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Artikel | K-Tipp 16/2005

Jede Minute Wart en kostet Fr. 1.19

Wer bei Ticketcorner telefonisch Billette bestellt, zahlt oft mehr, als er denkt. Denn der Zähler tickt schon, bevor man an der Reihe ist.

Ob Tickets für Konzerte, Fussballspiele oder Musicals: An Ticketcorner kommt kaum jemand vorbei. Die Tochtergesellschaft des Technologiekonzerns Kudelski setzt in der Schweiz jährlich über sechs Millionen Karten ab - an den 220 Vorverkaufsstellen, übers Internet und am Telefon. Wer seine Tickets bequem per Anruf bestellen will, kann dies nur über eine kostenpflichtige 0900er-Nummer tun. Der Anruf kostet Fr. 1.19 pro Minute - egal, ob man zu einem Agenten durchgestellt wird oder in der Warteschleife hängt.

Eine Unverschämtheit, findet Yvonne Bottazzini aus Oberdorf BL. Die Kosmetikerin hat mehrmals bei Ticketcorner anrufen müssen, weil der Einzahlungsschein für die bestellten Zirkustickets nicht bei ihr eingetroffen war: «Jedes Mal bin ich in diese Warteschleife geraten. Und wenn man zusammenrechnet, was Ticketcorner einnimmt, ohne etwas dafür zu tun, dann ist das eine Frechheit.»

Bei Yvonne Bottazzini läpperten sich beim kostenpflichtigen Warten nur kleine Beträge zusammen. Nicht so bei Urs Huser aus Root LU: Er hing diesen Frühling, als der Vorverkauf zum Fussball-Cupfinal begann, sage und schreibe 56 Minuten lang in der Warteschleife von Ticketcorner. Kostenpunkt: knapp 67 Franken. Dass der Cupfinal bereits nach wenigen Minuten ausverkauft war, hat er nicht erfahren. Ticketcorner räumt ein, dass dies ein Fehler war, und erstattet Huser sein Geld zurück. Inzwischen würden die Anrufenden ab Band informiert, sobald ein Grossanlass ausverkauft sei.

Andreas Jenni aus Bern erhielt zwar sein Billett für das WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Frankreich - aber erst nach 16 Minuten Wartezeit am Telefon. Insgesamt war er etwas über 21 Minuten mit Ticketcorner verbunden, macht total Fr. 25.70. Jenni: «Ich finde es völlig ungerechtfertigt, dass man für eine Dienstleistung, die gar keine ist, zahlen muss.»

Ticketcorner-Chef George Egloff wehrt sich: «Wir wollen eigentlich auch, dass die Warteschleife gratis ist. Dies ist jedoch nach Auskunft der Provider technisch nicht möglich.» Die Swisscom bestätigt: Die Warteschleife kann man nicht vom Gespräch abkoppeln. Ticketcorner könnte seinen Kunden aber trotzdem entgegenkommen. «Man kann zum Beispiel pro Anruf abrechnen. So würden die Kunden unabhängig davon, wie lange sie in der Warteschleife sind, den gleichen Preis bezahlen», sagt Swisscom-Pressesprecher Sepp Huber. Ticketcorner findet das nicht kundenfreundlich: Damit würden jene bestraft, die nur kurze Zeit mit dem Callcenter verbunden seien.


Bei Konkurrenten kostet Warten nichts

Bestellungen per Telefon sind nicht nur bei Ticketcorner kostenpflichtig, auch die Konkurrenz rechnet am Telefon pro Minute ab. Starticket zum Beispiel verlangt Fr. 1.49, die Basler Tictec kostet Fr. 1.- in der Minute. Aber: Bei diesen beiden Anbietern zahlen die Kunden nur während des Gesprächs. Starticket und Tictec haben keine Warteschleife. Sind alle Linien besetzt, hört der Anrufer das Besetztzeichen.


Bei Providern sind Lösungen in Sicht

Bald hat auch Ticketcorner keinen Grund mehr, von wartenden Kunden Geld zu kassieren. Die Swisscom bringt demnächst ein System auf den Markt, das die Warteschleife vom Gespräch abkoppelt. «Damit wird es möglich, die Wartezeit gratis zu machen», sagt Pressesprecher Sepp Huber. Auch Sunrise hat eine entsprechende Lösung in der Pipeline. Ticketcorner-Chef George Egloff verspricht: «Sobald man die Warteschleife gratis machen kann, setzen wir dies um.»



Sechsmal teurer als in Deutschland

Bei Ticketcorner zahlen die Kunden nicht nur für null Leistung, wenn sie in der Warteschleife hängen. Schweizerinnen und Schweizer werden mit einem Minutentarif von Fr. 1.19 auch stärker zur Kasse gebeten als deutsche und österreichische Kunden. Ticketcorner Deutschland verlangt 12 Cents pro Minute, also rund 19 Rappen. Das Callcenter in Österreich nimmt Anrufe für umgerechnet rund 42 Rappen pro Minute entgegen.
Ticketcorner schiebt die grossen Preisdifferenzen auf die unterschiedliche Preisgestaltung in den Ländern: In Deutschland und Österreich seien die Margen deutlich höher als in der Schweiz. Die Basler Tictec - sie verlangt im süddeutschen Raum ebenfalls umgerechnet rund 19 Rappen pro Minute - hat für die enorme Preisdifferenz zur Schweiz eine andere Erklärung: «In Deutschland verlangen alle Anbieter 12 Cents pro Minute. Das hat sich vom Markt her so ergeben», sagt Tictec-Chef Frank Schwegler.

Tatsächlich: Grosse deutsche Ticketvertriebe wie Eventim und Ticket Online verlangen umgerechnet etwa 19 Rappen; es gibt aber auch lokale Vertriebe, mit denen man zum Ortstarif telefoniert. Dies gilt auch für die beiden führenden österreichischen Vorverkaufsstellen Austria Ticket Online und Österreich Ticket: Sie bedienen ihre Kundschaft ebenfalls zum Ortstarif.

05. Oktober 2005 | Fiona Strebel - redaktion@ktipp.ch


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