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Voll arbeiten, aber vom Lohn nicht leben können: Die Zahl der Working Poor hat wieder zugenommen. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht.
Die Schlechtverdiener haben trotz schwach steigenden Bruttolöhnen immer weniger Geld zur Verfügung. Auch in diesem Jahr - so die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Statistik - sind die Minimallöhne real gesunken; die durchschnittliche Lohnerhöhung von 0,9 Prozent wurde von der Teuerung von 1 Prozent mehr als aufgefressen.
Die Entwicklung ist bedrohlich, vor allem für jene halbe Million Menschen, die in einem Working-Poor-Haushalt leben. Wie etwa Marcel Gasser aus dem Emmental. Als Hilfsdachdecker verdient er pro Monat 4200 brutto. Doch davon können er, seine Frau und seine drei Kinder nicht leben. Obwohl die Ehefrau noch als Hausabwartin arbeitet, ist die Familie auf 400 Franken zusätzlich vom Sozialamt angewiesen. Ihre Steuerschulden können sie so kaum abstottern.
Gassers gehören zu einer Bevölkerungsgruppe, die in der Schweiz besonders armutsgefährdet ist: Gut 20 Prozent der kinderreichen Familien sind Working-Poor-Haushalte.
Auch Doris S. ist arm, obwohl sie arbeitet, soviel sie kann. Neben Haushalt und Kinderbetreuung betreibt sie ein Computergeschäft in Gerlafingen SO, das sie selber aufgebaut hat. In der letzten Steuererklärung kam sie auf ein Einkommen von 20 000 Franken. Nach Abzug von Miete, Steuern und Versicherungen bleiben für sie und ihre zwei Kinder monatlich rund 800 Franken.
S. ist ein Beispiel für zwei weitere Kategorien von Erwerbstätigen, die bei den Working Poor übervertreten sind: Alleinerziehende und Selbständigerwerbende.
Ueli Mäder, Soziologieprofessor an der Uni Basel mit Spezialgebiet Working Poor, beobachtet die Entwicklung mit Sorge: «Wenn immer mehr Leute den Gürtel immer enger schnallen müssen, besteht die Gefahr, dass der soziale Friede aufbricht.» Dies insbesondere, wenn bei den einen die Löhne ins Uferlose anwachsen, während bei den anderen das Gehalt zum Leben nicht ausreicht. Mäder: «Das stresst die Leute und macht sie wütend.»
Drum prüfe, wer selbst Chef sein will
Die Selbständigerwerbenden sind besonders stark gefährdet, unter die Armutsgrenze zu rutschen. Wer sein eigener Chef werden will, sollte drum vorher doppelt prüfen, ob der Traum vom eigenen Geschäft realisierbar ist.
Fast jeder fünfte Einmann-Unternehmer ist ein Working Poor. Das zeigt eine aktuelle Berechnung des Bundesamts für Statistik. Oder anders ausgedrückt: «Mehr als die Hälfte aller Familien, die unter der Armutsgrenze liegen, haben einen selbständigen Haushaltsvorsteher», so der neue K-Tipp-Ratgeber für künftige Kleinunternehmer (zu bestellen mit der Karte auf Seite 9).
Dennoch ist der Drang nach Selbständigkeit ungebremst: 34 000 neue Unternehmen wurden letztes Jahr gegründet - ein Rekord. Gleichzeitig verschwanden fast 26 000 Firmen - ebenfalls ein Rekordwert. Wer Erfolg haben will, sollte drum vor der Gründung der Firma sein Projekt schonungslos auf Schwachstellen abklopfen.
Das sind die wichtigsten Fragen, die man vor dem Schritt in die Selbständigkeit ehrlich beantworten muss:
24. August 2005 | Daniel Müller, Bennie Koprio
