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Artikel | K-Tipp 9/2006

Zug fahren ist sexy

Jedes Jahr das gleiche Ritual. An Ostern hüpfen noch vor dem Morgengrauen Tausende aus ihren Betten, steigen in aller Herrgottsfrühe in ihre Autos, um ihn ja nicht zu verpassen: den Stau am Gotthard. Stossstange an Stossstange. Kilometerlange Blechlawinen. Stundenlanges Warten. Meter um Meter bewegen sie ihre Tonne Blech, eingeschlossen in ihren Fahrgastzellen. Eine wahre Pein, sollte man meinen.

Was suchen diese Menschen hier?, frage ich mich, während ich in meinem Wagen an ihnen vorbeifahre. Mit 125 Stundenkilometern sause ich Richtung Gotthard, 8300 PS unter der Haube - im Eurocity mit Fahrziel Tessin.

Bequem sitze ich im Speisewagen, schlürfe meinen Kaffee und denke nach, während die herrliche Landschaft an meinem Panoramafenster vorbeizieht. Vielleicht entspricht der Osterstau einem spirituellen Bedürfnis?, philosophiere ich. Früher gingen die Menschen zum Gottesdienst in die Kirche, heute fahren sie zum Stau an den Gotthard.

Rational denkende Menschen können dieses seltsame Gebaren nur schwer verstehen. Im Zug kann man lesen, mit Freunden jassen oder schlafen. Ein Autofahrer kann dagegen nur ganz kurz schlafen - oder dann für ewig.

Zug fahren ist sexy. Der Zug hat Minibar, viel Stauraum fürs Gepäck und ausreichend Platz für die Füsse. Der Preis fürs Billett ist moderat. Für eine Rückfahrkarte von Zürich nach Lugano bezahlt eine Familie mit zwei kleinen Kindern 114 Franken. Im Auto ist die Reise viel teurer, wie der TCS ermittelt hat. Für jeden Kilometer in einem Mittelklassewagen muss der Fahrer mit 90 Rappen rechnen. Eine Fahrt nach Lugano (420 Kilometer hin und zurück) kostet ihn 378 Franken. Das sind 264 Franken mehr. Der Zug ist sicherer, braucht weniger Energie und schont die Umwelt.

Doch nichts scheint der Seele so gut zu tun wie ein Osterstau am Gotthard. Tausende versammeln sich dort am Karfreitag zur kollektiven Selbstkasteiung. Wahrlich ein Mysterium.

01. Mai 2006 | Wolfgang Wettstein, Redaktionsleiter «Kassensturz»


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Coop-Kunden sollen nicht mehr erfahren, aus welchem Land Importprodukte kommen. «Hergestellt in der EU» genüge. Was halten Sie davon?
Das Herkunftsland muss weiterhin deklariert werden.
Nur das Herkunftsland reicht nicht. Es sollte noch viel detaillierter deklariert werden.
Kein Problem. Ich achte sowieso nicht drauf.
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