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Die Suva hat rund 40 Millionen Franken an dubiose Immobilienspekulanten verloren. Gleichzeitig kürzt sie Leistungen an Unfallopfer.
Anfang Juli lobte Suva-Geschäftsleiter Ulrich Fricker den Sparkurs seines Unternehmens, des grössten Schweizer Unfallversicherers: «Wir helfen Kosten sparen, indem wir effizient arbeiten.» Nur: Den Sparkurs der Suva spüren in erster Linie die obligatorisch Versicherten. Seit Anfang Jahr zahlen sie deutlich mehr Prämien. Und bei Unfallopfern streicht die Suva kurzfristig die Leistungen - zum Teil nach jahrelangen Taggeldzahlungen.
Plötzlich gelten Unfallopfer als psychisch krank
Gleichzeitig verliert die Chefetage des Versicherungskonzerns Geld mit Immobiliengeschäften. So verschacherte der inzwischen entlassene Immobilienchef der Suva Wohn- und Bürohäuser weit unter dem Marktwert. Als Dank erhielt er von dubiosen Spekulanten einen Teil des Gewinnes. Allein bei zwei Immobiliengeschäften im Tessin verlor die Suva rund 40 Millionen Franken, ohne dass dies der Geschäftsleitung rechtzeitig aufgefallen wäre.
Viel Geld, das gemäss Reto Lötscher beispielsweise bei Unfallopfern wieder eingespart wird. Lötscher stellt als Geschäftsführer des Schleudertraumaverbands eine deutlich härtere Gangart im Umgang mit Verunfallten fest. «Die Suva streicht seit Anfang Jahr selbst bei klaren Unfallfolgen plötzlich ihre Zahlungen und stempelt die Leute als psychisch krank ab. Das führt bei den Betroffenen meist zu grossen finanziellen Problemen.»
Verschiedene von saldo befragte Rechtsanwälte, die sich seit Jahren für Unfallopfer und deren Rechte einsetzen, bestätigen die Praxisverschärfung der Suva. Etwa Bruno Häfliger aus Luzern: «Nach sechs Jahren stoppte die Suva die Leistungen für Heinz Sutter* praktisch von einem Tag auf den anderen.» Dem Winterthurer Rechtsanwalt Massimo Aliotta fällt auf, dass die Suva immer mehr versucht, Kosten auf andere abzuwälzen - zum Beispiel auf die Krankenversicherungen.
Suva-Verwaltungsratspräsident Franz Steinegger weist den Vorwurf, mit Immobiliengeschäften Millionen zu verlieren und gleichzeitig bei kleinen Versicherten zu sparen, von sich. Der ehemalige FDP-Nationalrat hält gegenüber saldo fest: «Es gibt keine Weisung, dass gegenüber den Unfallopfern eine schärfere Praxis geführt wird. Die Suva hält sich ans Gesetz und lehnt Zahlungen nur ab, wenn Gesundheitsbeschwerden keine Folge eines Unfalls sind.»
Allerdings ist die Unterscheidung zwischen Krankheits- und Unfallfolgen häufig eine Gratwanderung, wie auch Steinegger zugibt. «Härtefälle kann es für die Betroffenen geben», sagt er lapidar und bestätigt eine «härtere Gangart» im Umgang mit den Anwälten der Betroffenen: «Wir akzeptieren nicht mehr länger, dass gegen unsere Mitarbeiter Strafanzeigen wegen Amtsmissbrauchs eingereicht werden.»
Colette Nova vertritt den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) im Verwaltungsrat. Als Suva-Vizepräsidentin hat sie von einer härteren Gangart gegenüber Unfallopfern nichts gehört. Nova: «Der Verwaltungsrat hat natürlich keine Freude an den ständig steigenden Kosten von Schleudertraumafällen.» Für die Asbestopfer gäbe die Suva aber sogar mehr aus, als gesetzlich vorgesehen sei.
Bei den Zahlungen an Asbestopfer spielt die Suva auf Zeit
Diese Aussage stösst allerdings beim Präsidenten des Vereins für Asbestopfer und deren Angehörige auf Protest. Massimo Aliotta: «Erst seit Anfang Juli und unter öffentlichem Druck bezahlt die Suva Asbestopfern sechs Monate nach Ausbruch der Krebskrankheit 42 720 Franken, nach zwei Jahren nochmals dieselbe Summe.» Damit spielt die Suva auf Zeit. Denn nur 30 Prozent der jährlich 80 Schweizer Asbestopfer leben nach zwei Jahren noch und erhalten die Entschädigung auch ausbezahlt. Aliotta: «Nur ein geringer Teil der Opfer wird entschädigt. Und die Angehörigen der vor dem 1. Juli 2005 verstorbenen Asbestopfer sollen ebenfalls leer ausgehen. Dagegen werden wir vor Gericht ankämpfen.»
