|
(0) |
Botox soll Falten wegzaubern, gegen Migräne helfen und sogar Fettsucht heilen. Ärzte setzen das Gift gegen immer mehr Krankheiten ein. Der Nutzen ist oft nicht erwiesen. Ärzte warnen vor Langzeitfolgen.
Konzentriert spritzt der Arzt Reto Agosti dem Migränepatienten ein halbes Dutzend Mal Botox in die Stirn. Agosti ist Leiter des Kopfwehzentrums Hirslanden. Die Zuschauer im TV-Studio klatschen, der Patient lächelt. Das Nervengift wirkt nach zwei bis fünf Tagen - dann sind die betroffenen Muskeln gelähmt. Das soll die Schmerzen des Patienten lindern. Nach drei Monaten werde ein weiterer Besuch beim Kopfwehspezialisten nötig, sagt der Patient. Im TV-Bericht über Botox ist die Rede von «Wunderresultaten» und einem «Wundermittel».
Ärzte setzen das Nervengift Botox bei immer mehr Krankheiten ein - so etwa bei Wundheilungsstörungen, Rückenschmerzen, Heiserkeit, Tennisarm und Fettsucht. Nun soll es auch gegen Migräne helfen. In Zeitschriften und Fernsehsendungen preisen Ärzte der Hirslanden-Klinik die Therapie immer wieder an.
Was dabei untergeht: Es fehlt der wissenschaftliche Nachweis, dass die Behandlung tatsächlich nützt. Aus diesem Grund ist die Migränebehandlung mit Botox vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic auch gar nicht zugelassen. Und: Eine einzelne Botoxbehandlung bei Migräne kostet 800 Franken. Diesen Betrag bezahlt die Krankenkasse nicht. Zudem muss sich ein Migränepatient Botox immer wieder spritzen lassen.
Nach zwei Behandlungen: Kopfschmerzen wie zuvor
Viele Kopfwehspezialisten lassen denn auch die Finger von der Therapie. Der Arzt und Leiter der Neurologischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich, Massimiliano Siccoli: «Wir setzen bei Migränepatienten prinzipiell kein Botox ein, solange der Nutzen nicht erwiesen ist.»
Auch Ronald Brand, Arzt und Leiter der Migräne-Klinik Königstein in Deutschland, kritisiert den Einsatz von Botox: «Die Erfolge sind nicht überwältigend. Mit Botox behandelt man nur die Symptome, nicht die Ursache.» In seiner Klinik wolle man den Migränepatienten mit nachhaltigen Therapien helfen. Brand: «Zudem ist Botox viel zu teuer.»
Migränearzt Reto Agosti will zur Kritik keine Stellung nehmen.
Auch Migränepatient Bruno Stadelmann (Name geändert) liess sich Botox spritzen. Der kaufmännische Angestellte leidet seit dreissig Jahren vor allem an den Wochenenden unter schlimmsten Schmerzen: Spannungskopfweh und Migräne machen dem Familienvater das Leben schwer.
An über einem Dutzend Stellen an Stirn und Nacken liess er sich während einer Sitzung das Nervengift spritzen. «Danach hatte ich nach wie vor an 15 bis 20 Tagen im Monat Migräne - allerdings waren die Schmerzen etwas weniger stark.» Die Hoffnung wuchs, mit Botox endlich ein Mittel gefunden zu haben, das nützt. «Ich habe schon so vieles ausprobiert. Mit der Botoxbehandlung klammerte ich mich an einen weiteren Strohhalm.»
Vergeblich: Zwei weitere Behandlungen brachten keine Besserung - die Schmerzen hämmerten wieder wie früher.
Botox - einer der giftigsten Stoffe der Welt
Bei Botulinumtoxin A - so heisst Botox mit vollem Namen - handelt es sich um einen der giftigsten Stoffe der Welt. Es wird aus einem Bakterium gewonnen. «Schon ein Milliardstel Gramm ist tödlich», so Hugo Kupferschmidt vom Toxikologischen Zentrum in Zürich.
Aus dem Gift produzieren die Hersteller Allergan und Ipsen Pharma die Botulinumtoxin-Präparate Botox, Vistabel und Dysport. Dafür wird das Gift gereinigt, bis es in reiner Form als Puder vorliegt. Mit einer Kochsalzlösung aufbereitet, wird Botox dann stark verdünnt gespritzt.
Seit fast 20 Jahren setzen Ärzte Botox in der Medizin ein. Mittlerweile soll es an über hundert Krankheiten erprobt worden sein. Ob bei Zähneknirschen, Stottern oder Speichelfluss - die Botoxspritze ist schnell zur Hand. Die Anwendungen kennen kaum Grenzen (siehe Tabelle Seite 16).
