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Er lauert ihr vor der Wohnung auf, ruft mitten in der Nacht an oder fängt sie an der Bushaltestelle ab: der Stalker. Meist geht es bei dem Psychoterror um nicht erwiderte Liebe. Jetzt berichten Opfer und Täter.
Am schlimmsten Tag erhielt ich 40 Telefonanrufe von meinem Ex-Partner. Dazu kamen unzählige SMS und anonyme Briefe mit Beschimpfungen. Er nannte mich "Flittchen" und "Schlampe". Er lauerte mir zu Hause auf. Ich wohnte im Parterre und wusste nie, ob er sich im Garten hinter den Büschen versteckte. Er verschaffte sich Zugang zu meinen Mails, kopierte deren Inhalt und verschickte sie an Bekannte von mir. Der Terror dauert nun schon zwei Jahre.»
Was die heute 28-jährige Esther Werner* durchlebt, nennen Fachleute Stalking. Das Wort kommt aus der Jägersprache und heisst «sich anpirschen» oder «auflauern». Doch gemeint ist ein anhaltender und systematischer Psychoterror, meist durch jemanden aus dem Bekanntenkreis: Wiederholte Belästigungen am Telefon, Anrufe mitten in der Nacht, eine Flut von SMS auf dem Handy, das Verfolgen und Auflauern vor der Haustür oder an der Busstation - bis hin zu Gewalttätigkeiten. Monate- oder gar jahrelang. Grenzen gibt es kaum.
Stalking ist ein Phänomen, das vor ein paar Jahren in den USA bekannt wurde. Dort soll rund jeder Zehnte von Stalking betroffen sein. Jetzt bestätigt eine Studie vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim: Auch im deutschsprachigen Raum ist Stalking verbreitet. Gemäss der Umfrage bei 700 Männern und Frauen war jede achte Person einmal ein Opfer. Das heisst: Die wurden während mindestens zwei Wochen mit unterschiedlichen Methoden bedroht oder belästigt und so in Angst versetzt. Für die Schweiz gibt es noch keine Daten.
Frauen sind viermal häufiger betroffen als Männer
In 60 bis 80 Prozent der Stalking-Fälle geht es um abgebrochene oder eingebildete Liebesbeziehungen. Frauen sind viermal häufiger betroffen als Männer. Der eine Partner kann sich nicht damit abfinden, dass der bzw. die andere kein Interesse mehr hat am Zusammensein. Vom ehemaligen Partner verschmäht, kippen die schwärmerischen Gefühle um in Rache- und Machtgelüste. Der Basler Psychiater Werner Tschan behandelt Betroffene und Täter. Er sagt: «Den Stalking-Tätern gelingt es nicht auf normalem Weg, ihren Wunsch anzubringen und ein Nein zu akzeptieren.»
So war es auch bei Esther Werner*: Sie war 25 und arbeitete mit dem 31-Jährigen im gleichen Betrieb. Die Liebe zwischen den beiden entflammte, doch der Mann hatte bereits eine feste Beziehung. «Wir waren uns von Anfang an bewusst, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte», erzählt Esther Werner. «Dennoch begann er, mich zu kontrollieren, wollte alles über meine Abmachungen und über mein Leben wissen.» Über ein Jahr dauerte die lose Beziehung mit vielen Hochs und Tiefs, bis die Frau endgültig den Schlussstrich zog. Doch dann begannen die Belästigungen.
Stalking gibts nicht nur in Paarbeziehungen
Etwas anders verlief der Fall von Susi Meier* und Peter Huber* (siehe Berichte Seite 20). Zwei Jahre nachdem sie ihre Beziehung beendet hatten, rief Peter Huber* die Ex-Partnerin wieder an. Er wolle die Beziehung in einer freundschaftlichen Atmosphäre bereden und auswerten. «Das ist doch ganz normal», rechtfertigte er sich. Doch Susi Meier wollte nicht. Die Situation eskalierte. Meier klagte schliesslich vor Gericht und Huber musste einem Vergleich des Bezirksgerichts zustimmen und sich verpflichten, «inskünftig jeglichen Kontakt zur Klägerin, ihren Kindern und ihr nahe stehenden Personen zu unterlassen». Auch Esther Werner ging vor Gericht und konnte einen solchen Vergleich bewirken. Doch der Täter machte weiter.
