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Nachhaltigkeitsfonds versprechen verantwortungsvolle Investments. Doch solche Fonds investieren ihr Geld auch in Firmen, bei denen von Nachhaltigkeit wenig zu spüren ist.
Viele Anleger wollen ihr Geld nicht irgendwem anvertrauen, sondern ein verantwortungsbewusstes Wirtschaften unterstützen. Die steigende Nachfrage nach ethisch und ökologisch unbedenklichen Kapitalanlagen hat dazu geführt, dass sich immer mehr Fonds mit dem Begriff «Nachhaltigkeit» schmücken.
Nun hat ein solcher Fonds sogar eine Auszeichnung gewonnen: Der «Futura Swiss Stock» der Raiffeisen-Gruppe erhielt als Fonds mit der besten Drei-Jahres-Entwicklung in seiner Kategorie den «Fund Award» der Fondsratingagentur Lipper. «Damit ging diese Auszeichnung erstmals an einen Nachhaltigkeitsfonds», lässt die Inrate AG aus Zürich, die den Fonds bei der Aktienauswahl berät, stolz verlauten.
In den Unterlagen zum Fonds wird Nachhaltigkeit so definiert: «Nachhaltige Finanzanlagen konzentrieren sich auf Unternehmen, die auf langfristige und faire Weise wirtschaftlichen Erfolg erzielen und dabei ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen.»
Allerdings hinterlässt ein Blick ins Aktienportfolio des Fonds gemischte Gefühle, denn dort sind beispielsweise Papiere von ABB, Holcim und Sulzer aufgelistet - allesamt ganz normale Firmen, die man nicht unbedingt mit ökologischem oder sozialem Aktivismus in Verbindung bringt.
So kämpft ABB noch heute mit Haftungsproblemen aus einem Asbest-Skandal einer Tochtergesellschaft in den USA. Holcim hat seinen Schwerpunkt in der nicht gerade als umweltfreundlich bekannten Zementherstellung und sieht sich in Ungarn wegen eines geplanten Zementwerks mit massiven Protesten von Bürgern und Umweltschützern konfrontiert. Der Maschinenkonzern Sulzer hat sich zum Jahresbeginn von seinem Öko-Vorzeigeprojekt der Brennstoffzellen-Technik getrennt.
Daimler Chrysler und Nestlé als «grüne» Firmen?
Nicht viel anders sieht es beim Blick in die Zusammensetzung anderer Anlagefonds aus, die sich ebenfalls mit dem grünen Mäntelchen der Nachhaltigkeit schmücken. Dort tummeln sich Firmen wie der Autokonzern Daimler Chrysler, der Lebensmittel-Multi Nestlé, der französische Ölkonzern Total oder der belgische Bierbrauer Heineken. Solche Unternehmen figurieren auch hochoffiziell in speziellen Nachhaltigkeits-Aktienindizes wie dem Dow Jones Sustainability Index (DJSI) oder dem FTSE4Good.
Warum man vom Begriff der Nachhaltigkeit nicht allzu viel erwarten sollte, erläutert Fondsanalyst Werner Hedrich von der Fondsratingagentur Morningstar: «Nachhaltigkeit, Ethik und Ökologie können bei der Aktienauswahl für ganz unterschiedliche Kriterien stehen.»
Einer der Gründe: Bei der Nachhaltigkeitsauswahl kommt oft der so genannte Best-in-Class-Ansatz zum Tragen. Dabei werden innerhalb der jeweiligen Branche diejenigen Unternehmen ausgewählt, die in Bezug auf Umweltschutz und Sozialstandards die strengsten Kriterien unter ihresgleichen anwenden.
So kommen auch Ölkonzerne in Nachhaltigkeitsfonds - und zwar derjenige, der bei Ölförderung am wenigsten Umweltschäden verursacht. Ausgeschlossen ist diese Branche also keineswegs.
Konsequente Ausschlusskriterien für ganze Wirtschaftszweige gibt es oft erst beim «ethischen» Investment. Dort sind dann beispielsweise Aktien von Unternehmen tabu, die ihren Umsatz ganz oder teilweise mit Rüstungsgeschäften, Tabak, Alkoholgetränken oder Glücksspiel machen.
