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Artikel | K-Tipp 8/2006

Das Strahlenmehr

Geräte gegen Elektrosmog sind ein gutes Geschäft. Aber: Einige erzeugen sogar selber Elektrosmog, wie Messungen des K-Tipp ergaben.

Die Beschriebe der Anti-Elektrosmog-Produkte klingen fantastisch: Sie wandeln angeblich «negative» elektromagnetische Strahlung in positive um, «harmonisieren» elektrische und magnetische Felder oder können den Stromkreislauf von «linkszirkular in rechtszirkular umpolarisieren». Auf dem Markt erhältlich sind Chips fürs Handy, Stecker, Steine, Holz- und Plexiglasfigürchen und vieles mehr.

Der K-Tipp liess drei Produkte durch die Firma Weitnauer Messtechnik in Näfels untersuchen: Ein «Haus-Harmonizer», ein steckerähnliches Kunststoffgehäuse mit einem 20 Rappen grossen Chip drauf (der ohne Strom funktioniert, aber in die Steckdose gesteckt wird), ein Handy-Chip sowie eine Energie-Karte. Alle drei Produkte stammen von der Firma EnergyLife (Augsburg, Deutschland) und werden über ein Vertreternetz in der Schweiz verkauft.

Das Resultat: Der «Haus-Harmonizer» produziert - obschon kein Strom fliesst - selber Elektrosmog. Das elektrische Feld (das aufgrund des Abstands zwischen den Steckerstiften entsteht) beträgt 12 Zentimeter oberhalb der Steckdose 165 V/m (Volt pro Meter). Damit ist das elektrische Feld über 55 Prozent stärker, als wenn kein «Harmonizer» eingesteckt ist.

Zudem ist der 232 Franken teure «Harmonizer» gegen magnetische Felder wirkungslos: In einer zweiten Steckdose schloss der Messtechniker einen Heizlüfter an, der in unmittelbarer Nähe des Kabels den Vorsorgegrenzwert von 1000 Nanotesla überschreitet - «Harmonizer» hin oder her.


«Keine andern Effekte als ein Stück Blech»

Ebenfalls nutzlos ist der Chip (20 Franken), der auf die Rückseite eines Handys geklebt wird und gemäss Hersteller elektromagnetische Wellen des Handys harmonisiert, «so dass sie für Menschen nahezu unschädlich sind». Tatsächlich aber kann der Chip mit seiner hauchdünnen leitfähigen Folie mehr schaden als nützen: Bringt man nämlich eine leitfähige Masse (in diesem Fall ein Chip) in die Nähe der Antenne (also auf die Handyrückseite), führt dies zu einem schlechteren Abstrahlverhalten des Geräts. Die Folge: Das Handy schraubt die Sendeleistung herauf, die Bestrahlung für den Benutzer nimmt zu. ETH-Ingenieur Adrian Weitnauer warnt: «Vom Aufbringen leitfähiger Gebilde in der Nähe der Handyantenne muss grundsätzlich abgeraten werden.»

Bei der «Energy Card» (62 Franken), die «natürliche magnetische Wellen» beeinflussen und so den Geschmack von Lebensmitteln «revitalisieren und verbessern» soll, gab es nicht viel zu messen: Die Energiekarte enthält weder einen Hohlraum noch Fremdmaterial. Weitnauer: «Die Energy Card wird keine andern Effekte hervorbringen können als ein normales Stück Aluminiumblech.»
Peter Engelhard, Geschäftsführer von EnergyLife, betont: «Die Wirksamkeit unserer Elektrosmog-Produkte ist messbar.» Dazu verwende EnergyLife aber nicht herkömmliche Messmethoden, sondern ein Bioresonanzverfahren, einen kinesiologischen Muskeltest sowie eine Elektro-Akupunkturmethode. Engelhard: «Zu unseren Produkten machen wir keine Heilaussagen.» Auf dem EnergyLife-Prospekt prangt jedoch der Slogan: «Produkte, die helfen».


Von Scharlatanen und Hexenmeistern

Der Markt mit Elektrosmog-Produkten ist gross. Die Preise betragen teilweise mehrere hundert Franken.

Feilgeboten werden auch Produkte mit zweifelhaften «Zertifikaten». Zum Beispiel «Safercall», eine «physikalisch informierte Folie», zertifiziert von Wulf-Dietrich Rose, Leiter der umstrittenen Internationalen Gesellschaft für Elektrosmog-Forschung (D). Rose verbreitet unter anderem die Mär, Menschen könnten mit elektromagnetischen Impulsen drahtlos fremdgesteuert werden.

Von «Scharlatanen und Hexenmeistern» spricht Hans-Ulrich Jakob von der Interessengemeinschaft Elektrosmogbetroffener und sagt dazu: «Na ja, Lachen wirkt bekanntlich immer harmonisierend.»


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19. April 2006 | Otto Hostettler - otto.hostettler@ktipp.ch


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