Stalking gibt es nicht nur in Paarbeziehungen. Oft sind Täter auch entlassene Mitarbeiter, die sich an ihren ehemaligen Chefs rächen wollen. Ein spektakulärer Fall war der Badener Nuklearingenieur Konstantin Parlavantzas. Das Paul-Scherrer-Institut in Villigen liess das befristete Arbeitsverhältnis mit dem Griechen 1993 auflösen. Parlavantzas lauerte in den folgenden Jahren seinen Vorgesetzten über 120 Mal auf dem Parkplatz auf. Zudem fuhr er ihnen bis nach Hause nach und bedrohte sie verbal. Das Bezirksgericht Baden verurteilte ihn 2002 schliesslich wegen mehrfacher Nötigung und Drohung zu vier Monaten Gefängnis.
Charakteristisch bei Stalkern - so auch bei Parlavantzas - ist: Sie sehen nicht ein, dass sie etwas falsch machen. Der Basler Psychiater Tschan: «Täter sehen die Schuld meist beim Partner.» Deshalb würden sie nie freiwillig in eine Behandlung kommen.
«Stalker wollen die volle Kontrolle über den Partner»
Zwar ist Stalking keine eigenständige psychische Krankheit, doch die Täter leiden oft an einer gestörten Persönlichkeit. So haben sie in der Regel Mühe, Beziehungen aufzubauen und einen Partner zu finden. Tschan erklärt das so: «Die Mehrheit der Täter hatte in der Kindheit keine verlässliche Bezugsperson. Sie sind oft scheu und unsicher. Sie wollen deshalb die volle Kontrolle über den Partner.» Oft gibt es in einer Beziehung Vorboten zum späteren Stalking, zum Beispiel Eifersucht, das Ausüben von Kontrolle oder Gewalt.
Für die Opfer ist das Stalking verheerend. Sie leben meist in Angst und Schrecken. Wie dies auf die Gesundheit schlägt, belegt auch die neue Studie der technischen Universität Mannheim: Unruhe, Schlafstörungen, Alpträume, fehlende Energie und Depressionen - bis hin zum Suizid. In schlimmen Fällen müssen Opfer ihren Wohnort ändern, nehmen das Telefon nicht mehr ab und ziehen sich völlig in die Anonymität zurück. Stalking-Opfer sind im Durchschnitt rund einen Monat lang krank und fehlen am Arbeitsplatz. Esther Werner hat ihren Wohnort mittlerweile zum dritten Mal gewechselt. Jedes Mal fand ihn der Täter heraus.
«Unter Umständen die Polizei einschalten»
Betroffene können sich wehren - auch wenn es nicht einfach ist. Für den Stalking-Experten Jens Hoffmann von der Universität Darmstadt gibt es vor allem eine effiziente Massnahme: den Täter links liegen zu lassen. «Der grösste Fehler ist, sich immer wieder mit dem Täter einzulassen», sagt Hoffmann. Betroffene müssen sich so verhalten, dass der Stalker sein Interesse verliert. Dazu braucht es eine klare und kompromisslose Absage, die dem Täter keine Hoffnungen mehr macht. Dies sollte man zum Beispiel vermeiden: Sagt die Betroffene, «Ich will jetzt allein sein», könnte das der Täter falsch verstehen und meinen, sie würde ihn ein anderes Mal gerne sehen.
Die harte Haltung sei schwierig, räumt Hoffmann ein. Oft handle es sich ja um Menschen, die man einst gut gemocht oder gar geliebt hatte. Zudem drohen Stalker auch immer wieder mit Gewalt. Deshalb sollten Opfer Hilfe suchen bei Familienangehörigen, Freunden und allenfalls auch Nachbarn. Und wenn die Situation zu eskalieren droht, ist für Hoffmann klar: «Betroffene sollten Beratungsstellen aufsuchen und unter Umständen die Polizei einschalten.»
*Namen geändert
Mitarbeit: Claudia Imfeld
So wehren Sie sich gegen Stalker
Das Ziel des eigenen Verhaltens muss sein, dass der Stalker sein Interesse verliert. Deshalb gilt:
- Vermeiden Sie konsequent jeglichen Kontakt mit dem Stalker.
