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In vielen Kliniken sind Zwangsbehandlungen an der Tagesordnung - für die Patienten haben sie traumatische Folgen. Nach dem Psychiatrie-Report im Gesundheitstipp vom Februar meldeten sich viele Leserinnen und Leser, die Zwangsmassnahmen erlebt haben.
«Ich konnte kaum noch denken»
Ihr Report «Zwang in der Klinik» erinnerte mich an meine eigene schmerzhafte Geschichte. In einer Klinik musste ich jeden Tag 26 Tabletten schlucken. Die Nebenwirkungen waren schlimm, meine Lebensqualität war gleich null. Ich konnte nicht mehr schreiben, zeichnen oder lesen, ja kaum noch denken. In einer anderen Klinik wurde ich tagelang im Isolationszimmer überwacht. Die Pflegerin liess mich keine Sekunde lang aus den Augen. Sogar als ich meinen Tampon wechseln musste, schaute sie zu. Das war für mich demütigend.
MANUELA STÜRCHLER, FRAUENFELD
«In der Klinik wurde ich immer kränker»
Es gibt gute Psychiater, aber sie sind so dünn gesät wie gute Geistheiler. Weil ich keine Medikamente nehmen wollte, erhielt ich Spritzen in den Oberschenkel. Wegen der Spritzen schwoll das Bein an, und ich brauchte während mehrerer Tage Krücken zum Gehen. Es ging nicht lange, bis mich der Arzt ins Isolierzimmer steckte. Dafür gab es keinen Anlass - ausser, dass ich den Arzt kritisiert hatte, weil er mir nicht zuhörte. In der Klinik wurde ich immer kränker. Nach der Entlassung nahm ich die Medikamente nicht mehr ein, und es ging mir deshalb nicht schlechter.
DORIS WEIBEL-BERGER, OBERWIL BL
«Das Personal fixierte mich am Bett»
Eine Woche lang sperrten mich Ärzte in einer Frauenklinik in ein Isolationszimmer. Obwohl ich mich ruhig verhielt, fixierte mich das Personal am Bett. Deshalb konnte ich mich nicht melden, wenn ich etwas trinken wollte oder auf die Toilette gehen musste. Weil ich unter Rückenproblemen litt, war die Fixation für mich sehr schmerzhaft. Auch die Mahlzeiten musste ich im Bett einnehmen. Ich fühlte mich erniedrigt, würdelos und ausgeliefert.
MANUELA KREGAR, KRIENS LU
«Das Selbstvertrauen gebrochen»
Meine Schwester wurde jahrelang in der Psychiatrie drangsaliert. Es war an der Tagesordnung, dass die Patienten mit Zuckerbrot und Peitsche gefügig gemacht wurden. Wenn meine Schwester wegen des Medikamentencocktails, den man ihr verabreichte, ruhig war, legte das Personal dies als Besserung aus. Mit dieser Behandlung brach man ihr aber den letzten Rest ihres Selbstvertrauens. Seit sie nicht mehr in die Klinik muss, geht es ihr bedeutend besser.
B. E. *, BASEL
«Behandelt wie eine Schwerverbrecherin»
Ich bin 82 Jahre alt. Seit Jahren plagen mich wegen meines kaputten Rückens wahnsinnige Schmerzen. Deshalb wollte ich aus dem Leben gehen. Leider ignorierten die Ärzte aber meinen Wunsch. Sie schoben mich in eine psychiatrische Klinik ab. Dort wurde ich zwei Wochen lang wie eine Schwerverbrecherin behandelt. Rund um die Uhr bewachten mich die Pfleger. Sie begleiteten mich sogar zur Toilette. Mit schwer Behinderten hätte ich an Therapien teilnehmen sollen. Dagegen wehrte ich mich vehement und mit Erfolg. Die Demütigungen, die ich in der Klinik erlitt, würde ich nicht einmal meinem ärgsten Feind wünschen.
A. Z. *, ZÜRICH
«Personal arbeitete nur mit Strafen»
Nach einem Suizidversuch wurde ich in eine Klinik für Kinder und Jugendliche eingewiesen. Dort stellte man bei mir das Borderline-Syndrom fest. In der Klinik versuchte ich ein zweites Mal, mir das Leben zu nehmen. Darauf verlegten mich die Ärzte in die geschlossene Abteilung. Das Personal arbeitete grundsätzlich nur mit Strafen. Wenn ich mir Verletzungen zufügte, durfte ich die Station tagelang nicht verlassen. Dann kam es schon vor, dass ich aggressiv wurde. Ich habe aber nie jemanden angegriffen. Trotzdem sperrten mich die Betreuer immer wieder in das Isolationszimmer. Wenn ich die Medikamente nicht freiwillig nahm, hielten sie mich zu viert fest, und einer setzte die Spritzen. Die Medikamente machten mich sehr müde. Damit ich nicht schlafen gehen konnte, sperrten die Pfleger das Zimmer ab. Aus dieser Klinik kam ich viel kränker heraus, als ich zuvor war. Inzwischen wurde ich in eine andere Klinik verlegt, wo es mir viel besser gefällt. Jetzt kann ich optimistisch in die Zukunft blicken. Meine Entlassung steht unmittelbar bevor.
N.F. *, MÜNSTERLINGEN TG
«Mit Medikamenten vollgeknallt»
Seit ein paar Monaten werde ich in verschiedenen Kliniken behandelt. Ständig erhalte ich Medikamente, die ich nicht vertrage. Damit ich die Nebenwirkungen nicht spüre, verschreiben mir die Ärzte Benzodiazepine. So ein Blödsinn! Jeder weiss doch, dass Benzodiazepine abhängig machen. Wegen der Medikamente musste ich während Tagen erbrechen. Statt auf meine Probleme einzugehen, knallen mich die Ärzte mit Medikamenten voll. So kann man unmöglich gesund werden.
ESTHER BAUMANN, WEGGIS LU
«Sechs Pfleger hielten mich fest»
Weil ich eine manische Phase hatte, brachte mich die Sanitätspolizei mit Gewalt in eine Klinik. Obwohl ich keine 50 Kilo wiege, hielten mich sechs Pfleger fest, um mir eine Spritze zu verabreichen. Am nächsten Tag wurde ich in eine andere Klinik verfrachtet. Dort sperrte mich das Personal in eine Isolationszelle. An diesem Tag, einem der schlimmsten meines Lebens, brachte mir mein Mann ein Brieflein. Eine Schülerin schrieb mir: «Sie sind die liebste und beste Religionslehrerin der Welt!» Das war Balsam für meine seelischen Wunden.
JOHANNA HASLER, KÖNIZ BE
Aufgezeichnet von Andreas Gossweiler
* Namen der Redaktion bekannt
12. April 2006
