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Artikel | Gesundheits-Tipp 10/2005

Sturz vom Tisch wegen sanfter Therapie

Die Craniosacraltherapie gilt als sanfte Heilmethode. Doch Therapeuten können bei Patienten grossen Schaden anrichten. Simon Keller fiel unter Zuckungen vom Tisch.

Rückenschmerzen, Schwindel, Schmerzen in den oberen Halswirbeln, Kopfschmerzen - der Auffahrunfall hat bei Simon Keller (Name geändert) Spuren hinterlassen. Der Arzt stellte ein Schleudertrauma fest und überwies den 32-Jährigen an eine Fachfrau, eine Physio- und Manualtherapeutin. Doch die konventionelle Physiotherapie zeigte bei Simon Keller keine Wirkung. Da schlug ihm die Therapeutin vor, ihn mit «Energie» zu behandeln, sie mache gerade eine entsprechende Ausbildung. «Erst auf mein Nachfragen hin erzählte sie mir, dass es sich um Craniosacraltherapie handelt», berichtet Keller.

Die Craniosacraltherapie gilt als sanfte Medizin. Therapeuten ertasten am Körper einen so genannten Lebensatem. Er soll sich in langsamen rhythmischen Bewegungen im Körper ausdrücken und über Hirn- und Rückenmarkflüssigkeit in alle Zellen des Körpers verteilen. Durch gezieltes Berühren, so sind Therapeuten überzeugt, können sie den Lebensatem beeinflussen, Blockaden lösen und damit heilende Kräfte anregen.

Zu Beginn wirkte die Behandlung bei Simon Keller sehr entspannend. Doch mit der Zeit wurden die Reaktionen unangenehm und heftig. «In den Augen fühlte ich ein starkes Pulsieren und irgendwann begann mein Kopf während der Behandlung hin und her zu schlagen.» Simon Keller bekam Angst. Doch die Therapeutin nahm ihn nicht ernst. «Sie meinte, es würde sich lohnen durchzuhalten.» Doch Simon Keller ging es immer schlechter. «Ich befand mich irgendwo zwischen Wachsein und Schlaf», sagt er, «ich konnte die Augen nie offen halten und manchmal krümmte sich mein Körper, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.»


Die Therapeutin deutete die Zitteranfälle falsch

Schliesslich stürzte Simon Keller unter Zuckungen vom Behandlungstisch. «Mein Kopf schlug hin und her, mein Körper schüttelte und zitterte.» Die Therapeutin versuchte am Boden, die Verkrampfungen und Spannungen wieder zu lösen. Dies gelang ihr aber nur teilweise. Keller: «Ich war völlig erschöpft, und die Zitteranfälle suchten mich auch zu Hause noch heim.» Der Therapeutin machte dies keinen Eindruck. Im Gegenteil: Sie deutete die heftigen Reaktionen als Zeichen dafür, dass noch weitere Behandlungen notwendig seien. Doch nichts besserte sich. «Es ging mir immer schlechter», sagt Keller.

Nach einem halben Dutzend Sitzungen brach der Patient die Therapie ab. Die Zitteranfälle traten noch lange Zeit nach der Behandlung auf. «Meine Beschwerden sind heute schlimmer als vorher», stellt Simon Keller enttäuscht fest.
Den Psychologen Horst Kraemer erstaunen die Erlebnisse von Simon Keller nicht. Kraemer ist spezialisiert auf Traumabehandlung in Zürich. Er beteiligt sich an einer Studie mit Menschen, die erfolglose Therapien gemacht haben.


«Oft wirds zuerst besser und danach schlechter»

Die meisten Patienten von Kraemer sind Opfer der Craniosacraltherapie. Seine Beobachtung: «Die Patienten berichten oft von einer kurzzeitigen Besserung, der dann eine Verschlechterung der Symptome folgt.» Viele Patienten würden lange an der erfolglosen Behandlung festhalten. «Die Hoffnung auf Heilung sowie eine intensive Beziehung zum Therapeuten lassen die Patienten zögern», sagt Kraemer.

Stefan Beutler vom Schweizerischen Berufsverband für Craniosacraltherapie räumt ein, dass viele Patienten an schwarze Schafe geraten: «Leider gibt es tatsächlich Therapeuten, die nicht fundiert ausgebildet sind.» Der Therapieverlauf bei Simon Keller weise «keinesfalls» auf eine seriöse Behandlung hin. «Der Therapeut muss jederzeit in der Lage sein, den Prozess zu verlangsamen oder zu stoppen, damit sich die Beschwerden nicht verschlimmern», sagt Beutler. Das Problem: Die Berufsbezeichnung Craniosacraltherapeut ist nicht geschützt. Therapeuten lassen sich über den Berufsverband für Craniosacraltherapie finden. Alle diese Therapeuten haben gemäss Verband etwa 800 Stunden Ausbildung hinter sich und mehrjährige Erfahrung in Körper- und Bewegungstherapie.

Für Beutler eignet sich die Craniosacraltherapie vor allem, um einen Heilungsprozess zu unterstützen und um die Gesundheit zu stärken. Derselben Ansicht ist Gesundheitstipp-Arzt Thomas Walser: «Die Therapie ist bei einigen Krankheiten sinnvoll.» Beutler wie auch Walser warnen aber in gewissen Fällen vor einer Therapie - etwa wenn eine Erhöhung des Druckes im Schädel zu vermeiden ist: bei Hydrocephalus (Wasserkopf), bei krankhaften Ausbuchtungen der Hirnarterie oder unmittelbar nach einem Schädel-Hirn-Trauma.



Craniosacraltherapie: Infos und Adressen

Therapeuten setzen die Craniosacraltherapie (Cranium = Schädel, Sacrum = Kreuzbein) nach Unfällen und Krankheiten ein sowie zum Vorbeugen und Stärken. Doch die Therapie ist nicht immer angezeigt.
Hier kann die Therapie helfen
- Kopfschmerzen und Migräne
- Hyperaktivität von Kindern, Konzentrationsstörungen
- Depressionen, Schlafprobleme, Menstruationsbeschwerden
- Wirbelsäulen- und Gelenkkrankheiten
Hier sollte man die Therapie vermeiden
- Wasserkopf (Hydrocephalus)
- Krankhafte Veränderungen der Hirnarterien (Aneurysmen)
- Nach einem Schädel-Hirn-Trauma

Therapeuten verrechnen zwischen 80 und 120 Franken pro Sitzung. Die Grundversicherung der Krankenkassen bezahlt die Therapie nicht.

Therapeutenliste und weitere Infos bei: Schweizerischer Berufsverband für Craniosacral-Therapie SBCT, Postfach, 8044 Zürich, Tel. 0878 800 214 (Ferntarif) oder www.cranioverband.ch

Weitere Informationen finden sich im Gesundheitstipp-Ratgeber «Alternative Heilmethoden». Zu bestellen über Tel. 044 253 90 70, ratgeber@gesundheitstipp.ch oder www.gesundheitstipp.ch.



«Bei vielen Patienten verschlechtert sich der Zustand wieder»
Horst Kraemer, Traumaspezialist

28. September 2005 | Regula Schneider


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