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Artikel | saldo 11/2006

Farbige Pillen wirken besser

Placebos sind Medikamente, die keinen Wirkstoff enthalten. Und dennoch können sie einen Heilungsprozess in Gang setzen.

Mehr als die Hälfte der Ärzte verschreibt regelmässig Scheinpräparate wie etwa harmlose Vitaminpillen. Dies ergab eine anonyme Befragung unter deutschen Medizinern. Auch in Spitälern kommen Placebos zum Einsatz. Mancher Patient erhält, wenn er nicht schlafen kann, eine Zuckerpille, weiss Claus Derra, Arzt und Psychologe der Rehabilitationsklinik Taubertal (D). Oft sind die Patienten mit der Wirkung zufrieden. Nicht weil sie sich ihr Leiden eingebildet haben, sondern weil Placebos tatsächlich Veränderungen im Körper auslösen.


Bis zu 40 Prozent der Patienten hat weniger Beschwerden

Wie stark Placebos wirken, hängt allerdings von der Krankheit ab. «Bei Aids oder Krebs sind relativ geringe Effekte zu beobachten», sagt Samuel Vozeh, Direktor der Zulassungsbehörde Swissmedic. Gute Wirkung haben Scheinmedikamente hingegen bei Magen-Darm-Störungen, Erkältungen, Schmerzen, Bluthochdruck oder Asthma. Sie verringern bei bis zu 40 Prozent der Patienten die Beschwerden. Dies belegen nicht nur Patientenbefragungen, sondern auch Messungen des Blutdrucks oder der Herzfrequenz.

Besonders stark sprechen Patienten mit Depressionen und Angststörungen auf Placebos an. Mit Quoten von 50 Prozent erreichen sie zum Teil gleich gute Resultate wie Vergleichsgruppen, die echte Medikamente eingenommen haben.


Je bitterer die Medizin, desto besser

Wie gross der Placebo-Effekt ist, hängt auch von der Behandlungsmethode ab: je grösser der Eingriff, desto besser die Resultate. So rufen Spritzen und Infusionen eine grössere Wirkung hervor als Salben oder Tabletten. Selbst bei den Tabletten gibt es Unterschiede: Blaue Tabletten wirken eher beruhigend, rote gegen Schmerzen und Entzündungen und grüne angstlösend. Und weil die Bitterkeit der Medizin sprichwörtlich ist, verwundert es auch nicht, dass ein unangenehmer Geschmack mehr wirkt als ein neutraler.

Ein besonders starker Placebo-Effekt lässt sich nach Operationen beobachten. 1996 wurden in Houston (USA) von 180 Arthritispatienten nur zwei Drittel tatsächlich am Knie operiert, die anderen erhielten lediglich oberflächliche Schnitte auf der Haut. Nach zwei Jahren waren 90 Prozent der Patienten mit der Heilung zufrieden. Unter den schmerzfreien Patienten waren die Scheinoperierten sogar in der Mehrzahl.

Wie es möglich ist, dass der Kopf den Körper derart überlistet, fanden Wissenschafter der Universität Michigan (USA) im letzten Jahr heraus: Sie fügten 14 Freiwilligen Schmerzen zu, indem sie ihnen eine Salzlösung in den Kiefermuskel spritzten. Anschliessend verabreichten sie nicht wie angekündigt ein Schmerzmittel, sondern ein Scheinmedikament. Als die Forscher dann die Hirnaktivität der Testpersonen ermittelten, stellten sie fest, dass sich in den vier Regionen, die für Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung zuständig sind, die Aktivität deutlich erhöhte. Es wurden mehr schmerzlindernde Endorphine ausgeschüttet. Derra erklärt diesen Mechanismus so: «Der Patient erwartet eine gewisse Wirkung. Diese Erwartung regt das Gehirn an, körpereigene Schmerzmittel oder andere Botenstoffe zu produzieren.»

Tatsächlich entscheidet das Gehirn unbewusst, welches System es für die Eigentherapie aktiviert. So wurden in einer Hamburger Studie Schmerz- und Parkinson-Patienten die gleichen Placebos verabreicht. Während Erstere nach dem Einnehmen der Medikamente weniger Schmerzen verspürten, produzierte das Gehirn der Parkinson-Patienten, die an Dopaminmangel leiden, plötzlich mehr Dopamin.


Schnellere Genesung bei positiv eingestellten Ärzten

Eine erhebliche Rolle für den Placebo-Effekt spielt auch das Nachlassen von Krankheitsstress. Claus Derra: «Die Gewissheit, dass etwas gegen ihre Beschwerden unternommen wird, reduziert Stress- und Angstgefühle.» Ebenso wichtig ist das Arzt-Patienten-Verhältnis. Placebo-Studien zeigen: Wenn sich Mediziner Zeit nehmen und sich besonders positiv über das Scheinmedikament äussern, genesen die Patienten schneller als bei skeptischen Ärzten.

«Es lohnt sich, den Placebo-Effekt ernst zu nehmen», sagt Claus Derra, «er könnte vor allem die bestehenden Therapien der Schmerzbehandlung wirkungsvoll ergänzen.»

07. Juni 2006 | Sigrid Cariola


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