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Teure Bio-Früchte und -Gemüse bei Coop und Migros: Während die kleinen Bio-Läden ihre Preise gesenkt haben, langen die Grossverteiler kräftig zu.
Coop und Migros setzen angeblich immer mehr auf den Preis als Verkaufsargument bei Lebensmitteln: Der orange Riese legte letztes Jahr mit M-Budget-Produkten 35 Prozent an Umsatz zu - sein grösster Konkurrent führte im Januar die Tiefpreislinie Prix Garantie ein. In der hauseigenen Zeitschrift stimmt Coop-Chefeinkäufer Jürg Peritz gar zum Loblied an: «Wir wollen das breiteste Sortiment zum besten Preis.»
Schöne Werbesprüche - die offensichtlich nicht für den Bio-Bereich gelten. Denn wer bei Migros und Coop keine Pestizide und andere Giftstoffe essen will, wird für biologisch angebautes Gemüse und Bio-Früchte umso mehr zur Kasse gebeten. Eine saldo-Stichprobe zeigt: Die beiden Grossverteiler verlangen dafür zum Teil deutlich mehr als die kleinen Bio-Läden um die Ecke.
Preisunterschiede von horrenden 140 Prozent
Im Preisvergleich mussten folgende Kriterien übereinstimmen: Gewicht, Herkunft, Einkaufsdatum und Verkaufsort der Bio-Ware. Die sieben geprüften Reformhäuser und Bio-Läden in den Kantonen Aargau, Zürich, St. Gallen und Thurgau waren bei vielen Lebensmitteln massiv günstiger als ihre grossen Konkurrenten (siehe Tabelle).
So kassiert etwa die Migros in Wettingen AG für 100 Gramm Radieschen aus der Schweiz Fr. 2.35, während sie wenige Meter entfernt im Bio-Laden Naturata nur 98 Rappen kosten. Migros-Kunden zahlen also 140 Prozent mehr.
Nicht viel besser schneidet Coop ab: Ein Kilogramm Zitronen kostet im Reformhaus Müller in Rapperswil SG Fr. 3.90, Coop verlangt dafür Fr. 9.05 - 132 Prozent mehr für dasselbe Produkt.
Die Eichberg Bio AG aus Seon AG beliefert als grösster Bio-Fachhändler der Schweiz rund 500 Bio-Läden. Geschäftsführer Markus Mahler: «Die kleinen Bio-Läden haben ihre Preise in den letzten Jahren gesenkt. Sie sind professioneller und günstiger geworden.»
Das gilt auch für das Paradies-Dorflädeli in Hombrechtikon ZH: Es ist oft günstiger als die wenige Meter entfernte Migros. Leiterin Edith Hochstrasser: «Wir kalkulieren bei Früchten und Gemüse bewusst tiefer, damit sich auch Familien und Leute mit niedrigem Einkommen Bio-Produkte leisten können.»
Bio-Läden: Tiefere Preise teils durch direkten Einkauf
In allen sieben Bio-Läden in den vier Kantonen sind einige Produkte durchs Band günstiger - beispielsweise Zitronen oder Orangen aus südlichen Ländern. Doch auch Gemüse aus der Schweiz wie Kohlrabi oder Zwiebeln kostet in kleinen Läden häufig deutlich weniger als im Supermarkt.
So verlangt der Quartierladen Haug in St. Gallen für einen organisch gewachsenen Kopfsalat Fr. 2.10, die Migros Grossacker in der gleichen Stadt hingegen Fr. 2.70 - 29 Prozent mehr. Grund: Der Quartierladen kauft zum Teil direkt bei Bio-Bauern ein und kann so die Preise tief halten. Ladeninhaber Heinz Haug: «Grossverteiler schlagen etwa bei Äpfeln Traummargen drauf.» Tatsächlich kostet im Quartierladen 1 Kilogramm Bio-Äpfel Fr. 4.50 - ein Preis, den die Grossen selten unterbieten.
Es fanden sich aber auch Preisbeispiele, bei denen Coop und Migros günstiger waren. Doch das Gros der Bio-Läden hält bei Früchten und Gemüse preislich mit oder ist sogar günstiger. Und dies, obwohl die Kleinen ihre Produkte nicht so günstig erwerben können wie die beiden Grossverteiler. Dank ihrer Marktmacht und der höheren Einkaufsmengen kaufen die beiden zu besseren Konditionen ein.
Der Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler bestätigt: «Die Stichprobe von saldo zeigt, dass Migros und Coop im Bio-Bereich eine höhere Marge haben. Dass sie von den Konsumenten bis 140 Prozent mehr verlangen als kleine Bio-Läden, ist absurd. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.»
Grossverteiler: Höhere Marge bei Bio-Produkten
Diese Preispolitik erstaunt auch das Personal in den Filialen. Migros-Verkäuferin Rosemarie Hecht (Name geändert): «Wir sind teurer als kleine Bio-Läden? Für dasselbe Produkt? Das überrascht mich, denn die Zentrale drückt die Preise der Produzenten ständig.»
Wangler hält den Grossverteilern zugut, dass sie mit teuren Werbekampagnen auf Bio-Produkte aufmerksam machen. «Doch dies rechtfertigt solche Differenzen gleichwohl nicht.»
Migros und Coop haben mit 75 Prozent Marktanteil auch im Bio-Bereich eine dominante Stellung. Migros-Sprecher Urs-Peter Naef ist von den Preisunterschieden «überrascht» und muss feststellen: «Wir sind in gewissen Bereichen teurer.» Daran ändern will Migros jedoch nichts. Die Begründung des orangen Riesen erstaunt: «Die Migros hat deutlich höhere Lohn- und Infrastrukturkosten als ein Quartierladen», behauptet Naef. Er nennt weiter ein grösseres Bio-Sortiment (was nur zum Teil stimmt), sowie dass man Lebensmittel nur abgepackt verkaufe - was teurer ist.
Migros ändert nichts, Coop überprüft Preise
Coop hingegen widerspricht dem Argument der Migros. Kommunikationschef Felix Wehrle: «Aufgrund der grösseren Menge und besseren Einkaufsbedingungen wäre es logisch, dass wir billiger sind.» Coop wollte der Stichprobe nicht recht glauben, kaufte selbst in den getesteten Bio-Läden ein und musste feststellen: «Es gibt einzelne Produkte, wo der Vergleich zu Ungunsten von Coop ausfällt. Allerdings sind wir übers ganze Sortiment günstiger.» Zudem koste 1 Kilogramm Zitronen im Schnitt Fr. 5.66 und nicht Fr. 9.05, da die Zitronen durchschnittlich 150 Gramm schwer und nicht wie von saldo gewogen rund 100 Gramm schwer seien. Doch Wehrle betont: «Wir schauen uns die Preise nochmals an und prüfen, wo wir richtig liegen und wo nicht.»
25. Mai 2005 | Marc Meschenmoser