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Artikel | Gesundheits-Tipp 7+8/2005

«Mein Herz schlägt wild»

Sie zittern, schwitzen oder glauben, in die Tiefe springen zu müssen: Menschen mit Höhenangst. Doch eine kurze Therapie kann helfen, sagt ein Angst-Experte.

«Mein Herz schlägt wild»

Kirchen- und Aussichtstürme meide ich», sagt Katja Burkhard. Die 40-Jährige kennt die Situationen, in denen die Angst kommt: Auf Dachterrassen, auf Sesselliften und beim Skifahren, wenn sie einen steilen Hang überqueren muss. «Dann verkrampfe und versteife ich mich. Mein Herz schlägt wie wild und die Hände werden feucht.»

Katja Burkhard leidet an Höhenangst. Als sie in Mexiko in den Ferien war, stieg sie trotzdem auf eine Maya-Pyramide. «Ich wählte extra eine niedrige Pyramide aus.» Der Aufstieg war kein Problem, trotz der steilen, hohen Tritte. Doch oben packte sie plötzlich die Angst. Burkhard: «Ich konnte nicht mehr hinunter, nicht einmal rückwärts. Schliesslich musste ich die ganze Treppe sitzend hinunterrutschen», erinnert sie sich lachend.

Auslöser der Höhenangst ist Höhenschwindel: Wenn die Augen nur noch Himmel sehen und keinen festen Punkt mehr fixieren können, beginnt der Körper ganz leicht zu schwanken. Laut Giovanni Carraro, Psychiater und Leiter der Angstsprechstunde am Universitätsspital Zürich, ist Schwindel eine sehr häufige Reaktion auf die Höhe. Doch bei den meisten Menschen nehme der Höhenschwindel nach spätestens einer Minute deutlich ab. «Zur Höhenangst wird der Schwindel erst, wenn man ihn als Vorzeichen einer Katastrophe deutet - als Vorzeichen davon, dass man gleich in die Tiefe stürzen wird», sagt Carraro. Dann stellen sich die typischen Angstsymptome ein, etwa zitternde Beine oder Herzklopfen. «Dadurch sehen sich die Betroffenen in ihrer Angst bestätigt. So entsteht ein Teufelskreis.»

Auch Barbara Hofer leidet an Höhenangst. Schon wenige Meter über dem Boden ist ihr nicht mehr wohl. «Als ich ein kleines Kind war, wollte mein Vater mich auf seine Schultern setzen. Ich schrie wie am Spiess.» Heute überkommt die 57-Jährige sogar daheim Höhenangst, wenn sie auf eine Leiter steigen muss. «Ich darf mich dann auf keinen Fall umdrehen.»

Umgekehrt macht ihr die grösste Höhe keine Mühe, sobald sie eine Glaswand vom Abgrund trennt. Kürzlich war Hofer in Schanghai in den Ferien und besichtigte ein Hochhaus mit 57 Stockwerken. Zuoberst war eine verglaste Aussichtsplattform. «Obwohl die Fenster bis zum Boden reichten, konnte ich ganz nahe ran, ohne Angst zu verspüren», erzählt sie.

Auch bei ihrer früheren Arbeit als Flight Attendant habe ihr die Höhe nie etwas ausgemacht, sagt Barbara Hofer. Kritisch könne es dagegen in den Bergen werden. Normale Bergwanderungen seien kein Problem. Wenn sie einen steilen Abhang durchqueren müsse, drehe sie sich gegen die Wand und gehe seitwärts. «Aber über einen Grat, bei dem das Gelände links und rechts steil abfällt, könnte ich nicht gehen.»


«Ein Geländer reizt mich stark»

Hofer verspürt einen starken Drang, in die Tiefe zu springen, wenn die Höhenangst sie im Griff hat. Ein Geländer etwa reizt Hofer, sich extrem hinauszulehnen. «Es zieht mich runter», sagt sie - obwohl sie überhaupt nicht lebensmüde sei. «Ich kann einfach an nichts anderes mehr denken, als hinunterzuspringen, zu fallen und unten aufzuschlagen.»

