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Artikel | saldo 4/2006

Mit der Gülle in den Boden, vom Boden in die Pflanze

Wissenschafter fanden heraus: Mit der Gülle gelangen Antibiotika auch in Gemüse und Getreide. Die Schweizer Behörden sehen darin kein gravierendes Problem.

Antibiotika im Essen: Dieses Thema brachten die Konsumenten bislang nur mit Fleisch in Verbindung. Untersuchungen der Universität Paderborn (D) zeigen nun, dass sich auch in Gemüse und Getreide Antibiotikarückstände finden. Die Pflanzen nehmen sie über die Gülle auf.


5000 Tonnen Antibiotika in der Landwirtschaft

«In unserer Studie gingen wir so vor, wie es in der landwirtschaftlichen Praxis üblich ist», erklärt Manfred Grote, der die Untersuchungen leitete. Die Wissenschafter behandelten Schweine, die anfällig für Lungenentzündungen sind, mit Chlortetracyclin und Sulfonamiden - Antibiotika, die in der Tierhaltung besonders häufig zur Anwendung kommen. Die Ausscheidungen der Tiere wurden gesammelt, gelagert und als Gülle auf die Felder ausgebracht. Anschliessend bauten die Wissenschafter Salat und Getreide an.

Resultat: Einige Substanzen waren nach acht Monaten noch in der Gülle und in den oberen Bodenschichten nachweisbar. Aber auch im Salat und in den Getreidekörnern stiessen die Forscher auf Spuren von Antibiotika. Als besonders hartnäckig erwies sich der Wirkstoff Chlortetracyclin. Sogar im reifen Korn des Winterweizens fanden sich davon rund 50 Mikrogramm pro Kilogramm.

Für Grote sind die Ergebnisse nicht überraschend: In Europa werden jedes Jahr über 13000 Tonnen Antibiotika verbraucht, 5000 davon in der Landwirtschaft. «Diese Substanzen verschwinden nicht spurlos, sondern landen über Umwege auch in unseren Nahrungsmitteln.»

Selbst biologisch angebaute Pflanzen sind nicht gänzlich frei von Antibiotikarückständen. Bio-Bauern unterliegen zwar strengeren Reglementen, wenn sie ihre Tiere mit Antibiotika behandeln, aber es gibt kein völliges Verbot. Ausserdem dürfen sie die Hälfte ihres Düngers von konventionellen Höfen beziehen, in Ausnahmefällen sogar bis zu 80 Prozent.

Den Schweizer Behörden sind die Ergebnisse der Paderborner Studie bekannt. «Es wurden gesundheitlich unbedenkliche Spuren vonAntibiotika gefunden», beschwichtigt Claude Wüthrich vom Bundesamt für Gesundheit. «Um über Massnahmen nachzudenken, sind mehr Informationen nötig.»


Antibiotika in der EU nicht mehr als Masthilfe erlaubt

Der breitflächige Einsatz von Antibiotika in der Tier-und in der Humanmedizin ist inzwischen in ganz Europa als ernstes Problem erkannt. Seit Anfang dieses Jahres dürfen die EU- Bauern Antibiotika nicht länger als Masthilfe einsetzen. In der Schweiz gilt dieses Verbot bereits seit 1999. Nach dem Verbot wurden jedoch plötzlich mehr Medikamente zu medizinischen Zwecken verschrieben - fast 30 Prozent. Insgesamt kamen im Jahr 2000 rund 39 Tonnen Antibiotika in den Handel, vier Jahre später waren es bereits 49 Tonnen.

«Die Menge allein ist nicht entscheidend», relativiert Beat Gassner von Swissmedic. In der Tiermedizin würden mehrheitlich ältere Antibiotika eingesetzt, diese müssten oft in höheren Dosen verabreicht werden als neue, potentere Mittel. «Neuere, für die Behandlung von Menschen besonders wichtige Wirkstoffe werden nur in Ausnahmefällen bei Nutztieren eingesetzt», so Beat Gassner. Damit soll das Resistenzproblem entschärft werden.

01. März 2006 | Sigrid Cariola


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