Der Arzt und Herausgeber der Fachpublikation «Pharmakritik», Etzel Gysling rät allerdings zu Vorsicht: «Für viele Beschwerden wurde Botox nicht genügend erprobt. Es fehlen aussagekräftige Studien.» Wissenschaftlich belegt ist die Wirksamkeit von Botox bei krankhaften Lidkrämpfen, halbseitigen Muskelkrämpfen, Schwitzen und bestimmten Formen von Schiefhals oder Schielen.
USA: 2 Millionen Botoxspritzen im Jahr
Den eigentlichen Siegeszug um die Welt trat Botox vor zehn Jahren an - und dies durch einen Zufall: Ein kanadisches Ärzte-Ehepaar behandelte bei einer Patientin ein Augenzucken. Dabei stellten die beiden Ärzte fest, dass sich auch die Augen- und Stirnfalten der Patientin glätteten.
Der Traum von einem knitterfreien Gesicht liess die Verkaufszahlen für das Mittel in astronomische Höhe schnellen. Allein in den USA setzen Ärzte jährlich rund 2 Millionen Botoxspritzen in Stirn- und Augenpartien, um Falten zu glätten. Es handelt sich dabei um die am häufigsten durchgeführte Schönheitsbehandlung.
Immer mehr Frauen und Männer wollen mittels Botox ihre Zornesfalten und Krähenfüsse loswerden. Mit mehreren Injektionen lassen sie sich die kleinen Unebenheiten im Gesicht wegspritzen. Die Stirnrunzeln sind dann weg - die Stirnmuskeln dafür gelähmt. Die Patientin kann die Stirn erst nach drei Monaten langsam wieder bewegen. Nach rund einem halben Jahr ist die Wirkung weg. Dann sind erneute Injektionen notwendig. Für eine Behandlung müssen die Patienten mit 800 bis 1200 Franken rechnen.
Eine Frau, die seit zehn Jahren auf Botox schwört und sich nicht scheut, dies öffentlich zu verkünden, ist Jet-Setterin Vera Dillier. Sie findet das Mittel «genial», ist «völlig begeistert davon» und möchte nicht mehr sein ohne: «Alle sechs Monate lasse ich mir Botox spritzen», erzählt sie. «Es ist toll und zudem ungefährlich. Nach einem halben Jahr hat der Körper das Gift vollkommen abgebaut», glaubt Dillier.
Stimmt nicht, sagt der Toxikologe Hugo Kupferschmidt: «Der Körper baut das Gift keineswegs ab.» Das Gift wirke, weil die Nervenenden beim Muskel irreversibel blockiert werden. Bis sich die Nerven neu gebildet haben und die Muskeln wieder bewegt werden können, vergehen rund drei Monate. Medizinische Langzeitstudien über Botox existieren noch nicht. Somit gibt es auch keine Antwort darauf, was das Gift nach Jahren im Körper anrichtet.
Noch ist niemand an einer Botoxbehandlung gestorben. Dafür wäre eine dreissig- bis vierzigfache Menge der Dosis nötig, die Ärzte heutzutage bei einer Faltenbehandlung verwenden.
Gesundheitliche Nebenwirkungen bei der kosmetischen Botoxbehandlung sind nicht bekannt - dafür optische Nachteile. Eine amerikanische Untersuchung hat gezeigt: Es besteht ein grosses Risiko, dass sich nach einer Botoxspritze an anderen Stellen Falten bilden. Das gilt nach Ansicht der Mediziner zumindest nach einer Anwendung von über einem Jahr. Grund: Da Botox bestimmte Muskeln lahm lege, um die Haut zu entspannen und zu glätten, verlagere sich die Mimik auf andere, nahe gelegene Muskeln.
Botox-Babes: Als hätten sie eine Maske auf
Hinzu kommt: Das Abspritzen der Querfalten auf der Stirn kann bewirken, dass sich die Brauenmuskeln entspannen. Dies hat einen finsteren Gesichtsausdruck zur Folge. Auch der Hebemuskel des Augenlids kann geschwächt werden. In Amerika nennt man die Opfer von verunglückten Botoxbehandlungen «Botox-Babes». Und meint damit Frauen, die nicht mehr lachen können, denen der Speichel aus lahm gelegten Mundwinkeln läuft und die aussehen, als hätten sie eine Maske auf.
Einer, dem seine Botoxinjektionen zum Verhängnis wurden, ist Hollywood-Schauspieler Mickey Rourke. Seit er sich das Falten glättende Gift spritzen lässt, steht es schlecht um seine Karriere. Die Produzenten buchen ihn kaum noch. Grund: Seine Mimik ist wie tot - starr, das Gesicht wirkt lasch. Für das ehemalige Sexsymbol sind Rollen mit Charakter und Ausdruck nur noch schöne Erinnerungen.
«Alle sechs Monate lasse ich mir Botox spritzen»
Jet-Setterin Vera Dillier
11. Mai 2005 | Gabriela Braun - gbraun@gesundheitstipp.ch
