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Artikel | Haus & Garten 3/2005

Zurück zum Sanatorium des Dr. Turban!

Von der Gesundheit durch Zucht und Ordnung über den Sport bis zur Krankheit durch Wellness - und dann? SPEZIAL-Autor Andrin C. Willi fordert: Zurück zur Zucht!

Krankheit, Sport und Hotel haben ja schon immer zusammengehört. Für die Entdecker der Schweiz, die Engländer, war das Reisen an sich ein Sport.

Eher unfreiwillig streiften hingegen die traurigen Pilger, ausgezogenen Soldaten oder hungrigen Dienstgesellen durch die Lande. Noch vor 200 Jahren bestand die Hotellerie vor allem aus der Gastfreundschaft der Einheimischen.

Um 1830 sprossen die ersten derben Gasthöfe hervor. Der Tourismus kam auf, Hotels wurden gebaut, die sich architektonisch selbstbewusst von der traditionellen regionalen Bauweise abhoben.

So hat die Schweizer Hotelgeschichte angefangen. Und 1873 hat sie dann wieder aufgehört - beim Börsencrash. Die Gäste brauchten Luft.

Es kam die Zeit der Luftkurorte gegen Lungenkrankheiten und für sonstige Vergnügen. Laissez faire, lautete die gesunde Devise, nur keine Anstrengungen. Gesunde und Kranke plätscherten in den Trink- und Badepavillons umher, sie wohnten in Kurhäusern, rauschten an Bälle, und die Festlaune schien das Beste am Luftwechsel zu sein. Spazieren war flott, Relaxen Trumpf.

Ausser im Sanatorium von Dr. Karl Turban in Davos, gegründet 1889. Dieser Spielverderber widersetzte sich dem scheusslichen Treiben, separierte Kranke von Gesunden und schmiss hinaus, wer sich nicht an seine strengen Sitten hielt. Die Heilungserfolge stiegen an. Was dann doch für Dr. Turban spricht.

Um 1890 fing mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die Geschichte der Schweizer Hotellerie wieder an. 1910 blühte sie wie nie zuvor und nie mehr danach. Es waren die Jahre des gutartigen Wintersports, der lebenslustigen Hotelkästen und der höflichen Briten. Doch in den zwei Weltkriegen reisten Europäer aller Nationen dann wieder unfreiwillig. Der Neubeginn danach verlief harzig. Und nach der Erfindung von Hygiene, Antibiotika und anderen Gesundmachern waren die Tage und Nächte der Luftkurorte vorbei.

Die Kur- und anderen Direktoren mauerten, frische Gäste fehlten, ebenso frisches Investitionskapital und frischer Wind, und noch 1970 hatten gerade einmal 34 Prozent der Hotelzimmer der Schweiz ein Bad oder eine Dusche.

Also machten die Direktoren aus der Not eine Tugend, okkupierten das Modewort Sport für sich und deuteten es um zu Unkompliziertheit, Lockerheit und Dynamik. In "Sporthotels" liefen im Winter fortan dicke rote Socken umher, im Sommer luftige weisse Tennissocken. Turnschuhe wurden zur Abendgarderobe, die Zimmer waren kühl, statt "gute Nacht" sagte der Hoteldirektor augenzwinkernd "viel Vergnügen". Dr. Turban hätte sich im Grabe umgedreht.

Die Après-Gäste waren braun, der Gips weiss, Zahnprothesen tabu, Paare mit Huskys erwünscht, Trennkost beliebt. Das war die Zeit der Crevettencocktails und Dillschlucker, der Klettverschlüsse und Neonhosen. Skischuhräume waren beheizbare feuchte Keller mit rutschfesten Teppichen. Saunas waren speckige dunkle Löcher im Keller, Schweiss galt als Zeichen der Unsterblichkeit. Schwimmbäder mussten rechteckig sein, schwarze Bahnen haben und Kacheln.


Und zart gedieh der faule Wellnesstyp ...

Kinder hatten es schwer in dieser Zeit. Sie wurden getrimmt und mussten überall mit - Sportferien waren das Resultat. Schlechtes Wetter - der Segen des Sporthotelgastes. Dieser rieb sich permanent mit Dul-X ein. Sein Interesse galt aber auch dem Tigerbalsam und dem Wachs seiner Langlaufskis mit Schuppen.

Die Menschenmotore überhitzten sich bald - und zart gedieh der faule Wellnesstyp. Auch in der Schweiz. Zehn Jahre später, wie so oft. Die Schweizer Hoteliers schufen "Oasen der Ruhe" mitsamt Gletschergrotten und Sandsteinterrassen. Faul liegen die "Sportler" jetzt in durchgestylten Tempeln herum, Kranke paaren sich mit Gesunden, Dr. Turban - aber das sagte ich ja bereits.

Nun ja, vielleicht wärs jetzt an der Zeit für einen neuen Dr. Turban, der uns verfaultem Wellnesspack Mores lehrt und strenge Härte. Die degenerierte, lahme und schwindlige Wellnessjüngerschaft verliert vor lauter Körperkult und Steinauflegen den Boden unter den massierten Füsschen. Die Kinder werden fetter, die Arbeit paradoxerweise hektischer, die Kost schneller, die Gesellschaft bewegungsloser, und überall gibt es diese Rolltreppen.

Deshalb fordere ich: Zurück zum Sanatorium des Dr. Turban! Fertig mit der Leichtigkeit des Seins, die Seele soll zum Baumeln gefälligst an den Nagel gehängt werden. Künftig wird der Luxus Feind des modernen Gastes sein. Es lebe der Sport, der macht uns fit und macht uns hart!

Sanatorien, das waren geschlossene Anstalten. Harte Holzflechtwerkliegestühle, Bretterterrassen, kalte Massenschläge mit Doppelbetten, Etagenduschen, Flachdächer, Speisesäle, glatte Oberflächen, Zucht und Ordnung. Fertig Warmduscher, fertig Weicheier, fertig Wellness! Sanatorien her! Für Männer aus Stahl und Frauen auch.

Nur in der Härte liegt die Reife. Disziplin, Leute, Dissszippplin! Damit ihr euch endlich wieder mal richtig spürt. Dann verschwinden Stresssymptome und Fett. Endlich Sporthotels, die diesen Namen auch verdienen! Darin und nur darin liegt die neue Chance für das Gewerbe mit dem Gast.

Ich selber bleibe während der Ferien übrigens ganz gern zu Hause.

29. Juni 2005


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