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Gastro-Kritik von Andrin C. Willi
Beim Davoser World Economic Forum palaverten Wirtschaftsbosse wie etwa Nestlé-Chef Peter Brabeck übers Thema «Wasser». Fazit: Wasser ist ein politisches Produkt. Eines, mit dem man gut Geld machen kann. Der Umsatz von Nestlé Waters beträgt 8,8 Milliarden Franken.
Das alles weiss auch Guglielmo Brentel, Präsident des Hotelierverbandes. Er sagte in der «Coop-Zeitung» zum Thema Mineralwasser: «Der Preis hat doch nichts mit dem Warenwert zu tun. Der Aufwand ist es, der kostet.»
Doch hat der Mann damit auch Recht? Zwei Beispiele lassen seine Aussage fraglich erscheinen. «Kürzlich bezahlte ich bei einem Italiener Fr. 12.50 für eine Literflasche Mineralwasser», schrieb ein wütender Leser der «Basler Zeitung» im Forum. Logo, der italienische Aufwand in einem durchschnittlichen Lokal kostet eben ein bisschen mehr als der Aufwand im Palace Hotel in St. Moritz. Dort hätte der BAZ-Leser «nur» 12 Franken hinblättern müssen.
Die Betreiber der Ustria Trutg im bündnerischen Vella verlangen für einen Liter Rhäzünser Fr. 9.50. Der Anschaffungspreis für den versierten Gastronomen: 95 Rappen. Trotz Faktor 10 handelt es sich auch bei der Ustria Trutg um ein gewöhnliches Restaurant und nicht um das «Waldhaus» in Sils. Dort kostet der Liter Bündnermineral 9 Franken. Ist der Aufwand in einem 5-Sterne-Hotel also gut 5 Prozent weniger teuer als in einer Beiz?
Noch undurchsichtiger ist die Preisrechnung für jene Gäste, die in der Ustria Trutg Wasser in 33-cl-Fläschchen bestellen. Dieses Rhäzünser kostet dann Fr. 4.20 - 25 Prozent mehr als das aus der Literflasche. Spart der Gastronom beim Litergast am Aufwand? Bekommt der vielleicht keine Gläser, wird bei ihm das Licht abgeschaltet?
Wetzt er den Sitzbezug nicht ab oder verdreckt er den Fussboden weniger? Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Toilette benutzt, ist sogar höher. Das sollte doch kosten. Der Service muss andauernd nachschenken. Auch das sollte kosten. Grössere Flaschen sind für Gastronomen unhandlich, sehen nicht schön aus. Und dennoch sind sie meistens proportional billiger als ihre kleinen Brüder. Verstehe das, wer will. Letztlich ist es wohl so, dass im Gastgewerbe die Mineralwasserpreise oft mit dem Daumen statt dem Hirn berechnet werden.
Natürlich möchte auch Nestlé-Boss Brabeck das Wasser der Welt niemandem gratis abgeben. Im Dokumentarfilm «We feed the World» sagt er: «Es ist besser, man gibt einem Lebensmittel einen Wert, sodass wir uns alle bewusst sind, dass das etwas kostet.» Das sehen die Gastronomen genauso, wobei sie das «Etwas» gerne sehr grosszügig interpretieren.
15. März 2006
