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Artikel | Gesundheits-Tipp 4/2005

Autounfall - wegen Medikamenten

Alle reden über die Promillegrenze. Doch auch wer Medikamente nimmt, riskiert einen Verkehrsunfall. Fachleute rechnen mit einer hohen Dunkelziffer.

Ein Glas ist o.k.» Dank einer intensiven Kampagne und zahllosen Berichten in den Medien weiss es heute fast jedes Kind: In der Schweiz gelten seit Anfang Jahr 0,5 Promille als Grenzwert. Wer mehr Alkohol im Blut hat, darf nicht mehr Auto fahren.

Doch auch Medikamente können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und zu Unfällen führen. Hier gibt es keine aufwändigen Kampagnen, und auch die Medien berichten äusserst selten über das Thema.

Am gefährlichsten ist die Kombination von Alkohol und Medikamenten. Dies musste vor zwei Jahren auch Arthur Dürr erfahren. Als er damals in Zürich durch den Stossverkehr fuhr, merkte er plötzlich: Etwas ist nicht mehr normal. «Zwei- oder dreimal hätte ich an der Ampel beinahe das Auto vor mir gerammt, weil ich die Distanz falsch einschätzte.»

Daraufhin fuhr er besonders vorsichtig. Einige Stunden später stieg er wieder ins Auto. Dann passierte es: Der Lenker vor ihm stoppte vor einem Fussgängerstreifen. «Wieder bremste ich zu wenig stark, und diesmal krachte es.» Dürr hatte Glück im Unglück: Es entstand nur Blechschaden.

Arthur Dürr räumt ein: «Möglicherweise habe ich vor dem Unfall ein Bier getrunken.» Genau erinnern kann sich der heute 43-Jährige nicht mehr. Aber er ist sicher: Zu viel Alkohol war es nicht. Deshalb ist er überzeugt, dass die verzögerte Reaktion, die zum Unfall führte, eine Nebenwirkung des Medikaments Sirdalud war.

Seine Ärztin hatte ihm das Medikament gegen Muskelverspannungen in den Schultern verschrieben. Die Schmerzen gingen weg, doch er wurde geistig träge, und die einfachsten Entscheide fielen ihm schwer. Deshalb setzte Arthur Dürr das Medikament ab - zwei Tage vor dem Unglück. Doch die Nebenwirkungen dauerten an. Für ihn ist klar: Ohne Sirdalud wäre dieser Unfall nicht passiert.


Die Polizei kann Medikamente im Blut nicht nachweisen

«Ein typischer Fall», sagt Rolf Seeger vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich. «Schon geringe Mengen Alkohol können Nebenwirkungen von Medikamenten vervielfachen. Die Gefahr von Unfällen steigt um ein Mehrfaches.» Dies gelte auch für die Kombination von mehreren Medikamenten. Für Leute, die Medikamente nehmen und trotzdem fahren wollen, gebe es nur eines, so Seeger: «Hände weg von Alkohol!»

Laut Statistik sind etwa 70 Unfälle pro Jahr auf Medikamente zurückzuführen. Doch Fachleute rechnen mit einer grossen Dunkelziffer. «Keiner gibt gerne zu, dass er etwas geschluckt hat, wenn er nach einem Unfall befragt wird», sagt Seeger.

Zudem kann die Polizei nicht nachweisen, ob jemand Medikamente im Blut hat. Martin Sorg, Pressesprecher der Zürcher Kantonspolizei: «Für Alkohol und Drogen haben wir Messgeräte. Bei Medikamenten sind wir auf die Aussagen der Leute angewiesen.» Verkehrsmediziner Rolf Seeger ist überzeugt: Viele Unfälle, deren offizielle Ursache Einschlafen oder Unaufmerksamkeit ist, sind in Tat und Wahrheit auf Medikamente zurückzuführen.

Mit Abstand am gefährlichsten seien Schlaf- und Beruhigungsmittel vom Typ Benzodiazepine. Seeger: «Wer in der Nacht solche Medikamente schluckt, hat am nächsten Morgen ein doppelt so hohes Unfallrisiko. Das haben Studien gezeigt.» Doch auch Schmerzmittel, Psychopharmaka und andere Medikamente können die Fahrfähigkeit vermindern (siehe Tabelle Seite 16).

Bei vielen Medikamenten mahnen die Hersteller in der Packungsbeilage zu Vorsicht beim Autofahren. Doch eine solche Warnung ist nicht genug, sagt Thomas Briellmann, Toxikologe am Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel: «Nicht alle Leute lesen die Packungsbeilage. Der Arzt muss den Patienten auf die Gefahr aufmerksam machen.» Falls der Arzt das Thema nicht erwähne, solle der Patient nachfragen. Eine Umfrage des Gesundheitstipp zeigte, dass viele Autofahrer über das Problem Bescheid wissen.


Insulin wirkte nicht: Der Wagen überschlug sich

«Wer ein Medikament zum ersten Mal nimmt oder wer die Dosis verändert, soll sich auf keinen Fall ans Steuer setzen», sagt Briellmann. Mit der Zeit merke man selber, wie das Mittel wirke und ob man fahren könne.

