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Artikel | saldo 12/2005

Viel zu wenig geeignete Pflegeplätze

Die Zahl der Menschen, die in der Schweiz an einer Demenz erkranken, steigt rasant. Aber es gibt zu wenig geeignete Heimplätze, um pflegende Angehörige zu entlasten.

Gott sei Dank ist meine Mutter gesund und kann für unseren Vater rund um die Uhr sorgen», sagt Helen Gebert. Ihr 80-jähriger Vater leidet an Alzheimer. Allerdings würde sich die besorgte Tochter für ihre Eltern eine andere Situation wünschen. «Ideal wäre, wenn meine Mutter unseren Vater zwei Tage pro Woche in eine Tagesstätte bringen könnte, damit sie diese Zeit für sich hätte.»

In Biel BE, dem Wohnort des betagten Ehepaars, ist dies nicht möglich. Eine Tagesstätte existiert zwar, aber sie ist offen für alle psychisch Kranken. «Patienten, die unter Demenz leiden, sollten separat betreut werden», so Christoph Held, ärztlicher Leiter des Pflegezentrums Bombach in Zürich und Mitautor des Buches «Das demenzgerechte Heim».

Helen Gebert pflichtet bei: «Mein Vater machte unangebrachte Witze und beleidigte so andere Mitbewohner. Schliesslich liessen uns die Betreuer wissen, dass sie ihn so nicht mehr betreuen könnten.»

Alzheimer ist die Krankheit, die zu einer Demenz führt und den Zerfall der geistigen Leistungsfähigkeit bedeutet. Gegen 90 000 Menschen leiden in der Schweiz an einer Demenz. Und es werden ständig mehr: Die Schweizerische Alzheimervereinigung rechnet damit, dass in zehn Jahren etwa 130 000 Menschen mit dieser schleichenden Veränderung im Gehirn leben müssen.


Situation vor allem auf dem Land schwierig

Zu Beginn ist ein Heimaufenthalt in der Regel nicht notwendig. Pflegende Angehörige sollten aber Zugang zu Entlastungsangeboten haben: Tagesstätten, die den Kranken an einzelnen Wochentagen aufnehmen, oder ein Ferienplatz, damit Angehörige auch mal allein Ferien machen können.

Doch hier hapert es gewaltig: Geeignete Plätze sind Mangelware. «Etwa 53 000 Kranke leben zu Hause. In der Schweiz gibt es in den Alters- und Pflegeheimen nur 1000 Plätze für Tagesgäste», weiss Birgitta Martensson, Zentralsekretärin der Schweizerischen Alzheimervereinigung. Besonders schwierig ist die Situation auf dem Land: Anders als in Grossstädten fehlt es meist an spezialisierten Kliniken. Rita Tola von der Berner Alzheimervereinigung: «Manche Betroffenen müssen hin und zurück zwei Stunden und mehr reisen - das bedeutet Stress.»


Pflege: Eine extreme körperliche und psychische Belastung

So erging es auch der 66-jährigen Christiane Kellenberger aus Sirnach TG. Sie brachte ihren an Alzheimer erkrankten Mann während acht Jahren in eine Klinik nach Münsterlingen TG: «Ein Weg dauerte fast eine Stunde. Dabei hatte ich noch Glück, dass ich Auto fahren konnte.»

Bei der Suche nach einem geeigneten Heimplatz stellte Christiane Kellenberger fest: «Es reicht nicht, dass man die Türen in der Klinik abschliessen kann - man muss sich auch mit den Patienten beschäftigen.» Auch Birgitta Martensson kritisiert: «Nur jeder sechste demenzkranke Heimbewohner lebt in einer spezifischen Abteilung.»

Die Belastung für pflegende Angehörige ist riesig - sowohl körperlich als auch psychisch. Christiane Kellenberger erkrankte selber schwer und musste ihren Mann definitiv in einem Heim unterbringen.

Die 68-jährige Esther Weber (Name geändert), die ihren Mann seit elf Jahren zu Hause pflegt, sagt: «Auch ich brauche ab und zu Erholung.» Deshalb benötigt sie gelegentlich einen Ferienplatz für ihren Mann. Während ihres letzten Urlaubs brachte sie ihn in ein speziell eingerichtetes Heim weit weg ausserhalb ihres Wohnkantons. Die Kosten waren enorm: «Für den 14-tägigen Aufenthalt musste ich fast 4000 Franken zahlen, dazu kamen noch die Kosten für meine Ferien.»


Tagesplätze: Hohe Kosten fürs private Portemonnaie

Auch Tagesstätten belasten das private Budget: Krankenkassen zahlen nur einen Beitrag an jene Einrichtungen, die eine ärztliche Betreuung einschliessen. Die Bandbreite der Tagesansätze ist gross und auch abhängig von eventuellen Subventionen. Mit Kosten von 80 bis 150 Franken pro Tag muss jedoch gerechnet werden.

Zur körperlichen und psychischen Belastung kommt also auch noch die finanzielle. Eine grosse Ungerechtigkeit: Pflegende Angehörige tragen zu massiven Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen bei. Brauchen sie aber einmal Entlastung, müssen sie tief in die eigene Tasche greifen.

Immerhin sind die fehlenden Betreuungsangebote vielerorts als Problem erkannt - allerdings auch als Marktlücke. Deshalb ist es wichtig zu prüfen, ob die Angebote wirklich halten, was sie versprechen. «Ein demenzgerechtes Heim», meint Christoph Held, «leitet sich weder von speziellen Konzepten noch ausschliesslich von Geld ab. In erster Linie braucht es Fachwissen, Erfahrung der Betreuenden sowie Respekt gegenüber den Patienten.»



So finden Sie das richtige Heim

- Verfügt das Heim über ein Pflegekonzept, das die Bedürfnisse und das Verhalten von dementen Personen berücksichtigt?
- Werden die Angehörigen in die Pflegeplanung einbezogen - dürfen sie etwa Lieblingsspeisen und getränke mitbringen?
- Können Angehörige zusammen mit dem Patienten essen?
- Gibt es im Heim Orientierungshilfen wie etwa grosse Tafeln mit Jahreszeit, Datum und Wochentag oder übersichtliche Zimmerschilder mit Bild und Namen des Bewohners?
- Gibt es Gruppenaktivitäten wie Laufgruppen, Aktivierungstherapie oder Ausflüge?
- Gibt es Betreuer, die in spezifischen Techniken in der Pflege und Betreuung von dementen Patienten (Validation, basale Stimulation oder Kinästhetik) ausgebildet sind?
- Wirken Kleider und Schuhe der Patienten sauber und gepflegt?
- Besteht eine ärztliche Versorgung?



Informationen und Adressen
- Alzheimer-Telefon 024 426 06 06, Information und Beratung für Betroffene und Angehörige, Montag bis Freitag 8 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
- SchweizerischeAlzheimervereinigung: Rue des Pêcheurs 8 E, 1400 Yverdon-les-Bains, www.alz.ch
- Broschüre «Mit Alzheimer leben», Unterstützung, Betreuung, Behandlung und Pflege für Menschen mit Demenz, erhältlich bei Janssen-Cilag AG, Sihlbruggstr. 111, 6341 Baar, Tel. 041 767 34 39

22. Juni 2005 | Silvia Baumgartner


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