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Neue Medikamente gegen Krebs sind enorm teuer. Doch sie verlängern das Leben der Patienten oft nur um ein paar Wochen. Jetzt kritisieren Fachleute die Machenschaften der Pharmafirmen.
Von einem «neuen Zeitalter im Kampf gegen Krebs» sprach Fernseharzt Samuel Stutz in seiner Sendung «Gesundheit Sprechstunde». Das war im Juni 2001. Paradebeispiel für die neue Ära war eine 75-jährige Patientin mit einer speziellen Form von Leukämie. Dank dem neuen Krebsmedikament Glivec sei sie praktisch «von den Toten auferstanden», sagte Stutz. Was er allerdings verschwieg: Das Medikament kostet rund 48 000 Franken pro Jahr. Die Patientin ist dennoch gestorben.
Glivec ist kein Einzelfall. Die Kosten für neue Krebsmedikamente sind in den letzten Jahren explodiert. Deshalb schlagen Fachleute jetzt Alarm. Thomas Cerny, Krebsliga-Präsident und Chefarzt für Onkologie am Kantonsspital St. Gallen, warnt: «Wir können uns die neuen Krebstherapien bald nicht mehr leisten.» Er spricht von einer «geradezu gigantischen Preisentwicklung». So zum Beispiel im Kantonsspital Luzern: Hier haben sich die Kosten für Krebsmedikamente in wenigen Jahren vervierfacht - von 770 000 auf volle 3,7 Millionen Franken im Jahr. Die meisten der neuen Krebsmedikamente müssen die Krankenkassen berappen - und belasten damit die Prämienzahler.
Was für die Pharmamultis ein dickes Geschäft ist, hat für die Patienten oft nur bescheidene Vorteile. Krebsspezialist Christian Marti aus Winterthur: «Die neuen Medikamente können Krebs auch nicht heilen. Sie verlängern das Leben der Kranken allenfalls um wenige Monate.»
Fünf Monate Leben und Leiden für 54 000 Franken
So zum Beispiel Temodal von der Essex Chemie AG in Luzern. Ärzte verschreiben es bei Hirntumoren. Patienten, die neben der üblichen Therapie auch noch Temodal bekommen, leben gerade mal zweieinhalb Monate länger. Dann sterben auch sie. Die Kosten dafür: 17 000 Franken pro Patient.
Ebenso beim Darmkrebs-Medikament Avastin. Es wird von der US-Firma Genentech hergestellt, die mehrheitlich dem Pharmariesen Roche gehört. Mit einer einfachen Chemotherapie leben Darmkrebspatienten nach der Diagnose durchschnittlich noch rund ein Jahr. Die Kosten dafür: 450 Franken. Eine erweiterte Chemo bringt den Patienten weitere drei Monate. Die Kosten: Rund 20 000 Franken. Bekommen sie zusätzlich Avastin, verlängert sich die Zeit bis zum Tod im Durchschnitt um weitere 5 Monate. Die Kosten allerdings steigen um ein Mehrfaches auf rund 74 000 Franken (siehe Grafik).
Zudem: Die zusätzliche Therapie mit dem neuen Medikament kann auch zu zusätzlichen Nebenwirkungen und Komplikationen führen. Avastin kann zum Beispiel Durchfall und Blutungen auslösen.
«Die teuren Infusionen verlängern also nicht nur das Leben, sondern auch das Leiden», sagt Krebsspezialist Christian Marti.
Oft sind die neuen Medikamente anfangs nur für eine kleine Patientengruppe zugelassen. Dann sei der hohe Preis noch «diskutabel», so Thomas Cerny von der Krebsliga.
Die Pharmafirmen versuchen aber, die Zielgruppe möglichst bald zu erweitern. «Doch die Preise senken sie dann nicht», kritisiert Cerny.
Das gilt auch für die neuen Brustkrebs-Medikamente - die so genannten Aromatasehemmer. Bis vor kurzem verschrieb der Arzt sie nur Frauen, die bereits Metastasen hatten. Nun sollen alle solche Pillen nehmen, um von einem Rückfall verschont zu bleiben. Dabei gibt es dafür bereits ein deutlich günstigeres Medikament: Tamoxifen.
Im Vergleich zu Tamoxifen bringen die Aromatasehemmer nur wenigen Patientinnen einen Vorteil. Denn Tamoxifen verhindert bereits die meisten Rückfälle. Zwischen 82 und 97 Prozent der Frauen schlucken die Aromatasehemmer also vergeblich. Die Kosten hingegen sind sehr hoch, um mit diesen Mitteln einen Rückfall zu verhindern:
- Mit Aromasin kostet es 150 000, - mit Femara 215 000,
- mit Herceptin 300 000 und
- mit Arimidex 456 000 Franken.
Zudem weiss man noch nicht genau, ob die Frauen dank der Aromatasehemmer auch länger leben.
Die Pharmafirmen rechtfertigen ihre horrenden Medikamentenpreise unter anderem damit, dass Forschung und Entwicklung immer teurer werden. Sara Käch, Sprecherin des Pharmaverbands Interpharma: «Die Anforderungen - vor allem für klinische Studien - werden immer höher.»
Doch viele Fachleute lassen dieses Argument nicht gelten. Christian Marti: «Tatsache ist, dass die Hersteller immer noch mehr für die Werbung ausgeben als für die Forschung.» Laut der amerikanischen Professorin Marcia Angell geben sie sogar fast doppelt so viel dafür aus. Zudem werde ein grosser Teil der Forschung von öffentlichen Institutionen gemacht. Das bestätigt Thomas Cerny von der Krebsliga: «Diese Forschung bezahlen die Steuerzahler und nicht die Pharmafirmen.»
Behörden sind mitschuldig an den explodierenden Kosten
Doch Sara Käch von Interpharma behauptet: «82 Prozent der Forschung und Entwicklung zahlt die Privatwirtschaft.» Es stimme allerdings, dass die Pharmafirmen mindestens gleich viel in die Werbung investierten. Das sei in allen Branchen so. Die Preise für neue Krebsmedikamente würden nicht willkürlich festgelegt, sondern von den Behörden abgesegnet. Und bei etlichen Krebsmedikamenten seien sie in der Schweiz tiefer als in Deutschland. Zudem richte sich der Preis nicht nach den Herstellungskosten, sondern nach dem Nutzen. Und dieser sei keineswegs bescheiden.
Schuld an den explodierenden Kosten sind jedoch nicht allein die Pharmafirmen. Xaver Schorno, Chefapotheker am Kantonsspital Luzern, nimmt auch die Schweizer Behörden in die Pflicht: «Sie akzeptieren beinahe jeden Preis, den die Firmen verlangen.» Es sei kein Wunder, dass diese die Preise so hoch wie möglich ansetzten. «Solange wir bezahlen, ändert sich nichts.» Schorno: «Die Behörden sollten klar festlegen, wie der Preis für ein neues Medikament zusammengesetzt sein muss.»
07. Dezember 2005 | Sonja Marti
