicht dasselbe

Dies hat noch einen weiteren Vorteil: Der Betroffene konzentriert sich auf den Horizont. Das hilft. Wenn man hingegen nur das schwankende Schiff anschaut, verstärkt sich die Seekrankheit. Der Grund: Das Auge registriert keine Bewegung, das Gleichgewichtsorgan aber schon. «Dieses Auseinanderklaffen der Signale», so Mediziner Ott, «führt zu Übelkeit.»

Deshalb lautet der wichtigste Tipp gegen Seekrankheit: Gehen Sie auf Deck und ?xieren Sie einen Punkt am Horizont. Hilft dies schon nicht mehr, sollte man an einen Ort gehen, der in der Mitte des Schiffes liegt. Dort sind die Bewegungen am kleinsten. Am besten legt man sich hin und schliesst die Augen. Dies gilt auch für grössere Schiffe, wie Mediziner Peter Ott aus eigener Erfahrung weiss: «Ich werde relativ schnell seekrank. Auf einer Kreuzfahrt habe ich jeweils im Esssaal übernachtet, weil es dort am wenigsten schwankte», lacht er.


Akupressur am Unterarm kann gegen Übelkeit helfen

Medikamente gegen Seekrankheit helfen am besten, wenn man sie frühzeitig nimmt, sagt Peter Ott: «Wer emp?ndlich ist, sollte schon eine Tablette schlucken, bevor er das Schiff betritt.» Allerdings haben alle wirksamen Medikamente einen Nachteil: Sie machen müde. Deshalb der Tipp von Skipper Oliver Stolz: «Wer Pillen schlucken will, tut dies am besten vor dem Schlafengehen.»

Gefährlich kann die Schläfrigkeit für Reisende werden, die im Auto unterwegs sind und während der Überfahrt mit einer Fähre Medikamente schlucken. Wer danach gleich weiterfährt, riskiert einen Unfall, warnt Peter Ott: «In diesem Fall soll jemand ans Steuer, der keine Medikamente genommen hat. Oder man muss vor dem Weiterfahren eine Ruhepause einlegen.»

Doch es gibt Alternativen zu Medikamenten: Auch Akupressur kann gegen Seekrankheit helfen. Der entsprechende Punkt liegt auf der Innenseite des Unterarms, drei Fingerbreit oberhalb des Handgelenks zwischen den beiden mittleren Sehnen. Massieren Sie diesen Punkt beidseitig sanft. In der Apotheke gibt es auch Armbänder, die auf diesen Punkt drücken.


«Nicht jeder Seebär war von Anfang an hochseetauglich»

Wer pflanzliche Mittel bevorzugt, kann es mit Ingwer probieren - frisch, kandiert oder als Tabletten vertreibt die scharfe Wurzel bei vielen Betroffenen die Übelkeit.

Zum Schluss noch ein Trost für jene, die glauben, sie hätten keine Chance gegen die Seekrankheit: Mit der Zeit gewöhnt sich das Hirn an die ungewohnten Bewegungen, und die Neigung zur Seekrankheit nimmt ab. Peter Ott: «Nicht jeder Seebär war von Anfang an hochseetauglich.»



So schützen Sie sich vor Seekrankheit

- Essen Sie am Abend vor der Seereise nichts Fettiges und wenig Ballaststoffe.
- Beginnen Sie den Segeltörn, die Überfahrt, die Seereise ausgeschlafen und ohne Hektik.
- Bleiben Sie auf Deck und behalten Sie den Horizont im Auge.
- Essen Sie während der Fahrt kleine Mengen Zwieback oder Salzbrezeln. Manchmal hilft auch Kaugummi.
- Trinken Sie Wasser oder lauwarme Cola in kleinen Schlucken.
- Meiden Sie penetrante Gerüche wie Benzin-, Toiletten- oder üble Essensgerüche.
- Lesen Sie nicht während der Fahrt.
- Verzichten Sie auf Alkohol, Kaffee und Tabak.

28. Juni 2006 | Christian Egg


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