Dies ist laut Psychiater Carraro nicht mehr die Höhenangst, sondern ein Folgeproblem. Genau genommen sei es die Angst, die eigenen Impulse nicht kontrollieren zu können - in diesem Fall den Gedanken, hinunterzuspringen.

Solch bizarre, der Situation nicht angemessene Gedanken seien ein bekanntes Phänomen: «Manche Leute verspüren zum Beispiel eine unbändige Lust, etwas Obszönes zu sagen, wenn sie mit einem Pfarrer sprechen.» Die meisten Menschen würden solche Impulse ignorieren und gleich wieder vergessen. «Aber einige tun sich schwer, zwischen Denken und Handeln zu unterscheiden.» Dasselbe beobachte man auch bei Menschen, die unter Zwängen leiden: «Sie versuchen, ihre Gedanken zu unterdrücken, erreichen damit aber das Gegenteil - sie fixieren sich auf sie.»

Wirksamer sei es, die negativen Gedanken durch positive zu ersetzen. Anstatt «Jetzt geht das schon wieder los!», könnten sich Betroffene zum Beispiel sagen: «Angst ist nicht gefährlich, nur unangenehm. Ich habe so etwas und noch viel Schlimmeres schon früher ausgehalten.» Auch eine Kurz-Psychotherapie gegen Höhenangst bringt meist gute Resultate. Carraro: «Höhenangst ist eine der Störungen, die sich am schnellsten und mit den besten Resultaten behandeln lassen.» Meist brauche es weniger als zehn Therapiesitzungen.


Schritt für Schritt lernen, die Höhenangst zu bewältigen

Die am besten erforschte Behandlung besteht darin, sich Schritt für Schritt der Höhe auszusetzen: Zusammen mit dem Therapeuten begibt sich der Patient zunächst an einen Ort, der nur leichte Höhenangst auslöst, etwa auf das Flachdach eines Hauses. Ganz bewusst nimmt der Patient den Schwindel als normal und unbedrohlich wahr. Carraro: «Patient und Therapeut bleiben an Ort, bis der Schwindel vergeht. Dabei merkt der Patient, dass ihm nichts passiert.»

Wenn der Patient eine für ihn leichte Situation gemeistert hat, nimmt er - wieder vom Therapeuten unterstützt - die nächste in Angriff, etwa einen Aussichtsturm oder einen Sessellift. «Von einer solchen Therapie profitieren fast alle Patienten», sagt Carraro. «Bei vier von fünf ist die Höhenangst danach ganz verschwunden.»



Höhenangst: Nicht in die Ferne schauen

So können Sie einen Anfall von Höhenangst bekämpfen:
- Setzen oder legen Sie sich hin.
- Richten Sie den Blick zur Wand. Schauen Sie nicht nach unten oder in die Ferne.

So reagieren Sie, wenn jemand einen Anfall von Höhenangst bekommt:
- Üben Sie keinen Zwang aus.
- Diskutieren Sie die vorhandenen Möglichkeiten vernünftig.
- Geben Sie möglichst klare Anweisungen, denn in einer Paniksituation ist die Wahrnehmung eingeschränkt.

Infos und Anlaufstellen
- Reneau Peurifoy: «Angst, Panik und Phobien. Ein Selbsthilfe-Programm», Verlag Hans Huber, Bern, Fr. 34.80
- Kontakt zu Selbsthilfegruppen zum Thema Angst: Stiftung Kosch, Tel. 0848 810 814
- Angst- und Panikhilfe Schweiz, Tel. 0848 801 109 (Mo bis Fr 9-12 h, Do zusätzlich 14-18 h), www.aphs.ch

29. Juni 2005 | Christian Egg - cegg@gesundheitstipp.ch


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