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Artikel | saldo 10/2005

Süsses Kraut als Zuckerersatz

Die Pflanze Stevia könnte herkömmliche Süssstoffe und Zucker ersetzen - doch die Behörden lassen sich mit der Bewilligung viel Zeit.

Auf den ersten Blick wirkt die 60 Zentimeter hohe Pflanze eher unscheinbar. Doch Stevia rebaudiana Bertoni hat es in sich: Die getrockneten Blätter der südamerikanischen Wildpflanze sind um ein Vielfaches süsser als Zucker. Die extrahierten Stevioside können sogar die 300fache Süsskraft aufweisen. Im Gegensatz zu Zucker hat Stevia aber fast keine Kalorien und ist auch für Diabetiker geeignet.


Hersteller von Süssstoffen fürchten die Konkurrenz

Was verdächtig nach einem «Wundermittel» klingt, ist in Teilen Asiens und Südamerikas ein üblicher Süssstoff - in der EU hingegen nicht einmal zugelassen. Um das Verbot zu umgehen, wird Stevia zum Beispiel in Deutschland als Badezusatz verkauft.

In der Schweiz ist das Süssmittel in Apotheken oder Drogerien erhältlich - was derzeit weder erlaubt noch untersagt ist. Der Hersteller Steviasol aus Herisau AR darf sein Produkt dank der Übergangsbestimmungen des neuen Heilmittelgesetzes so lange verkaufen, bis über das Zulassungsgesuch endgültig entschieden ist.

Stevia hat in Europa nicht nur Freunde. Neben der Agrarwirtschaft sind es vor allem die Hersteller von Süssstoffen wie Aspartam, Cyclamat und Saccharin, die sich gegen eine Markteinführung von Stevia wehren. Mit der Begründung, dass die Datenlage nicht ausreichend sei, lehnte der Lebensmittelausschuss der EU 1999 eine Zulassung ab. Laut einer Studie von 1999 beeinträchtigt Steviosid die Fruchtbarkeit von Ratten. Dazu brauche es aber «absurd hohe Dosen», sagt Ralf Pude vom Institut für Gartenbauwissenschaft der Universität Bonn (D). «Ein Erwachsener muss mehr als die Hälfte seines Körpergewichts an frischen Steviablättern zu sich nehmen, um auf vergleichbare Mengen zu kommen.» In solchen Mengen wäre selbst Zucker gefährlich.

Der Wissenschafter stellte in Anbauversuchen fest, dass Stevia auch auf deutschen Äckern gedeiht, und arbeitet nun daran, möglichst süsse und kälteresistente Pflanzen zu ziehen.


Japaner verwenden Stevia schon seit über 30 Jahren

Kurt Steiner vom Schweizer Verein Pro Stevia ist zuversichtlich, dass in der EU eines Tages die Schranken fallen: «Stevia gehört zu jenen Pflanzen, die am besten untersucht sind. Aus Japan, wo Stevia seit über 30 Jahren verwendet wird, sind keine Zusammenhänge mit Erkrankungen oder einer Überdosis bekannt. Und in Japan hat Stevia unter den Süssmitteln einen Anteil von 75 Prozent.

Rückenwind erhalten die Stevia-Anhänger durch einen Entscheid der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie legte den Wert für die Tagesdosis provisorisch auf 0,2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht fest. Eine Person, die 60 Kilogramm wiegt, darf täglich 12 Milligramm reines Steviaextrakt zu sich nehmen - damit liessen sich sieben Tassen Kaffee oder Tee süssen.


Möglicher Beitrag zur Reduktion der Fettleibigkeit

Die Zeit arbeitet für Stevia: In der westlichen Welt hat die Fettleibigkeit epidemische Ausmasse angenommen - mit ein Grund dafür ist der steigende Zuckerkonsum. In der Schweiz erhöhte er sich in den letzten zehn Jahren von 40 auf über 52 Kilogramm pro Person und Jahr. Das sind täglich 36 Stück Zucker, die in Schokolade, Getränken und Fertigprodukten stecken. Der Einsatz von Stevia in der Lebensmittelproduktion könnte dazu beitragen, das Problem der Übergewichtigkeit zu verringern.

Stevia könnte aber auch als Heilmittel zum Einsatz kommen. Wissenschafter haben festgestellt, dass der Blutzuckerspiegel und der Blutdruck nach der Einnahme von Steviosid sinkt. Es gibt sogar Hinweise, dass Stevia gegen Karies verursachende Bakterien wirksam ist.



Stevia im Eigenanbau

Von den 150 Arten bildet nur Stevia rebaudiana Bertoni Verbindungen, die süss schmecken. Die in Paraguay beheimatete Pflanze braucht viel Licht und Feuchtigkeit und verträgt weder Staunässe noch Frost. Den höchsten Steviosidgehalt hat sie kurz vor der Blüte im Juli. Dann können die Blätter geerntet und getrocknet werden.

Steviapflanzen sind in grossen Gartencentern erhältlich. Auf der Homepage des Vereins Prostevia (www.prostevia.ch) gibt es Informationen und Bezugsadressen. Die Pflanzen kosten zwischen 6 und 12 Franken.
Tipps zur Verwendung von Stevia enthält das Buch «Stevia - Süssen mit dem Wunderkraut» (ISBN 3-03780-187-5), für Fr. 19.90 im Buchhandel erhältlich.

25. Mai 2005 | Sigrid Cariola


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