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Ein Schluck aus der Flasche - und schon habe man Früchte gegessen. Das suggeriert die Werbung für das Knorr- Produkt Vie. Doch so einfach geht es nicht.
Eine neun Zentimeter grosse Flasche, etwas mehr als doppelt so gross wie die Erdbeere daneben. Dazu die Werbebotschaft: «50 % Ihres täglichen Bedarfs an Früchten und Gemüse.» So wirbt Knorr für ihr neues Produkt Vie.
In dem Fläschchen ist jedoch nur Konzentrat von Bananenmark, Orangen- und Karottensaft drin, dazu etwas Apfelpektin. Zudem ist das Konzentrat pasteurisiert.
Für Carine Buhmann, Ernährungsfachfrau des «Gesundheitstipp», ist klar: «Diese Werbung ist irreführend. Saft und Mus können die frische Frucht nicht ersetzen. Denn sie enthalten nicht mehr alle gesunden Stoffe der frischen Frucht.»
Saft und Mus: Mehr kaputte Zähne, mehr Übergewicht
So schneiden Säfte und Mus in einigen Punkten schlechter ab als eine frische Frucht:
- Sie enthalten weniger Fasern, die vor Verstopfung und vermutlich auch vor Dickdarmkrebs schützen.
- Sie fördern Übergewicht, weil sie weniger sättigen als frische Früchte, aber dennoch Kalorien haben.
- Sie fördern die Erosion des Zahnschmelzes. Beim Kauen einer Frucht neutralisiert der Speichel die Säure.
- Sie lassen den Blutzucker rascher ansteigen als eine frische Frucht.
Für Buhmann kann deshalb ein Produkt wie Vie nur eine Ergänzung sein zu frischem Obst und Gemüse.
Knorr-Ernährungsberaterin Caroline Bernet betont, Vie sei kein herkömmlicher Saft: «Er enthält mehr Nahrungsfasern als ein normaler Saft.» Die 65 bis 75 Kilokalorien pro Fläschchen förderten auch Übergewicht nicht. So enthalte ein halber Liter Orangensaft 230 Kilokalorien. Auch der Blutzucker steige nicht stärker an als nach dem Essen eines Apfels. Doch auch Bernet räumt ein: «Das Produkt ersetzt den Konsum von frischen Früchten und Gemüse nicht. Es ist eine Ergänzung.»
In ihrem Inserat zitiert Knorr die Empfehlungen der Kampagne «5 am Tag». Die Kampagne wird vor allem vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und von der Krebsliga ?nanziert und will die Bevölkerung dazu bewegen, täglich fünf Portionen Gemüse oder Früchte zu essen.
«5 am Tag»-Kampagnenleiterin ist voller Unmut
Mit ihrer Werbung für Vie untergräbt Knorr allerdings die Schweizer Empfehlungen. Für die Kampagne «5 am Tag» entsprechen fünf Portionen insgesamt 600 Gramm Obst und Gemüse. So viel sollten die Menschen in den Industrieländern essen, die sich eher wenig bewegen.
Knorr bezieht sich hingegen auf die WHO, die nur 400 Gramm emp?ehlt. In einem Fläschchen Vie hat es 200 Gramm verarbeitete Früchte und Gemüse. Knorr macht so den Konsumenten in der Werbung weis, dass in einer Flasche bereits die halbe Tagesration stecke. Entsprechend gross ist der Unmut bei «5 am Tag»-Kampagnenleiterin Ursula Zybach: «Ich ?nde es bedauerlich, dass sich Knorr in der Schweiz auf die Richtlinien der WHO bezieht und damit Verwirrung stiftet.»
Knorr-Ernährungsberaterin Bernet entgegnet, die Firma sei ein internationales Unternehmen. Knorr beziehe sich auf internationale Experten, aber auch auf die Schweizer Empfehlung . Dies werde auch in der Werbung und auf dem Produkt vermerkt.
Früchte und Gemüse - am besten roh
- Essen Sie regelmässig Früchte und Gemüse. Möglichst oft roh; beim Kochen gehen Vitamine und Pflanzenstoffe verloren.
- Anzustreben sind fünf Portionen täglich.
- Wählen Sie möglichst viele verschiedene Früchte und Gemüse.
- Ersetzen Sie höchstens eine Portion pro Tag durch Frucht- oder Gemüsesaft.
10. Mai 2006 | Tobias Frey, Redaktionsleiter