- Dokumentieren Sie das unerwünschte Verhalten. Die Aufzeichnungen können später vor Gericht als Beweismittel dienen.
- Wenn der Stalker vor der Türe steht: Versuchen Sie, die Nachbarn zu alarmieren, damit Sie Zeugen haben.
- Bei Telefonterror: Lassen Sie eine Fangschaltung legen. Lassen Sie einen zweiten Anschluss installieren, über den Sie nur für Ihre engsten Vertrauten erreichbar sind.
- Informieren Sie Ihre Freunde und Ihre Familie über die Vorfälle.
- Prüfen Sie eine Anzeige bei der Polizei.
- Schützen Sie im Notfall Ihre Gesundheit: Wechseln Sie den Wohnort, suchen Sie eine neue Arbeitsstelle, gehen Sie in die Anonymität. Kein Gericht kann einen Stalker lebenslang einsperren.
Weitere Infos: www.stalkingforschung.de
Adresse von Beratungsstellen:
www.opferhilfe-schweiz.ch oder im Telefonbuch unter dem Stichwort «Opferhilfe», Beispiele:
Bern: Tel. 031 372 30 35
St. Gallen: Tel. 071 227 11 00
Graubünden: Tel. 081 257 31 50
Nottelefone für Frauen:
Basel: Tel. 061 692 91 11
Winterthur: Tel. 052 213 61 61
Zürich: Tel. 044 291 46 46
bif-Beratungs- und Informationsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft, Tel. 044 278 99 99
www.bif-frauenberatung.ch
«Stalker sind oft scheu und unsicher. Sie wollen deshalb die volle Kontrolle über den Partner»
Werner Tschan, Psychiater in Basel
«Der grösste Fehler ist, sich immer wieder mit dem Täter einzulassen»
Jens Hoffmann, Stalking-Experte
Das Opfer
Heute weiss ich genau, was mich zu Peter* hinzog. Er ist ein Mann, der viel Charme hat und seine Gefühle sehr gut zeigen kann. Das war neu für mich. Das hatte auch einen positiven Einfluss auf unsere Beziehung, die mit etlichen Unterbrüchen etwa zwei bis drei Jahre dauerte. Eigentlich hätte ich verschiedene Anzeichen seiner manischdepressiven Krankheit schon früher bemerken müssen. Er hatte einige missglückte Beziehungen hinter sich und Probleme mit zu grosser Nähe. In solchen Situationen oder bei kleinsten Konflikten beendete er seinen Besuch abrupt, ohne etwas zu sagen. Ich wusste nie, woran ich war.
Schon lange vor Peters Klinikaufenthalt war die enge, partnerschaftliche Beziehung zu Ende. Wir redeten zusammen, und ich ging davon aus, dass es für uns beide so war. Nach der Zeit in der Klinik trafen wir uns noch ein-, zweimal, dann war für mich endgültig Schluss. Einige Zeit später fingen die Telefonanrufe an - zuerst offen, und als ich nicht antwortete, anonym. So hatte er mich einmal erwischt. Zuerst war es ein normales Gespräch, dann wollte er nochmals über die Beziehung reden, ein «Debriefing» nannte er das. Statt mein deutliches Nein zu akzeptieren, wurde Peter sehr emotional und aufdringlich. Mir blieb nichts anderes übrig, als aufzuhängen.
Dann fingen die regelmässigen Anrufe an, auch nachts. Am schlimmsten Tag waren es acht. Die Mitteilungen auf meinem Telefonbeantworter häuften sich. Auch an meiner Arbeitsstelle war ich nicht mehr sicher. Er rief unter falschem Namen an, sprach mit der Zentrale oder mit meinem Chef, bis dieser ihm strikte verbot anzurufen.
Die Rechtsberatung riet mir zu einer Privatstrafklage. Nun bekam mein Chef einen Brief von Peter mit wilden Beschuldigungen. Kurz vor dem Gerichtstermin tauchte Peter einmal vor meinem Haus auf und einmal abends im Garten, direkt vor den Fenstern. Meine Tochter erschrak und schrie, weil sie einen Mann im Dunkeln sah. Ich erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruch, habe aber seit Monaten nichts mehr von der Polizei gehört.
