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Der Zuckerersatz Aspartam kann krebserregend wirken. Das zeigt eine neue Studie. Die Schweizer Gesundheitsbehörde sieht trotzdem keinen Handlungsbedarf.
Kaugummi, Bonbons und Joghurt - über 5000 Lebensmittel und Getränke sind mit dem kalorienarmen Zuckerersatz Aspartam gesüsst. Eine italienische Studie versalzt jetzt aber den Herstellern von Aspartam die Suppe: Ratten, die mit Aspartam gefüttert wurden, erkrankten vermehrt an Lymphdrüsenkrebs und Blutkrebs, stellten Forscher des Krebsforschungszentrums der Europäischen Stiftung für Onkologie und Umweltwissenschaften in Bologna fest.
Vor allem Kinder und Schwangere nehmen zu viel Aspartam ein
Die Forscher fordern, dass die Behörden die zulässige Dosis von Aspartam neu überprüfen - um vor allem auch Kinder zu schützen. Denn, so zeigen Untersuchungen, Kinder und Schwangere nehmen mehr künstlich gesüsste Nahrungsmittel zu sich als die durchschnittliche Bevölkerung.
Überraschend sind die Resultate nicht. Immer wieder warnten Wissenschaftler vor möglichen Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Aspartam. So auch der deutsche Toxikologe Hermann Kruse 1999 in einem Fernsehinterview im «Mittagsmagazin» des ZDF. Bei Aspartam bestehe der Verdacht, dass es zum Krebsgeschehen einen Beitrag leiste.
Obwohl er sich vorsichtig ausdrückte, musste er erfahren, wie vehement die Süssstoffindustrie reagiert, wenn man gegen ihre Produkte die Stimme erhebt. Der Schweizer Hersteller Nutrasweet, jetzt Ajinomoto Switzerland AG, strebte gegen den deutschen Toxikologen ein Gerichtsverfahren an. Dabei sollen, so berichtete der Westdeutsche Rundfunk, von beiden Seiten insgesamt 166 Studien vorgelegt worden sein. 83 kamen zum Schluss, dass Aspartam unbedenklich sei, die andere Hälfte beurteilte den Süssstoff als problematisch. Das Gericht sah sich aufgrund dieser Daten nicht in der Lage, über die gesundheitliche Wirkung zu entscheiden.
Wenig Besorgnis beim Bundesamt für Gesundheit
Kaum Zweifel hegte jahrelang die Europäische Gesundheitsbehörde. Sie beharrte auf dem Standpunkt, Aspartam sei unbedenklich. Erst im Dezember 2002 hat das Scientific Committee on Food der EU nach einer erneuten Prüfung Aspartam weiterhin für zulässig erklärt. Die italienische Studie rüttelt jetzt aber die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit auf. Sie hat eine Neubewertung von Aspartam in Auftrag gegeben und spricht ihr höchste Priorität zu.
Wenig besorgt ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Michael Beer von der Abteilung für Lebensmittelwissenschaft: «Es gibt keinen Grund, vom Konsum von Aspartam abzuraten.» Man müsse genauere Analysen abwarten. Er übt auch Kritik an der Untersuchung: «Die in der Studie verwendete Dosierung war extrem hoch.»
Seltsam: Beim noch hängigen Zulassungsverfahren des natürlichen Süsskrauts Stevia (saldo 10/05) bemängelt das BAG die hohe Dosierung nicht. Eine Studie hat bei absurd hohen Mengen von Stevia Fruchtbarkeitsstörungen bei männlichen Versuchstieren festgestellt. In Asien und Südamerika ist die Pflanze aber längst gängiger Zuckerersatz.
So schaffte Aspartam in den USA die Zulassung
Jahrelang hatte sich die amerikanische Zulassungsbehörde FDA geweigert, Aspartam freizugeben. Kein Wunder: Tests seien gefälscht und Gefahren verheimlicht worden, zitiert Hans-Ulrich Grimm den britischen Forscher Erik Millstone in seinem Buch «Die Ernährungslüge». Das änderte sich schnell, als Ronald Reagan ins Weisse Haus einzog. Er entliess den Chef des FDA und setzte einen Neuen ein. Dieser erneuerte das FDA-Gremium und erhöhte die Mitgliederzahl auf sechs. Als sich Befürworter und Gegner die Waage hielten, konnte er selber über die Zulassung entscheiden. 1981 wurde Aspartam für trockene Lebensmittel zugelassen, 1983 auch für Getränke.
Quelle: Hans-Ulrich Grimm, «Die Ernährungslüge», Droemer Verlag 2003, Taschenbuch Fr. 16.50
31. August 2005 | Silvia Baumgartner
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