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Artikel | K-Geld 3/2006

Schulden und Raten - Karen Naundorf, Journalistin in Buenos Aires, Argentinien

Juana hält den linken Fuss hoch, damit ich ihre neuen Schuhe besser sehen kann: «Schau mal, hab ich heute gekauft! Nur 20 Pesos!»
20 Pesos? Für ein paar Turnschuhe, neu, Markenware? Unmöglich. 20 Pesos - das sind etwa 8 Franken und 15 Rappen.

«Das muss Hehlerware sein», sage ich.
«Gut, es sind sechs Raten à 20 Pesos, ohne Zinsen. Aber jetzt lass uns feiern!», sagt Juana und öffnet die Tür zu ihrer neuen Wohnung. «Neu» ist das Stichwort des Abends: Der neue Kühlschrank. Das neue Sofa. Der neue Freund. Alles ist neu. Alle strahlen. Irgendwann lösen «Ratenkauf» und «Kreditkarte» das Wort «neu» ab.

Alle strahlen weiter.

Juana ist ein Beispiel dafür, was Argentinier mit Geld, das sie nicht haben, am liebsten machen: Sie geben es aus. Die Raten-Kultur ist besonders deutlich in den Werbebeilagen der Tageszeitungen zu sehen. Dort steht der Gesamtpreis meist nur im Kleingedruckten. Fett gedruckt ist der Wert von einer von 24 Monatsraten. Das sieht dann auf den ersten Blick so aus, als könnte man ein Home-Cinema mit Fernseher, DVD-Player und Lautsprechern für 133 Pesos kaufen.

Allerdings: Nur wer eine Kreditkarte hat, kann in Raten zahlen. Wem die Bank keine Karte gibt, der muss auf den Kühlschrank warten, bis er das Geld zusammenhat. Geht mir übrigens auch so. Ausländische Karten sind nicht für den Ratenkauf zugelassen.

Juana ist der Prototyp des argentinischen Ratenkäufers. Sie hat ein festes Einkommen und eine in Argentinien ausgestellte VisaKarte. Doch eines scheint ihr bisher nicht klar zu sein: Viele kleine Raten sind eine grosse. Deshalb mache ich mir Sorgen um sie. Und nicht nur ich.

Kürzlich nahm mich unser gemeinsamer Freund Nico beiseite und schlug eine erzieherische Massnahme vor: «Ich will Juana ins Schuldenmuseum lotsen. Kommst Du mit?»

Klar will ich mitkommen. Das Museo de la Deuda Externa, das Museum der Auslandschuld, gibt es noch nicht lange. Wirtschaftsstudenten haben dort das argentinische Schuldendrama dokumentiert. Man erfährt alles: Dass Argentinien 1824 den ersten Kredit von England aufnahm. Dass die Militärjunta in der Zeit von 1976 bis 1983 die Verschuldung von 8 auf 40 Milliarden US-Dollar hochtrieb.

«Schulden sind ein Geschwür. Wegen der Schulden gibt es Hunger und Armut in diesem Land», sagt Nico am Eingang des Museums. Juana nickt. Sie sieht gut aus in ihrer neuen Jacke.

Die Studenten führen durch das Museum. «Trauen Sie sich? Dann stecken Sie die Hand ins schwarze Loch», sagt der Guide, ein stämmiger Student mit randloser Brille. Er zeigt auf eines der Ausstellungsstücke: eine mit schwarzem Stoff verkleidete Holzwand mit etwa 20 faustgrossen Löchern.

Über jedem Loch steht ein Begriff. Bildung. Forschung. Sicherheit. Infrastruktur. Gesundheit. «Alles Dinge, für die Argentinien kein Geld hat, weil es die Auslandschulden zahlen muss», sagt der Guide. Juana nickt.

Ein anderes Exponat erinnert an Zeiten, in denen Einwanderer «Träume aus Gold» hatten. Das steht auf einer Tafel, die über dem Karren eines Cartoneros, eines Papiersammlers, hängt. «Statt aus Gold sind die Träume heute aus Karton», liest Juana vor, «aus diesem Karton, den Tag für Tag Tausende Argentinier im Müll suchen.»

Seit unserem Besuch im Schuldenmuseum spendet Juana, damit die Kinder der Papiersammler zur Schule gehen können. Die Transaktion läuft über die Kreditkarte. Jeden Monat werden 20 Pesos von ihrem Konto abgebucht.

24. Mai 2006


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