Das Schlimmste für mich war, dass ich mich so ausgeliefert fühlte, so ohnmächtig, und dass Peter meine Kinder hineinzog. Ich zweifelte sogar manchmal, wer denn nun verschobene Wahrnehmungen hatte - er oder ich. Ich brauchte unheimlich viel Energie und Zeit. Zeitweise durchlebte ich riesige Ängste, weil ich weiss, dass Peter ein Gewehr besitzt.
Während der Gerichtsverhandlung fühlte ich mich mässig verstanden. Ich hatte mir vorgenommen, alle Fragen knapp und wahrheitsgemäss zu beantworten. Peter bekam nochmals eine Plattform, um seine Version auszubreiten. Zum Glück ist die ganze Geschichte jetzt abgeschlossen.
Susi Meier*, 45: «Ich fühlte mich so ausgeliefert und ohnmächtig»
Der Täter
Es passt nicht zu meiner Lebensphilosophie, dass ich Leute einfach aus meinem Bewusstsein streiche. Liebesbeziehungen möchte ich nie vergessen. Mit Susi* erlebte ich drei Jahre lang eine spannende und tolle Beziehung. Wir haben nie zusammen gewohnt, aber Wochenenden und Ferien zusammen verbracht und oft miteinander telefoniert. Der späte Abend war unsere Telefonzeit. Da waren Susis Kinder im Bett. Da ist es doch ganz normal, dass ich diese Beziehung nach ihrem Ende in einer freundschaftlichen Atmosphäre bereden und auswerten wollte. Mich stört, dass ich nicht weiss, was da los war. Vielleicht war sie einfach enttäuscht, dass ich Schluss machte.
Während unserer gemeinsamen Zeit ging es mir einmal so schlecht, dass ich auf eigenen Wunsch drei Monate in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. In dieser ganzen Zeit hat sie sich nie nach meinem Befinden erkundigt oder mich besucht. Nach dem Spitalaufenthalt ging die Beziehung noch einige Monate weiter. Für mich stand fortan das Sexuelle im Vordergrund. Ich wusste ja, dass ich mich im Notfall nicht auf sie verlassen konnte. Dann beendete ich die Beziehung.
Nach einiger Zeit hatte ich das Bedürfnis, mit Susi über unsere Beziehung zu reden. Das kam schlecht an. Susi beschimpfte mich und brach das Gespräch ab. Also rief ich wieder an, ein paar Mal, regelmässig - stimmt, zu häufig. Das gebe ich zu, das war mein Fehler. Es stimmt aber nicht, dass ich jeden Tag mehrmals anrief, wie Susi behauptet. Einmal rief ich abends um 10 oder 11 Uhr an, das war schliesslich früher unsere übliche Zeit. Jetzt war es plötzlich «eine Zumutung, ein Eingriff ins Privatleben». Susi, die früher so offen und gerne kommuniziert hatte, sagte plötzlich, dass sie mich hasse und nichts mehr von mir hören wolle. Es stimmt, dass ich Susi auch im Geschäft zu erreichen suchte: Einmal redete ich mit der Sekretärin. An einem andern Tag rief ich drei- oder viermal an und sprach mit ihrem Chef, bis dieser mich beschimpfte. Danach habe ich nicht mehr telefoniert.
Susi reichte Klage wegen Stalking und Belästigung ein. Dem Frieden zuliebe und um weitere schwierige Sitzungen zu vermeiden, stimmte ich einem Vergleich zu. Ich verpflichtete mich, jeglichen Kontakt zu Susi, zu ihren Kindern und ihr nahe stehenden Personen zu unterlassen. Ich übernahm die Kosten des Verfahrens, zahlte aber kein Schmerzensgeld. Darauf zog Susi den Strafantrag zurück.
Ich bin kein richtiger Stalker. Ich bin nicht aggressiv oder negativ. Ich belästigte, beschimpfte oder bedrohte Susi nie. Ich wollte nur über Erinnerungen sprechen oder über eindrückliche kulturelle Erlebnisse. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, irgendwann einmal mit Susi über unsere Beziehung reden zu können, über Vergangenes zu lachen.
* Namen geändert
Peter Huber*, 51: «Ich bin nicht aggressiv, kein richtiger Stalker»
29. Juni 2005 | Tobias Frey - tfrey@gesundheitstipp.ch
