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Immer mehr Leute suchen medizinischen Rat bei einer Telefon-Hotline. Doch eine ausführliche Auskunft kann teuer werden. Und nicht alle Berater ersetzen den Arzt - die Hirslanden Health Line vermittelt ihn sogar.
Eliane Tschumper war ratlos: Ihr dreijähriger Sohn war rückwärts vom Sofa direkt auf den Kopf gefallen. Sollte sie notfallmässig zum Arzt? Sie entschloss sich, zuerst beim medizinischen Beratungstelefon Medgate anzurufen. «Die Beraterin empfahl mir nach eingehender Befragung, eine Stunde abzuwarten. Dann werde ein Arzt zurückrufen.»
So wars dann auch. In der Zwischenzeit hatte sich der Sohn bereits etwas erholt. Der Telefon-Arzt gab nach einer erneuten Befragung Entwarnung: Keine Gehirnerschütterung oder andere schwerwiegende Verletzung. Eliane Tschumper war beruhigt - und hat sich einen unnötigen Arztbesuch erspart.
In der Schweiz rufen Ratsuchende jährlich fast 500 000-mal ein medizinisches Callcenter an. Diese geben rund um die Uhr Ratschläge und vermitteln Notärzte. Doch ein Vergleich des Gesundheitstipp zeigt: Nicht alle sind empfehlenswert. Teilweise sind sie sehr teuer. So verlangt die Hirslanden Health Line Fr. 3.90 pro Minute Gespräch. Medi-24 gar Fr. 4.23 (siehe Tabelle). Für Gesundheitstipp-Arzt Thomas Walser ist das zu viel: «Damit ist die Hemmschwelle für einen Anruf zu hoch.»
Medi-24-Geschäftsführer Christian Simonin relativiert, dass nur vereinzelt Anrufe über die Gebührennummer hereinkämen. Die meisten Ratsuchenden telefonierten kostenlos als Mitglieder der Krankenkassen, die Medi-24 mitfinanzieren. Auch die Hirslanden Health Line verweist auf die kostengünstigere Variante mit der 30-fränkigen Mitgliedschaft. Doch die gibt es nur für Privat- und Halbprivatversicherte.
Medgate hat mit der gebührenpflichtigen Nummer aufgehört. Der Grund, so die Medgate-Sprecherin Franca Gütte: «Die Minutengebühr setzte sowohl die Patienten als auch unsere Ärzte einem unnötigen Druck aus.» Doch auch Medgate ist nur für die Mitglieder bestimmter Krankenkassen gratis. Alle Übrigen können für 100 Franken pro Jahr Privat-Mitglieder werden, wenn sie von der Dienstleistung profitieren möchten.
Zudem: Nicht alle Beratungstelefone zielen auf das Vermeiden von unnötigen Arztkonsultationen - im Gegenteil. So gehört die Hirslanden Health Line zur Hirslandengruppe, die private medizinische Zentren und Spitäler betreibt und der auch 1100 Ärzte angeschlossen sind. Kein Wunder, betont Anne-Catherine Landis, Leiterin der Health Line: «Wir reden dem Anrufer nicht den Arztbesuch aus, sondern organisieren ihn auf Wunsch gleich.» Der Schwerpunkt der Hirslanden-Telefonberatung liegt bei der Vermittlung von Arztterminen. Gesundheitstipp-Arzt Walser kritisiert: «Das darf nicht das Ziel eines medizinischen Beratungstelefons sein.»
Bei den wenigsten Beratungstelefonen sind Ärzte am Draht, meist sind es Pflegefachleute. Doch für Thomas Walser ist klar: «Das Telefon bedienen am besten Ärzte mit langer Praxiserfahrung. Am zweitbesten sind erfahrene Pflegefachleute.»
Vorbildlich ist in dieser Hinsicht Medgate: Die medizinische Beurteilung übernimmt immer ein speziell ausgebildeter Arzt.
Medi-24 hingegen setzt auf Pflegefachleute. Geschäftsführer Christian Simonin behauptet: «Pflegefachleute sind viel kommunikativer und reden die gleiche Sprache wie die Anrufenden.» Und wie die anderen Anbieter mit Pflegefachleuten am Telefon argumentiert er: «Wir ersetzen ja nicht die ärztliche Diagnose und Therapie. Wir beurteilen nur die Dringlichkeit des medizinischen Problems.» Ursula Schwob, Leiterin der Medizinischen Notrufzentrale in Basel, findet gar: «Ein Arzt wäre für diese Aufgabe überqualifiziert.» Zudem sei die Anstellung von Ärzten auch eine Kostenfrage.
Was Anrufende bei Beratungstelefonen wissen müssen: Ihr Gespräch wird in der Regel aufgezeichnet und archiviert. Damit wollen die Anbieter die Qualität der Gespräche überprüfen und in allfälligen Streitfällen den Ablauf der Beratung nachweisen können.
Alle Anbieter betonen zwar ihre Schweigepflicht. Doch diese betrifft nur den Gesprächsinhalt. Medi-24 meldet den Namen des Anrufenden und den Zeitpunkt des Anrufs jenen Kassen weiter, die am Beratungstelefon beteiligt sind. Christian Simonin betont, dass dies rechtens sei. Ärzte müssten schliesslich auch jeden Arztbesuch melden.
Telefonische Beratung kann den Arztbesuch ersetzen
Unabhängige Studien, die beurteilen, ob medizinische Beratungstelefone zu weniger Arztbesuchen und demnach zu geringeren Gesundheitskosten führen, gibt es keine. Die Krankenkassenvereinigung Santésuisse geht jedoch davon aus, dass Patienten weniger schnell in die Apotheke oder zum Arzt gehen, wenn sie telefonischen Rat einholen können. Das zeigen auch Erhebungen, die Medi-24 zusammen mit dem Berner Institut für Sozial- und Präventivmedizin gemacht hat: In 90 Prozent der Fälle empfahl Medi-24 Anrufenden, die ursprünglich notfallmässig zum Arzt wollten, einen weniger dringlichen Arztbesuch zu Sprechstundenzeiten oder eine Selbstbehandlung.
Die Gesundheit der Anrufenden ist durch die Telefonberatung nicht gefährdet: Eine Studie im Auftrag von Medgate zeigt, dass bei Anrufenden, die sich auf den Telefonrat verliessen, keine erhöhte Sterblichkeit festgestellt wurde.
Welche Telefonnummer wählen?
- Verzichten Sie auf gebührenpflichtige Beratungstelefone. Die Kosten können schon bei einem 10-minütigen Gespräch auf über 40 Franken steigen.
- Nutzen Sie das kostenlose medizinische Beratungstelefon Ihrer Krankenkasse, sofern diese ein solches betreibt.
- Benützen Sie die Notrufzentrale Basel und das Ärztefon Zürich. Dort fallen nur Gesprächskosten an.
- Verzichten Sie auf die Hirslanden Health Line, wenn Sie Beratung und nicht einen Arzttermin möchten.
- Für den Notfalleinsatz einer Ambulanz wählen Sie 144 (gratis).
«Die Arztvermittlung darf nicht Ziel eines Beratungstelefons sein»
Gesundheitstipp-Arzt Thomas Walser
11. Mai 2005 | Esther Diener-Morscher - redaktion@gesundheitstipp