Verwaltungsrat: Vorkenntnisse nicht unbedingt nötig
Die Geschäftspraxis des grössten Schweizer Unfallversicherers steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. Bereits 1998 musste Suva-Chef Dominik Galliker seinen Tisch räumen, nachdem bekannt wurde, dass der Konzernchef drei engen Mitarbeitern 300 000 Franken an Bonuszahlungen zugeschanzt hatte.
Die Geschäftsführung beaufsichtigen müsste eigentlich der Suva-Verwaltungsrat - und der ist gut dotiert. Neben Präsident Steinegger sitzen noch 39 weitere Mitglieder im wohl mit Abstand grössten Verwaltungsrat der Schweiz. Das Kontrollgremium setzt sich aus je 16 Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern sowie 8 Bundesvertretern zusammen. Vorkenntnisse im Bereich Unternehmensleitung, Finanzen oder Versicherungswesen sind nicht unbedingt erforderlich.
So kürzt die Suva ihre Leistungen: Das sagen die Verunfallten und Hinterbliebenen
Gilbert Abetel, Karosseriemeister, Lausanne, verstorbenes Asbestopfer
Gilbert Abetel arbeitete jahrelang für die Lausanner Verkehrsbetriebe. Zu Beginn seines Berufslebens geriet er mit krebserregenden Asbestfasern in Kontakt. Mit 57 Jahren wurde bei ihm ein bösartiger Tumor im Lungen- und Bauchfell entdeckt. Das Atmen fiel Abetel immer schwerer. Trotz Chemotherapien stirbt der Familienvater im November 2002, nach über zweijährigem Kampf gegen die Krankheit. Das Unfallversicherungsgesetz sieht bei dauernden schweren Gesundheitsschäden eine Entschädigung für die Opfer vor. Trotzdem hat Abetel keinen Franken erhalten. Er starb zu früh. Inzwischen hat die Suva ihre Praxis bei Asbestopfern geändert. Heute würde Abetel 85 440 Franken Entschädigung erhalten. Witwe Thérèse Abetel gegenüber der Gewerkschaftszeitung «Arbeit & Verkehr»: «Wenn man über Asbestopfer spricht, vergisst man allzu oft das Leid der Angehörigen.»
Philippe Glauser*, Gipsermeister, Zürich
Als Gipsermeister steckte ich jahrelang viel Energie in meinen eigenen Betrieb. Das Geschäft lief sehr gut. Bis im September 2002 ein Auto von hinten in mein Fahrzeug fuhr. Seither leide ich unter Schlaflosigkeit. Kopf und Hals kann ich wegen der Schmerzen nur noch beschränkt bewegen. Meine Konzentrationsstörungen sind so massiv, dass man mir sogar das Autofahren verboten hat. Die Suva-Rehabilitationsklinik in Bellikon AG bestätigte mir im April 2004, dass ich als Gipser gar nicht mehr und als Geschäftsführer noch 20 Prozent arbeiten kann. Zwei Stunden Büroarbeiten mit Pausen, verteilt auf vier Stunden täglich, sei das Maximum. Unterdessen musste ich meinen Betrieb verkaufen.
Drei Jahre nach dem Unfall stellte die Suva Ende August die Taggeldzahlungen plötzlich ein. Begründung: Meine Arbeitsunfähigkeit sei nicht auf den Unfall zurückzuführen. Eine Suva-Ärztin brachte plötzlich eine angebliche psychische Erkrankung ins Spiel. Seither lebe ich vom Ersparten. Wenn das aufgebraucht ist, bleibt mir nur noch der Gang zur staatlichen Fürsorge.
Rico Rodriguez*, Strassenbauer, Innerschweiz
Bei einem Auffahrunfall erlitt ich im März 2003 ein Schleudertrauma. Seither leide ich an ständigen Schmerzen, Kopfweh, Schwindel und Schlafstörungen. Hinzu kamen noch chronische psychische Probleme. Der Arzt bestätigte mir darauf, dass ich als Strassenbauer zu 100 Prozent arbeitsunfähig bin. Im Juni 2005 stellte die Suva ihre Unfalltaggelder per sofort ein und behauptete, mein Leiden habe psychische Ursachen. Momentan zahlt mir noch die Krankentaggeldversicherung des letzten Arbeitgebers einen Lohn. Wenn die Taggeldversicherung ausläuft, werde ich von der Fürsorge abhängig - spätestens in zwei Jahren.
Heinz Sutter*, Verkaufsleiter, Luzern
Ich war 30 Jahre berufstätig. Im Februar 1999 wurde ich Opfer eines schweren Autounfalls. Seither bin ich nicht mehr arbeitsfähig. Ein Gutachten der Universitätsklinik Zürich kam zum Schluss, dass meine Schmerzen Folge des Unfalls sind. Dies anerkannte auch die Suva und bezahlte über sechs Jahre lang Behandlungskosten und Krankentaggelder.
Am 13. September 2005 verfügte die Suva, dass sie in 14 Tagen alle Zahlungen einstellt. Der Grund: Angeblich habe die Krankheit nichts mit dem Unfall zu tun.
12. Oktober 2005 | Marc Meschenmoser
