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Artikel | Gesundheits-Tipp 7+8/2005

Nutzlose Mittel, grausames Töten

Der Hai in Pulverform soll viele Krankheiten heilen: Gelenkschmerzen, Arthrose, Osteoporose, Akne oder Krebs. Belegt ist das zwar nicht, dennoch verkaufen Drogerien das Pulver.

Gewonnen wird das Pulver auf grausame Weise: Haben die Fischer den Hai im Netz gefangen, schneiden sie ihm kurzerhand die Flosse ab. Die Flosse wird getrocknet, zu Pulver verarbeitet und danach zu Kapseln geformt. Manchmal verwenden die Hersteller dazu auch das gesamte Skelett.

Die Pillen gelten als wahre Wundermittel, als Fitmacher für Mensch und Tier. Zudem sollen sie Blutgefässe am Wachstum hemmen und damit Tumore bremsen - und deshalb gut sein bei Krebskrankheiten, Gelenkschmerzen und Knochenschwund.

Dies zumindest preisen die Hersteller vollmundig an. Fakt aber ist: Ein Nutzen konnte bisher in keiner Studie nachgewiesen werden. Christian Marti, Krebsspezialist aus Winterthur: «Ich kenne keine wissenschaftlichen Daten, die belegen, dass Haifischknorpel heilen kann.»

Beim Patiententelefon der Schweizer Krebsliga halten sich die Berater an den Krebsratgeber von Dr. Münstedt. Gemäss diesem «Ratgeber der unkonventionellen Krebstherapien» gibt es «keine begründeten Hinweise, dass die Therapie mit Haifischknorpelpulver wirksam bei Krebs ist». Als Nebenwirkungen nennt er «Magenbeschwerden oder eine Intoleranz gegenüber Haifischknorpelpulver»

Studienergebnisse, die erst diesen Mai veröffentlicht worden sind, stützen diese Aussagen. US-Wissenschaftler der Mayo-Clinic in Rochester stellten fest: Haifischknorpel verlängert die Überlebenszeit von Patienten mit fortgeschrittenem Brust- oder Dickdarmkrebs nicht. Zudem waren Durchfall, Atemnot, Knochenschmerzen und sinkende Zahlen weisser Blutkörperchen häufige Nebenwirkungen. Patienten, die Haifischknorpel nahmen, fühlten sich gar körperlich schlechter als solche, die bloss ein Plazebo erhalten hatten.


Irrlehre: Haie sollen immun sein gegen Krebs

Der Glaube, Haifischknorpel heile Krebs und andere Krankheiten, begründet sich in der Annahme, dass Haie praktisch nie an krebsartigen Tumoren erkrankten. Das zu Beginn der 90er-Jahre erschienene Buch mit dem Titel «Warum Haie immun sind» verbreitete diese These im Nu. Der Trend, Haiknorpel in Pillenform zu schlucken, begann.

Doch Wissenschaftler forschten nach und stiessen auf über 40 Beschreibungen von tumorkranken Haien. Somit ist einzig klar: Mit Haifischknorpel lässt sich viel Geld verdienen. Und: Die Haipopulation schwindet wegen dieser Heilvorstellungen rasant.

Viele hiesige Drogerien und Reformhäuser scheinen sich darum nicht zu kümmern. Eine kleine Stichprobe des Gesundheitstipp zeigt: 7 der 15 angefragten Drogerien wären bereit, die umstrittenen Pillen zu bestellen. Die Redaktion kaufte bei einer Drogerie eine Schachtel à 60 Stück für Fr. 64.50.

Immerhin: Die acht Reformhäuser und Drogerien, die keinen Haifischknorpel verkaufen, tun dies aus ethischen Motiven. Ein Mitarbeiter der Drogerie an der Spisergasse in St. Gallen erklärt: «Den Verkauf dieses Produkts können wir nicht mehr vertreten.» Grund: Die Wirkung sei nicht erwiesen, «und die Abschlachtung der Haie ist ethisch äusserst fragwürdig».

Das unnütze Töten beschäftigt auch den Schweizer Haiforscher Erich Ritter (siehe Interview im Gesundheitstipp 6/2005): «Es ist grauenhaft, was den Haifischen geschieht», klagt er. Unter anderem wegen Haifischknorpel würden die Haie zu Millionen abgeschlachtet. Erich Ritter kämpft darum seit Jahren dafür, dass «dieser Blödsinn endlich aufhört».

29. Juni 2005 | Gabriela Braun - gbraun@gesundheitstipp.ch


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