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Mein Körper geht immer weiter kaputt - eines nach dem anderen: die Gelenke, die Sehnen, die Haut, der Magen. Schuld daran ist das Kortison, das ich nehmen muss. Doch ohne die Tabletten würde ich sterben. Es ist ein Teufelskreis. Ich habe Morbus Addison. Meine Nebennierenrinde funktioniert nicht mehr und kann kein Kortison mehr bilden. Deshalb brauche ich Tag für Tag künstliches Kortison. Ich darf es auf keinen Fall vergessen, sonst geht es mir ganz schlecht.
Angefangen hat es vor etwa zehn Jahren. Ich arbeitete damals in der Schulzahnprophylaxe. Da merkte ich plötzlich, dass ich gar nicht mehr richtig gehen konnte. Ich kam kaum mehr die Treppe zum Schulhaus hoch. Mir fehlte einfach die Kraft. Ich war schlaff, bleich und mochte nicht reden. Einige Monate arbeitete ich noch mit grösster Mühe. Ich wurde immer schwächer. Schliesslich konnte ich nicht mehr lesen, nicht mehr Radio hören, nicht mehr fernsehen. Am liebsten sass ich nur noch da oder lag im Bett.
Im Unispital Zürich bekam ich schliesslich die Diagnose Morbus Addison. Der Arzt verschrieb mir Kortisontabletten und innert kürzester Zeit ging es mir wieder viel besser. Doch was das langfristig bedeutet, wusste ich damals nicht. Heute habe ich unzählige Operationen hinter mir: künstliches Hüftgelenk, künstliche Schulter, künstliches Knie, mehrere Sehnenrisse und eine Rückenoperation. Das Kortison hat meine Knochen zerlöchert. Der Hüftgelenkkopf und der Achselgelenkkopf waren sogar völlig weg. Einfach aufgelöst. Im letzten Jahr hatte ich zudem Magengeschwüre und immer wieder Darmprobleme. Ohne Dauerdiät würde ich durch das Kortison innert kürzester Zeit kiloweise zunehmen.
Manchmal packt mich die Wut. Denn die Krankheit ist nicht einfach Schicksal, sondern die Folge einer Fehlbehandlung durch einen Arzt. Er hat mir während Jahren über hundertmal ein Medikament gegen Rheuma gespritzt. Das hat meine Nebennieren ruiniert. Verklagen will ich ihn deswegen nicht. Das bringt nichts. Aber ich gehe noch heute manchmal zu ihm, damit er sieht, was er mir angetan hat.
Heute kann ich praktisch nicht mehr aus dem Haus. Denn das bedeutet jedesmal Stress und dann braucht der Körper noch mehr Kortison. Auch das Autofahren musste ich aufgeben - zu viel Stress. Ebenso das Reisen. Früher war ich mit meinem Mann oft unterwegs. So habe ich doch etwas von der Welt gesehen.
Zum Glück habe ich eine grosse Wohnung und drei erwachsene Kinder, die mir helfen. Im Winter ist es aber trotzdem manchmal sehr schlimm. Ich fühle mich wie eingesperrt. Dann habe ich manchmal Zeiten, in denen ich nur heule.
Angst vor der Zukunft habe ich schon hie und da. Was kommt noch alles auf mich zu? Wie viele Operationen und Schmerzen? Das Kortison kann zum Beispiel die Augen angreifen oder Diabetes auslösen. Manchmal fühle ich mich nur noch wie ein «verrottendes Etwas».
Es braucht viel Kraft, das alles zu ertragen. Woher ich sie nehme, weiss ich nicht. Ich war schon immer ein positiv denkender Mensch. Das hilft mir sicher. Und dann habe ich ja auch noch meinen kleinen Garten. Es ist nur ein einziges Beet, mehr schaffe ich nicht mehr. Aber das Gärtnern ist Balsam für meine Seele.
Morbus Addison: Die Nebennierenrinde ist zerstört
Bei Morbus-Addison-Patienten ist die Nebennierenrinde teilweise oder ganz zerstört. Deshalb produziert der Körper wichtige Hormone wie Kortison nicht mehr. Die Folgen sind Appetitmangel, Übelkeit, tiefer Blutdruck, bleierne Müdigkeit und schwache Abwehrkräfte. Typisch für Addison-Kranke ist der Hunger auf Salziges und ein brauner Hautton. Um den Hormonmangel auszugleichen, müssen sie Kortisonpräparate schlucken. Diese haben zum Teil schwere Nebenwirkungen wie Knochenschwund, Diabetes, Fetteinlagerungen, Bluthochdruck, Haut- und Magenprobleme.
Die Krankheit ist meist die Folge einer Autoimmunreaktion. Dabei greifen die Abwehrzellen das Gewebe der Nebennierenrinde an und zerstören es. Aber auch Tuberkulose, Tumore oder eine lang andauernde Kortisontherapie können zu Morbus Addison führen. Betroffen ist einer von 20 000.
- Infos: Wegweiser. Schweizer Selbsthilfegruppe für Krankheiten der Hypophyse, Postfach 529, 3004 Bern, Tel. 031 302 95 15, www.shg-wegweiser.ch.
- Buch-Tipp: Piet Auer-Grumbach: Kortison. Wundermittel oder Teufelszeug? Kneipp-Verlag, Fr. 28.30
29. Juni 2005 | Aufgezeichnet: Sonja Marti
