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Artikel | K-Tipp 12/2006

Im Netz ins Netz gegangen

Risikofaktor Internet: Tausende sind schon in Abo-Fallen getappt - angelockt durch Gratis-SMS. Doch getäuschte Kunden können sich wehren.

So etwas haben wir noch nie erlebt», sagt Alain Dupont von der K-Tipp-Rechtsberatung. «Es gibt Tage, da geht es bei jedem zweiten Anruf um das Thema SMS-Abo.» Betroffen sind vor allem Jugendliche: Auf diese haben es dubiose Anbieter im Internet besonders abgesehen.

Die Masche der vorwiegend deutschen und österreichischen Anbieter: Sie ködern junge Leute mit Gratis-SMS-Diensten, zum Teil auch mit Gewinnspielen und Aufgabenhilfen. Meldet sich jemand an, löst er ahnungslos ein Jahres-Abo. Je nach Anbieter kostet es zwischen 80 und 90 Euro - zu bezahlen im Voraus.

Zwar steht irgendwo auf der Internet-Seite, dass der Kunde ein Abonnement löst - aber die Information ist gut versteckt, meist in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Zahlt der Kunde nicht, reagieren die Anbieter und ihre Inkassobüros rüde: Sie schicken selbst Kindern Mahnungen und drohen mit rechtlichen Schritten.


Simsen.de setzt Opfer unter Druck

Ein berüchtigter Anbieter im Netz ist Simsen.de. Bereits im Februar berichtete der Kassensturz über die österreichische Abzocker-Firma. Mit den Vorwürfen konfrontiert, gelobte Simsen-Chef Robert Fritzmann Besserung und versprach allen, die vor dem 1. Februar in die Abo-Falle geraten waren: «Wer nicht mehr als 100 Gratis-SMS verbraucht hat, kann problemlos kündigen und auch alle Mahnungen vergessen.»

Sprachs - und macht weiter: Simsen.de setzt seine Opfer bis heute massiv unter Druck. Wie etwa Peter Giger, der auf den Gratis-SMS-Trick lange vor dem 1. Februar hereingefallen ist und damals noch minderjährig war. Fritzmanns Berliner Anwälte drohen dem jungen Mann per Brief mit Zwangsvollstreckung und Kosten von 1200 Euro sowie einer Strafanzeige wegen Betrugs, wenn er die Abo-Gebühren nicht sofort bezahle.


«Das ist ein Erpressungsversuch»

Giger Betrug vorzuwerfen, ist nach Einschätzung von Strafrechtsprofessor Christian Schwarzenegger von der Uni Zürich jedoch völlig aus der Luft gegriffen. Dazu hätte Giger durch arglistige Täuschung der Firma bewusst einen Schaden zufügen müssen. Unzulässig seien erst recht die Drohungen von Simsen.de: «Das ist ein Erpressungsversuch», so der Strafrechtler. Wer jemanden durch Androhung von Gewalt oder ernsthaften Nachteilen veranlasse, Geld zu zahlen, mache sich der Erpressung schuldig. Er emp?ehlt Giger, den Spiess umzudrehen und den Fall der Wiener Justiz zu melden. Simsen-Chef Robert Fritzmann hat zu den Vorwürfen nicht Stellung genommen.



Auf keinen Fall bezahlen!

Wer in die Abo-Falle getappt ist, sollte auf keinen Fall bezahlen: War der Hinweis auf die Kosten nicht deutlich hervorgehoben, ist der Abo-Vertrag nicht verbindlich.

Schreiben Sie dem Anbieter, dass Sie den Vertrag wegen Täuschung anfechten. Hat sich Ihr Kind angemeldet, weisen Sie darauf hin, der Vertrag sei wegen Minderjährigkeit ungültig. Denn die geforderte Summe übersteigt das Taschengeld eines Jugendlichen. Das gilt auch, wenn sich das Kind bei der Anmeldung älter gemacht hat, als es ist. Dieses Risiko trägt der Betreiber.

Lassen Sie sich durch Mahnungen, Zahlungsaufforderungen oder gar Androhung von Strafanzeigen nicht unter Druck setzen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Betreiber gegen tausende von Einzelpersonen in der Schweiz rechtlich vorgehen werden.

Achtung: Manche Anbieter haben die Transparenz erhöht. Ist auf einen Blick ersichtlich, dass das Angebot kostenpflichtig ist, kann sich der Internet-User nicht mehr auf absichtliche Täuschung berufen. Dehalb gilt generell: Wer sorglos durchs Internet klickt und persönliche Angaben macht, ohne genau hinzuschauen, geht ein grosses Risiko ein.

Und wer nicht auf Gratis-SMS verzichten will: Es gibt auch seriöse Angebote wie etwa www.postmail. ch. Wer sich dort eine kostenlose E-Mail-Adresse reserviert, kann jeden Monat 50 Gratis-SMS verschicken. Diese sind werbefrei. Weitere Angebote - teils jedoch mit Werbung - finden sich auf www.teltarif.ch.

(ko)

14. Juni 2006 | Anatol Hug, Bennie Koprio


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