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Artikel | K-Geld 2/2006

Leben ohne Konto - Karen Naundorf, Jornalistin in Buenos Aires, Argentinien

Zuerst dachte ich, der Mann ist ein Betrüger: Ein Autovermieter, der kein Konto hat! Er war zu nett. Sah zu gut aus. Und ich musste, um das Wohnmobil zu mieten, die gesamte Summe im Voraus in bar bezahlen. 100 Euro am Tag, das macht für zehn Tage 1000 Euro. Nur die Versicherung konnte ich mit Visa-Karte zahlen.

Da «Gaibu Motorhomes» aber ein bekannter Verleih ist und der Wagen auf jeden Fall mehr als 1000 Euro wert war, legte ich die Scheine auf den Tisch. Tausend Euro! Das ist schon in Europa zu viel Geld, um es bar im Handtäschchen zu haben. Aber in Argentinien sind 1000 Euro rund 3700 Pesos, mehr als doppelt so viel, wie die meisten meiner Bekannten im Monat verdienen.

Es ist schon seltsam. Seit fünf Jahren kenne ich dieses Land, aber erst «Gaibu Motorhomes» öffnete mir die Augen dafür, dass fast keiner meiner Freunde ein Konto hat.

Als ich meinen Bekannten Crijo frage, ob er ein Konto hat, sieht er überrascht aus. Als hätte ich gefragt, ob er einen Hundepsychologen empfehlen kann. «Wofür denn?», sagt er verständnislos. Crijo ist Toningenieur, arbeitet selbständig. «Wenn ich ein Honorar bekomme, lasse ich mir einen Scheck geben und den lasse ich mir bar auszahlen.»

Auch mein Freund Leandro, von Beruf Bandmanager und Musikproduzent, schaut mich ganz erstaunt an. «Ein Konto? Ich bin doch nicht bescheuert!», sagt er. «Das kostet Geld, und den Banken will ich nun wirklich nichts schenken. Hätte ich Geld, es wäre unter der Matratze sicherer als auf einem Konto!»
Eigentlich wundert mich Leandros Reaktion nicht: Die Argentinier erinnern sich noch gut an die Zeit, als 2001 die Konten eingefroren wurden. Der Peso war jeden Tag weniger wert, und die Leute standen vor den Banken, kamen nicht an ihr Geld und mussten zusehen, wie ihre Ersparnisse schmolzen. Ein Ehepaar verbrachte damals als Protestaktion die Sommerferien im Sonnenstuhl vor dem Bankautomaten.

Kein Konto zu haben, ist für die meisten Argentinier überhaupt kein Problem. Weil nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung überhaupt über ein Konto verfügen, ist alles auf den Zahlungsverkehr mit Bargeld ausgerichtet. Geld aus dem Ausland lässt man sich mit Western Union schicken, überall in Buenos Aires gibt es Büros. Kein Vermieter wundert sich, wenn ein Mieter die Spalte «Bankverbindung» offen lässt. Rentner müssen für ihren monatlichen Scheck Schlange stehen. Sie wissen lange vorher, an welchem Tag sie dran sind.

Doch was das Leben ohne Konto wirklich erleichtert, ist das System des «pago fácil», was so viel heisst wie «einfach bezahlen». Und das geht so: Alle Rechnungen von Telefon, Gas, Strom über Wasser bis hin zum Kabelfernsehen haben im unteren Drittel einen Strichcode. Dieser Strichcode wird an einer «pago fácil»-Zahlstelle gescannt, und man kann die Rechnung bar bezahlen.

«Pago fácil»-Zahlstellen gibt es überall in Argentinien, allein in meiner Strasse sind es drei. Als Erkennungszeichen hängen Supermärkte, Postämter und Kioske kleine gelbe Fähnchen nach draussen, auf denen «pago fácil» steht. Und der Kunde stellt sein Einkaufskörbchen mit Milch, Butter, Tiefkühlbrokkoli - und eben auch mit der Telefonrechnung - aufs Laufband. Die Kassiererin scannt alles ein und legt das Geld in die Kasse. Der Kunde bekommt einen Beleg. Fertig.

Nichts in Argentinien geht so einfach wie Rechnungen bezahlen. Kürzlich habe ich einen ganzen Nachmittag gebraucht, um importierte Miele-Staubsaugerbeutel zu finden. Aber ein «pago fácil» ist immer in der Nähe, man muss keine fünf Minuten suchen. Weshalb ich hier übrigens auch kein Bankkonto habe.

29. März 2006


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