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Artikel | Gesundheits-Tipp 10/2005

«Ich wollte doch kein Kind bekommen»

Ärzte preisen Implanon als sicheres Verhütungsmittel. Doch jetzt wird bekannt: Immer wieder werden Frauen, die mit Implanon verhüten, schwanger. Grund: Die Ärzte machen Fehler beim Einsetzen.

Die Idee klingt bestechend: Mit einem spritzenähnlichen Gerät schiebt der Arzt ein dünnes Kunststoffstäbchen unter die Haut des Oberarms. Das Stäbchen gibt kontinuierlich kleine Mengen des Hormons Etonogestrel ab. Während dreier Jahre müssen Frauen, die Implanon verwenden, nicht mehr an die Verhütung denken.

Ärzte preisen Implanon als sehr sicheres Verhütungsmittel an. Die Firma Organon stellt das Verhütungsmittel her und behauptet, bei klinischen Studien seien keine Schwangerschaften aufgetreten.

Doch Recherchen des Gesundheitstipp zeigen jetzt: Immer wieder werden Frauen schwanger, die Implanon einsetzen liessen. Zum Beispiel Anita Bachmann*. Die 23-Jährige fiel aus allen Wolken, als ihr Schwangerschaftstest positiv ausfiel. «Ich wollte doch kein Kind bekommen», sagt sie. Anderthalb Jahre zuvor hatte Anita Bachmann zum zweiten Mal Implanon einsetzen lassen. Sie wähnte sich deshalb vor einer Schwangerschaft geschützt. Doch dann blieb die Periode aus.


Ultraschall zeigte: Implanon war gar nicht im Arm

Bachmann entschloss sich, das Kind auszutragen. Die Schwangerschaft hatte einschneidende Folgen: Der Arbeitgeber stellte Bachmann auf die Strasse - «obwohl er versprochen hatte, mich weiter zu beschäftigen». Die werdende Mutter musste eine geplante Weiterbildung absagen und eine grössere Wohnung suchen. Dann kam der Hammer: Eine Ultraschall-Untersuchung zeigte, dass in Anita Bachmanns Arm gar kein Implanon vorhanden war.

Nach dem Einsetzen hatte die Ärztin nicht kontrolliert, ob das Verhütungsstäbchen wirklich unter die Haut gelangt war. Möglicherweise blieb das hormonhaltige Stäbchen im Einsetzgerät stecken - oder es fiel zu Boden, ohne dass die Ärztin dies bemerkte.


Swissmedic weiss von dreizehn Fällen

Anita Bachmann ist kein Einzelfall. In den letzten fünf Jahren wurden der Heilmittelbehörde Swissmedic dreizehn solche Schicksale gemeldet. Die tatsächliche Zahl dürfte allerdings weit höher liegen. «Uns werden nicht alle Fälle gemeldet», sagt Rudolf Stoller, Leiter des Pharmacovigilance-Zentrums der Swissmedic.

Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat über hundert Fälle gesammelt - alle von ungewollten Schwangerschaften bei Frauen, die Implanon vermeintlich unter der Haut trugen. Eine neue Studie, die 218 Fälle von unerwünschter Schwangerschaft in Australien untersuchte, kommt zum Schluss: Durchschnittlich wird eine von tausend Implanon-Anwenderinnen auf diese Weise schwanger.
Und in den Niederlanden erhielten 15 Frauen, die ebenfalls schwanger wurden, von einem Gericht Schadenersatz zugesprochen.

In der Schweiz bekam eine Frau, die trotz Implanon-Behandlung ein Kind bekam, ebenfalls eine Entschädigung: Patientin Sylvia Mischler* hatte bereits vier Kinder. Wegen des Nachzüglers musste sie ihr Arbeitspensum reduzieren und eine grössere Wohnung suchen. Auch in ihrem Arm befand sich kein Hormonstäbchen. Das Spital, in dem die fehlerhafte Behandlung vorgenommen worden war, gab den Kunstfehler zu.
Auch in diesem Fall unterliess die Ärztin die Kontrolle nach dem Einsetzen des Verhütungsmittels. Dies geht aus einem internen Dokument des Spitals hervor, das dem Gesundheitstipp vorliegt. Erst geraume Zeit später, als sie einer anderen Patientin ein Hormonstäbchen einsetzen wollte, merkte die Ärztin, dass das Implanon immer noch im Gerät steckte statt in Sylvia Mischlers Arm.


Manchen Ärzten sind die Kontrollanweisungen egal

Dabei steht in der Gebrauchsanweisung für die Ärzte ausdrücklich: «Um sicherzustellen, dass der Eingriff erfolgreich abgeschlossen wurde, wird durch Abtasten kontrolliert, ob das Implantat tatsächlich platziert wurde.»

Die Ärzte werden auch angewiesen, vor dem Einsetzen zu prüfen, ob sich das dünne Stäbchen tatsächlich in der Nadel des Geräts befindet, mit dem es unter die Haut geschoben wird.

Weil die Anwendung von Implanon nicht einfach ist, kommt der Ausbildung der Ärzte grosse Bedeutung zu. Hier haperts allerdings. Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patienten-Organisation, kritisiert: «Einige Ärzte, die Implanon einsetzen, haben nie einen Einführungskurs besucht.»


«Wenn man einmal zuschaut, sollte man es können»

Es gibt auch Ärzte, die den Besuch eines Kurses nicht für notwendig halten. Der Berner Frauenarzt Peter Dürig sagt: «Wenn man einmal zuschaut und Implanon einmal unter Aufsicht einsetzt, sollte man es können.»

Derzeit bleibt den Frauen deshalb nichts anderes übrig, als sich selber ein Bild von der Vertrauenswürdigkeit des Arztes zu machen. Erika Ziltener, Präsidentin des Vereins Patientenstelle, rät: «Erkundigen Sie sich, ob die Ärztin oder der Arzt eine Ausbildung genossen hat. Gute Ärzte haben kein Problem mit solchen Fragen.»

Die Herstellerfirma Organon sieht keinen Grund, über die Bücher zu gehen. «Die Sicherheit und die Wirksamkeit von Implanon werden nicht in Frage gestellt und bleiben unverändert gültig», sagt Organon-Geschäftsführer Mario Mucha. Doch auch er gibt zu: «Eine 100-prozentige Zuverlässigkeit ist bei keiner Verhütungsmethode garantiert.»

*Name geändert



Nur einen Arzt mit Erfahrung wählen

- Fragen Sie den Arzt, ob er im Einsetzen von Implanon ausgebildet ist und wie oft er Implanon einsetzt. Suchen Sie einen anderen Arzt, wenn er wenig Erfahrung hat.
- Bestehen Sie auf einer Kontrolle, falls Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nicht kontrolliert, ob die Behandlung gelungen ist.
- Implanon führt des Öfteren zu Blutungsstörungen: Manche Frauen haben nur noch gelegentlich oder gar keine Blutungen, andere haben häufigere Blutungen.
- Implanon kann weitere Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Akne, Gewichtszunahme und Brustschmerzen verursachen.
- Bei schweren Frauen (ab 80 Kilo) ist die Schutzwirkung nach zwei Jahren fraglich.



«Fragen Sie den Arzt, ob er fürs Einsetzen von Implanon ausgebildet ist»
Erika Ziltener, Präsidentin des Vereins Patientenstelle

28. September 2005 | Andreas Gossweiler


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