|
(0) |
Hausgeburten sind in der Schweiz noch immer die Ausnahme. Zu Unrecht: Im eigenen Heim sind Gebärende und ihr Kind genauso sicher wie in einer Klinik.
Nico kam an einem Februarmorgen vor drei Jahren zur Welt - in seinem Elternhaus in St. Gallen.
Seine Mutter Nathalie Schaub Pfaff hatte sich entschieden, auch ihr zweites Kind zu Hause zu gebären. «Ich war mir sicher, dass ich mich nirgends so wohl fühlen würde wie in meiner vertrauten Umgebung», sagt die 27-jährige Mutter.
Die Geburt begann zwar turbulent, weil Nico mit dem Gesicht nach unten zum Steissbein lag, dennoch kam er um zwanzig nach sieben nicht in einem Spital, sondern zu Hause zur Welt. Nathalie Schaub Pfaff würde sich erneut für eine Hausgeburt entscheiden: «Seither habe ich grösseres Vertrauen in meinen Körper», sagt sie.
Entscheidend sei jedoch, dass man der Hebamme vertraue: «Ich wusste, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen würde, und fühlte mich gut aufgehoben.»
Zum selben Schluss kamen kürzlich auch amerikanische Wissenschaftler. Sie untersuchten über 5000 von Hebammen betreute Hausgeburten und verglichen sie mit Spitalgeburten.
Fazit: Wenn die Schwangeren kein erhöhtes Geburtsrisiko haben, sind Hausgeburten ebenso sicher wie eine Entbindung im Spital. Bei den Hausgeburten waren sogar weniger medizinische Eingriffe nötig als bei den Geburten in der Klinik. Die Neugeborenen beider Gruppen waren gleich gesund, und auch die Sterblichkeit der Säuglinge war gleich hoch. Diese Resultate bestätigt eine wesentlich ältere, aber vergleichbare Schweizer Studie aus dem Jahre 1992.
Viele Hausgeburten finden in der guten Stube statt
Für die Frauenärztin Lilian Saemann aus Binningen ist dies nicht überraschend: «Wirkliche Notfälle, bei denen nur noch hochtechnisierte Medizin helfen kann, sind bei Frauen mit unkomplizierten Schwangerschaften äusserst selten.» Das grosse Sicherheitsbedürfnis der Eltern und der Ärzte sei heutzutage der Hauptgrund dafür, dass in Spitälern häufig medizinische Massnahmen zum Einsatz kommen.
Der grosse Vorteil einer Hausgeburt: Frauen können sehr viel mitbestimmen und sind nicht dem Klinikbetrieb unterworfen. Und: Sie kennen ihre Hebamme schon. Bei der Geburt können sie zudem Familie und Freunde mit einbeziehen. Hebamme Regula Junker-Meyer aus Horw berichtet: «Viele Frauen wählen das Wohnzimmer als Geburtsort. Oft ist nur der Partner dabei, manchmal aber auch Freundinnen oder ältere Kinder.»
Dennoch sind Hausgeburten selten. Gemäss Statistik gebären von 100 Frauen nur gerade 2 bis 4 zu Hause oder in einem Geburtshaus, die andern gehen ins Spital.
Zu ihnen gehört auch Michaela Lenhard-Hunziker aus Thayngen. Ihr Baby lag ebenfalls mit dem Gesicht zum Steissbein und kam in einer Schaffhauser Privatklinik zur Welt. Es war ein Morgen im letzten Juni, als die 30-Jährige die Klinik erreichte. Vier Stunden später kamen die Wehen in Abständen von fünf Minuten. Aber hier stockte die Geburt. «Der Arzt sagte mir, dass sich das Kind drehen müsse. Sonst sei ein Kaiserschnitt notwendig», erzählt die Mutter.
Sie bekam ein Mittel gespritzt, das den Muttermund weicher macht. Schliesslich drehte sich das Kind doch noch. Kurz nach sechs Uhr kam Tim gesund zur Welt. «Ich war froh, dass ich natürlich gebären konnte», sagt Tims Mutter. «Ich bin an meine Grenzen gekommen, doch die Hebamme hat mich ermuntert, durchzuhalten.» Eine Hausgeburt wäre für Michaela Lenhard-Hunziker nicht in Frage gekommen: «Die Klinik hat mir die Sicherheit vermittelt, die ich brauchte.»
Eine Hebamme geht nicht an die Grenze
Wer zu Hause gebären will, sollte allerdings gesund sein und eine Schwangerschaft ohne Komplikationen haben. Und es braucht eine Hebamme, zu der die Schwangere Vertrauen hat.
Die Hebamme Regula Junker-Meyer hat bis heute rund 200 Hausgeburten betreut. «Die Vertrauensbasis zwischen mir und der Frau muss stimmen», sagt sie. Denn bei Problemen müsse die Hebamme entscheiden, ob man die Geburt ins Spital verlege.
Notfälle, in denen die Ambulanz kommen musste, hat die Hebamme nur drei Mal erlebt. «Eine Hebamme geht nicht an die Grenze», sagt Junker-Meyer. Bei Schwierigkeiten unterbricht die Hebamme die Geburt zu Hause nämlich sofort - oder fängt mit den Vorbereitungen gar nicht erst an.
Fachfrauen beantworten Ihre Fragen
Sind Sie noch unsicher, ob das Kind zu Hause, im Geburtshaus oder im Spital zur Welt kommen soll? Fachleute geben Ihnen gerne Auskunft am Gesundheitstipp-Beratungstelefon:
Telefonnummer: 044 266 17 17
Dienstag, 8. November, 16 bis 19 Uhr:
- Liliane Saemann, Frauenärztin, Gruppenpraxis Paradies, Binningen BL
- Katharina Stoll Tschannen und Franziska Zumbrunn, Hebammen
Donnerstag, 10. November, 16 bis 19 Uhr:
- Marianne Mattmüller, Frauenärztin, Gruppenpraxis Paradies, Binningen BL
- Sandra Aeby und Franziska Zumbrunn, Hebammen
Nathalie Schaub Pfaff hat sich entschieden, ihre beiden Kinder zu Hause zu gebären. Michaela Lenhard-Hunziker hingegen ging für ihre erste Geburt in eine Privatklinik: «Sie hat mir die Sicherheit vermittelt, die ich brauchte.»
«Notfälle bei Hausgeburten sind äusserst selten»
Frauenärztin Lilian Saemann
26. Oktober 2005 | Regula Schneider
