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Nach dem siebten Lebensjahr entwickelt sich das menschliche Sehvermögen nicht mehr stark weiter. Kommt es bei Säuglingen zu Störungen, können die Augen bleibend geschädigt werden. Das ist auch bei zwei Kindern des Ehepaars Ferragina passiert.
Bereits am ersten Tag nach der Geburt ist der Unterschied bei den Zwillingsbuben augenfällig: Der kleine Luca hat merkwürdige Augen. Mitten auf der Iris erkennt seine Mutter einen kleinen weissen Punkt - von der Grösse eines Stecknadelkopfs.
Christa Ferragina schlägt Alarm. Vier Tage alt ist der Kleine, als Ärzte ihn in der Augenklinik untersuchen und klar wird: Luca leidet an grauem Star. «Fassungslos und verwirrt» ist Ferragina im ersten Moment. Nie zuvor hatte die junge Mutter von grauem Star bei Babys gehört. «Ich hatte keine Ahnung, was das hiess und was genau auf uns zukommen würde.»
Kein Wunder: Nur 3 von 10 000 Kindern kommen mit dieser Augenkrankheit zur Welt. Die angeborene Linsentrübung sieht genau gleich aus wie der graue Star bei älteren Menschen. Und bei zwei von drei kranken Babys sind gleich beide Augen betroffen. «Sind die weissen Punkte auf der Iris so gross, dass man die Netzhaut nicht sehen kann, muss man sofort operieren», sagt Augenärztin Silvia Müller-Büchele aus Zürich. In diesem Fall bestehen gute Chancen, die volle Sehschärfe des Auges zu erhalten. «Eine Operation nach der 16. Lebenswoche kann eine Sehschwäche jedoch nicht mehr verhindern», so die Augenärztin.
Bei Kindern mit nur schwacher Linsentrübung verzichtet man hingegen meist auf eine Operation. Oft kommen sie mit ihrer reduzierten Sehschärfe problemlos zurecht.
Wichtig ist: Kurz nach der Geburt die Augen des Babys prüfen lassen - spätestens aber beim ersten Termin beim Kinderarzt. Denn es gibt noch andere Augenkrankheiten, die möglichst früh behandelt werden müssen: kindlicher grüner Star (zu hoher Augeninnendruck), Augentumore sowie - bei Kindern am häufigsten - Schielen.
Zu spät erkannte Augenprobleme können zu dauerhaften Sehstörungen führen. Kinderärztin Silke Schmidt: «Gerade beim Schielen kann man - etwa durch frühes Training - verhindern, dass ein Auge praktisch "abgeschaltet" wird und dadurch seine Sehkraft mehr und mehr verliert.»
Beim Schielen wie auch bei einem einseitig vorhandenen grauen Star ist es wichtig, dass man das gesündere Auge abdeckt. So wird das Sehen mit dem kranken Auge gefördert. Beginnt man damit früh genug, können später 4 von 5 Kindern wieder scharf sehen. Trainiert ein Kind erst ab sechs Jahren, ist das hingegen nur noch bei 1 von 5 Kindern der Fall.
Der tägliche Kampf mit der Kontaktlinse fürs Baby
Beim kleinen Luca hielten die Ärzte eine Operation für unumgänglich: Ein halbes Jahr ist er alt, als sie ihm die trübe Linse entfernen. Seither muss ihm die Mutter täglich eine Kontaktlinse einsetzen. Doch kaum ist das Kunststück vollbracht, hat das Baby die Kontaktlinse mit dem Fäustchen bereits wieder aus dem Auge gerieben.
Als die Zwillinge zwei Jahre alt sind, bekommt Christa Ferragina ihr drittes Kind - Nils. Ihr Mann sieht ihm nach der Geburt als Erstes in die Augen und erkennt: Auch er hat auf beiden Augen den grauen Star. «Das war wahrhaftig ein Schock», erinnert sich die Mutter. Fachleute können sich nicht erklären, weshalb zwei der drei Buben an dieser seltenen Krankheit leiden: Eine Erblast ist nicht bekannt. Auch kein Infekt - Christa Ferragina hatte weder Röteln während der Schwangerschaft noch andere Krankheiten.
Augen der zwei Buben sind sehr lichtempfindlich
Nach einem Jahr wird Nils am Auge operiert - bei ihm setzen die Ärzte gleichzeitig eine Kunstlinse ein. Dasselbe machen sie beim 3-jährigen Luca. Beide Buben tragen seither Brillen und sind sehr lichtempfindlich. «Das ist fast das Schlimmste», erzählt die Mutter. «Trotz Sonnenbrille und Hut blendet es sie ungemein stark.» Der 4-jährige Nils sieht heute besser als sein älterer Bruder. Irritierend ist: Luca sieht mit dem operierten Auge deutlich schlechter als mit dem nicht operierten.
Die Eltern sind aber vor allem froh, dass die Kinder trotz Sehbehinderung normal spielen und aufwachsen können. Was die Familie nicht weiss, ist, ob sich die Sehkraft der zwei Buben weiter verschlechtern wird - und ob sie die Krankheit dereinst weitervererben können.
Wann Kinder zum Augenarzt müssen
Stellen Eltern beim Baby oder Kleinkind eine der folgenden Tatsachen fest, sollten sie es beim Augenarzt anmelden.
- Schielen
- Augenzittern
- Zwanghaftes Schiefhalten des Kopfes
- Auffallend grosse Augen
- Keine Reaktion auf Licht
- Getrübte Hornhaut
- Weissliche Pupillen
- Ständiges Reiben der Augen (mit den Fingern)
- Grosse, starre Pupillen bei Lichteinfall
- Verdrehen der Augen, ohne etwas anzuschauen
- Vorbeigreifen
Bei älteren Kindern sind nachstehende Auffälligkeiten oft ein Zeichen von Sehschwäche oder Augenkrankheiten:
- Häufiges Stolpern und Stossen an Möbeln
- Zunehmende Sehprobleme bei Dämmerlicht und Dunkelheit
- Plötzliche Verschlechterung der Schulnoten
Weitere Informationen
- Schweizerischer Verband der Orthoptisten, www.orthoptics.ch
- Selbsthilfegruppe: Interessierte Eltern mit Kindern, die an grauem oder grünem Star leiden, melden sich unter: Frauenzentrale Zug, Kontaktstelle Selbsthilfe, Tirolerweg 8, 6300 Zug, Tel. 041 725 26 15, E-Mail: sh@frauenzentralezug.ch
08. Juni 2005 | Gabriela Braun - gbraun@gesundheitstipp.ch
