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Am 9. September 1996 bekam ich ein zweites Leben geschenkt. Es war mein erster Arbeitstag als temporärer Dachdecker. Auf dem Dach mussten wir einen Sicherheitsgurt tragen, und ich wollte ihn etwas lockern. Was dann folgte, weiss ich nur aus Erzählungen: Ich stürzte aus 9 Metern Höhe vom Dach und knallte auf eine Betonplatte. Ich hatte einen Schädelbruch und schwere Hirnverletzungen. Zudem waren Arm und Hand gebrochen, das Becken war gespalten. Einen ganzen Monat lag ich im Koma, magerte mehr als 20 Kilogramm ab.
In meinem neuen Leben geht alles langsamer. Zwar brauche ich Rollstuhl und Krücken nicht mehr, aber ich kann noch nicht im normalen Schritttempo gehen und meine Bewegungen richtig koordinieren. Ich zittere auch immer mehr oder weniger stark. Deshalb bin ich meistens mit dem Mountainbike unterwegs. Stützräder sorgen dafür, dass ich im Gleichgewicht bleibe. Aber die kommen sicher eines Tages wieder weg. Manchmal halten mich Fremde für geistig behindert, denn ich rede recht langsam. Damit kann ich aber leben, denn ich weiss ja, dass mein Geist einwandfrei funktioniert.
Nach dem Unfall gaben mir die Ärzte nur eine geringe Überlebenschance. Dass ich es trotzdem geschafft habe, verdanke ich vor allem meinem athletischen Körper: Er hat nicht nur den Sturz abgefedert, sondern später auch seine Fitness zurückverlangt. Vor dem Unfall spielte ich Handball und Basketball und war durchtrainiert. Als ich aus dem Koma erwachte, waren alle Muskeln weg. Aber ich wollte sie unbedingt wieder aufbauen. Eitelkeit gehört seit eh und je zu mir.
Als man mich schliesslich in die Reha-Klinik Valens verlegte, musste ich bei null anfangen. Ich lernte wieder essen, aufstehen, laufen und reden. Das Pflegeteam und meine wunderbaren Eltern und Freunde haben mich grossartig unterstützt.
Die ersten Wochen habe ich nur vage in Erinnerung. Doch ich bekam eine DVD mit Bildern aus jener Zeit. Wenn ich sie mir ansehe, überkommt mich ein Glücksgefühl und ich denke: «Berni, einst warst du ein hilfloses Krüppeli - und so weit hast du es nun gebracht!» Ich lebe selbständig, habe meine Wohnung und einen tollen Halbtagsjob. Der andere halbe Tag gehört dem Sport, das ist meine Therapie.
Natürlich liefs nicht immer rund. Ich hatte Angst, Wutausbrüche und Tiefs. Dreimal wurde ich am Hirn operiert, und das Risiko war mir bewusst. Aber die Hoffnung, dass alles wieder so wird wie früher, war stärker als die Angst. Es gab auch Zeiten, in denen ich mir unnütz und überflüssig vorkam. Doch ich vergass nie, was ich schon erreicht hatte. Und ich wollte noch weiter kommen.
Wenn ich heute einmal zweifle, dann schaue ich zurück. Ich habe so viel Positives erfahren, so viel erreicht. Ich bin zuversichtlich, dass ich weitere Fortschritte mache. Und dass es die Frau gibt, die zu mir passt. Eines Tages werde ich ihr begegnen.
Valens ist meine zweite Heimat geworden. Jedes Jahr verbringe ich drei Wochen in der Klinik. Dort erwachte übrigens meine künstlerische Ader. Ich schrieb Gedichte, drei Jahre später ein Buch, ich zeichnete und machte eine kleine Ausstellung. Dadurch kam ich in Kontakt mit einer Churer Firma, wo ich nun eine Ausbildung zum Grafikerassistenten mache. Das war grosses Glück. Mein Leben ist wohl langsamer geworden, dafür sehr viel reicher.
Bei Hirnverletzungen: Möglichst früh in die Reha
In der Schweiz erleiden jedes Jahr rund 19 000 Menschen eine Hirnverletzung. Meistens ist ein Unfall oder Schlaganfall die Ursache.
Eine Hirnverletzung kann ganz unterschiedliche Folgen haben - je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist. Es kann zu Lähmungen, Verkrampfungen, Koordinations- und Denkstörungen kommen. Der Geruchssinn oder die Sprache können verloren gehen. Nicht alle Folgen sind sichtbar. Hirnverletzte Menschen haben deswegen oft mit dem Unverständnis der Mitmenschen zu kämpfen. Eine Hirnverletzung kann auch die Persönlichkeit eines Menschen verändern. Für Angehörige und Freunde ist das besonders schwierig.
Es ist wichtig, dass Hirnverletzte sehr früh mit der Rehabilitation beginnen. Das verbessert die Chance, verlorene Fähigkeiten wieder aufzubauen.
- Informationen
Fragile Suisse, Vereinigung für hirnverletzte Menschen und Angehörige, Beckenhofstrasse 70, 8006 Zürich, Tel. 044 360 30 60.
- Buch-Tipp
«Verlierer oder Gewinner?» Eine Reha-Biografie von Berni Sutter mit Gedichten und poetischen Gedanken. Zu bestellen für 20 Franken via Internet unter www.berni-sutter.ch.
«Ich kann meine Bewegungen nicht richtig koordinieren. Stützräder am Bike sorgen dafür, dass ich im Gleichgewicht bleibe»
13. April 2005 | Aufgezeichnet: Evi Biedermann