«Grüne» Aktienfonds im eigentlichen Sinne konzentrieren sich auf wenige Branchen. Schwerpunkt sind meist Unternehmen aus den Bereichen Wind- und Sonnenenergie, Naturmedizin, Handel mit ökologischen Produkten, Recycling und Wasseraufbereitung.
Ratingagenturen stützen sich auf Firmenangaben
Allerdings wird hier die Auswahl eng, wie ein Blick in den Natur-Aktien-Index zeigt, der nur 25 Unternehmen umfasst. Vertreter aus Telekommunikation und Automobilbau oder Grossbanken, Computerunternehmen und Versicherungskonzerne fehlen dort.
Das Problem für den Anleger ist, dass er oft nicht auf den ersten Blick sieht, welche Auswahlverfahren angewandt werden - denn fast jede Fondsgesellschaft kocht ihr eigenes Süppchen.
«Einheitliche Kriterien gibt es nicht», bestätigt Fondsanalyst Hedrich. Ausserdem gibt auch das Siegel einer Ratingagentur keine hundertprozentige Garantie. So wendet beispielsweise Inrate, die so stolz auf ihren Siegerfonds «Futura Swiss Stock» ist, ein mehrstufiges Auswahlverfahren an - stützt sich dabei jedoch wie andere Agenturen überwiegend auf die Angaben der Unternehmen.
Produktionsstätten im Ausland werden normalerweise nicht vor Ort überprüft, bestätigt Inrate-Geschäftsführerin Danielle Lalive. «Das wäre vom Aufwand her weder für uns noch für andere Nachhaltigkeitsrating-Firmen realistisch.» Man stütze sich eher auf die Berichte von regierungsunabhängigen Organisationen wie Gewerkschaften oder Umweltschutzverbände, die vor Ort vertreten seien.
Wie also soll der gewissenhafte Investor entscheiden? Wer den grosszügigen Kompromiss eingeht und auf «Nachhaltigkeit» setzt, hat eine moralisch leicht aufgepeppte Mischung aus den klassischen Branchen. Sein Investment ist hier relativ breit gestreut, das Schwankungsrisiko eher klein.
Wenn hingegen Grün auch Grün bleiben soll, dann wird die ökologische Konsequenz mit einer starken Branchenfokussierung und einem höheren Risiko erkauft, weil hier weniger Firmen zur Auswahl stehen.
In diesem Fall ist die Überlegung ratsam, ob nicht der grössere Teil des Fondsvermögens in einen herkömmlichen Europa- oder Welt-Aktienfonds fliessen und das reine Öko-Fondsinvestment nur eine kleine, aber dafür kompromisslose Beimischung darstellen soll.
Eine weitere Alternative: Ganz konventionell investieren und dafür regelmässig an Hilfswerke spenden.
Welcher Index darfs denn sein?
Dow Jones Sustainability Index (DJSI)
Nachhaltigkeitsindex nach dem Best-in-Class-Ansatz, der alle Branchen umfasst. Wichtige Indexvarianten sind der DJSI Global mit mehr als 300 Aktien aus der ganzen Welt und der DJSI Stoxx mit 160 europäischen Aktien.
FTSE4Good
Nachhaltigkeitsindex, bei dem die Unternehmen branchenspezifische Kriterien in Sachen Menschenrechte, Sozialstandards und Umweltschutz einhalten müssen. Ausgeschlossen sind Tabakwaren- und Waffenproduzenten. Auch hier gibt es eine Europa- und Weltvariante.
Domini 400 Social Index
Ethik-Index, der neben Nachhaltigkeitskriterien auch Belange der zumeist kirchlichen Anleger berücksichtigt, die sich an diesem Index orientieren. Tabu sind Waffenproduzenten, Tabakkonzerne, Hersteller von alkoholischen Getränken, Kernkraftwerksbetreiber und Unternehmen aus der Glücksspielbranche.
Natur-Aktien-Index
Dies ist einer der grünsten aller Aktienindizes, allerdings sind darin nur 25 Unternehmen enthalten. Die Streuung ist global, die Firmen gehören meist zum mittleren Grössensegment, viele Branchen sind ganz ausgeschlossen.
29. März 2006 | Thomas Hammer
