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Artikel | saldo 13/2005

Keine Hilfe bei Erkältungen

Echinacea wirkt nicht gegen Schnupfenviren, besagt eine neue US-Studie. Das sehen andere Forscher genauso. Der Schweizer Hersteller Bioforce will davon nichts wissen.

Extrakte aus Sonnenhut steigern die Abwehrkräfte. Sie eignen sich hervorragend zur Vorbeugung und Bekämpfung von Schnupfen und Erkältungen.» Mit solchen und ähnlichen Versprechungen versuchen die Hersteller im Herbst Echinacea-Säfte und -Tabletten unter die Leute zu bringen. Mit Erfolg: Schweizerinnen und Schweizer geben im Jahr 10 Millionen Franken für Echinacea-Produkte aus, weil sie auf die schützende und heilende Kraft des Roten Sonnenhutes vertrauen.


Studie: Echinacea wirkte nicht besser als Placebo-Produkt

Nur: Immer mehr wissenschaftliche Studien sprechen der Pflanze eine Wirkung gegen Schnupfen- und Erkältungsviren ab. Neustes Beispiel: Ende Juli veröffentlichten Wissenschaftler im «New England Journal of Medicine» eine klinische Studie, in der sie zeigten, dass Echinacea-angustifolia-Produkte Menschen weder vor Erkältungen schützen noch die Symptome lindern. Die Forscher träufelten den Studienteilnehmern Erkältungsviren in die Nase. Dann isolierten sie die Testpersonen in Hotelzimmern. Dabei erhielt eine Gruppe Echinacea zur Vorbeugung, die andere nur ein wirkungsloses Placebo. Die Rate der Erkrankungsfälle in beiden Gruppen unterschied sich nicht. Auch bei der anschliessenden Behandlung des Schnupfens litten alle Studienteilnehmer gleich stark, egal, ob sie Echinacea bekamen oder nur ein Placebo.


Wirksam eher gegen bakterielle Infektionen

Viele Forscher erstaunen diese neuen Resultate nicht, auch nicht Jürg Gertsch vom Pharmazeutischen Institut der ETH Zürich. «Die Studien, die zeigen, dass Echinacea gegen Erkältungen wenig ausrichten kann, sind in der Überzahl.» Der Biochemiker spricht der Pflanze aber nicht jede Wirkung ab. Im Gegenteil: «Wir konnten zeigen, dass gewisse Bestandteile der Pflanze im Körper eine Reaktion auslösen. Die Mechanismen deuten aber darauf hin, dass Echina-cea eher gegen bakterielle als virale Infektionen wirksam sein könnte.»

Da die meisten Schnupfen und Erkältungen durch Viren ausgelöst werden, könnte es gut sein, dass Millionen Menschen das Mittel gegen die falsche Krankheit einnehmen. «Es gibt zurzeit keinen vernünftigen Grund, weshalb der Rote Sonnenhut gegen Grippe- und Erkältungsviren eingesetzt werden soll», sagt Gertsch: «Vielleicht wird sich das Einsatzgebiet der Pflanze verändern müssen.»

Ähnlich äussert sich Wallace Sampson. Der Medizinprofessor der Stanford-Universität (USA) sieht keinen vernünftigen Grund, weshalb man die Wirksamkeit dieses pflanzlichen Heilmittels bei Schnupfen untersuchen soll. Die Indianer hätten Echinacea für alles Mögliche eingesetzt, zum Beispiel zur Behandlung von Wunden, Schlangenbissen, Husten oder Zahnfleischentzündungen. Der renommierte Forscher glaubt, dass in der historischen Überlieferung Fehler passiert seien: Verzerrungen über die Heilkraft der Pflanze waren vor allem Ende des 16. bis zum 18. Jahrhundert möglich, als die Eingeborenen Informationen darüber an Händler, Abenteurer und Heiler weitergaben. Auch die anschliessende Übersetzung in andere Sprachen stellte eine mögliche Fehlerquelle dar.


Bioforce: «Eigene Studien beweisen Wirksamkeit klar»

Dass sie Echinacea-Präparate für die falsche Indikation verkaufen, weisen die Hersteller weit von sich. «Wir haben die Wirksamkeit unseres Produktes in einer klinischen Studie klar bewiesen», erklärt Roland Schoop von Bioforce in Roggwil TG. Seine Firma hat die Studie selber in Auftrag gegeben und finanziert. Bioforce plant zudem eine weitere klinische Untersuchung.

Der Ostschweizer Heilmittelhersteller distanziert sich von den Resultaten der neusten Studie. Schoop: «Untersucht wurden Extrakte auf der Basis von Echinacea angustifolia. Wir verwenden aber Echinacea purpurea. Das lässt sich nicht vergleichen.» Diese Argumentation überzeugt ETH-Forscher Jürg Gertsch nicht völlig: «Mich würde es erstaunen, wenn dieselbe Untersuchung mit Echinacea purpurea ganz andere Resultate liefert.»

31. August 2005 | Silvia Baumgartner


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