Fritz Wüthrich aus Unterseen BE fühlte sich gut. Seinen Diabetes hatte er seit Jahren im Griff - dank Insulin. Doch eines Tages, er war gerade mit seinem Sohn auf der Autobahn unterwegs, fiel er plötzlich in eine Unterzuckerung. Was dann passierte, weiss er nur durch die Schilderung seines Sohnes: «Offenbar fuhr ich gegen die Leitplanke in der Autobahnmitte. Der Wagen prallte zurück auf die Fahrbahn, fuhr rechts die Böschung hoch, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen.» Wüthrich und sein Sohn konnten sich unverletzt aus dem Wagen befreien.

Vor dem Unfall hatte Wüthrich keinerlei Anzeichen von Müdigkeit oder eingeschränkter Wahrnehmung verspürt. Erst ein medizinisches Gutachten bestätigte dem Richter, dass Wüthrich keine Schuld am Unfall wegen «Einnickens am Steuer» trug: Der Diabetiker hatte kurz vorher von tierischem auf Gentech-Insulin umgestellt. Dieses hatte ihn vor einer plötzlichen Unterzuckerung nicht geschützt.

Wie Fritz Wüthrich sind viele Menschen auf Medikamente angewiesen. Soll man ihnen deshalb das Autofahren verbieten? «Nein», sagt Rolf Seeger. Patienten, die sich an die Vorgaben des Arztes hielten, seien nicht das Hauptproblem im Strassenverkehr. «Viel gefährlicher ist der Medikamentenmissbrauch.»

Auch hier sind laut Fachleuten Benzodiazepine ein grosses Problem. Sie machen schläfrig, und die Suchtgefahr ist gross. Denn sie helfen nicht nur beim Einschlafen, sondern vertreiben auch Ängste und andere negative Gefühle. Seeger: «Man sieht alles durch eine rosa Brille - aber sobald die Wirkung nachlässt, kehrt die Realität umso brutaler zurück. Deshalb ist die Versuchung gross, gleich noch eine Tablette zu nehmen.»

Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme SFA wollte vor einigen Jahren wissen, wie weit verbreitet der Missbrauch von Medikamenten ist, und startete eine repräsentative Umfrage. Fast 3000 Personen wurden telefonisch befragt. Bei jedem dreissigsten Erwachsenen stellten die Experten einen «problematischen Konsum psychoaktiv wirkender Medikamente» fest. Etienne Maffli von der SFA: «Rechnet man dies auf die Gesamtbevölkerung hoch, kommt man auf 170 000 Menschen.» Die meisten Betroffenen nahmen Beruhigungs- und Schlafmittel. Und unter Frauen war Medikamentenmissbrauch doppelt so verbreitet wie unter Männern.

Wie sich Missbrauch von Benzodiazepinen auf das Autofahren auswirken kann, stellte vergangenen Sommer eine Patrouille der Berner Kantonspolizei fest. Auf der Autostrasse zwischen Biel und Lyss fiel ihr ein Auto auf, das eine Schlangenlinie fuhr. «Ich konnte beobachten», schrieb der Fahrer des Streifenwagens in der Strafanzeige, «wie der Wagen über den rechten Fahrbahnrand hinaus auf den Grasstreifen geriet und beinahe den Zaun berührte.»


Benzodiazepin: Höchstdosis massiv überschritten

Dann verpasste die Fahrerin des Wagens fast die Ausfahrt und überfuhr mit dem Vorderrad eine Verkehrsinsel, bevor die Polizei sie zum Anhalten bewegen konnte.

Sie gab an, das Benzodiazepin Xanax genommen zu haben. Es wird normalerweise gegen Angsterkrankungen eingesetzt. Die Höchstdosis beträgt sechs Milligramm pro Tag.

Doch die Fahrerin hielt sich nicht an diese Empfehlung: Sie hatte innerhalb der vorangegangenen zwölf Stunden 16 Tabletten zu je einem Milligramm genommen. Den Fahrausweis musste sie auf der Stelle abgeben.



"Fahren Sie Auto, wenn Sie Medikamente genommen haben?"

Shahid Waseem, 28, Zürich
«Vor einiger Zeit musste ich starke Mittel gegen Rückenschmerzen nehmen. Da habe ich deutlich gespürt, dass ich mich nicht voll konzentrieren konnte. Deshalb liess ich das Auto in der Garage.»

Elisabeth Prost, 56, Schaffhausen
«Ich fahre nicht Auto. Aber wenn ich Medikamente genommen habe, fahre ich nicht einmal Velo. Ich brauche ab und zu etwas gegen Heuschnupfen, und diese Mittel machen mich müde.»

Bianca Bronk, 28, Hinwil ZH
«Ich lese die Beipackzettel immer genau und studiere die Nebenwirkungen. Weite Strecken fahre ich auf keinen Fall, wenn ich Medikamente genommen habe - auch wenn es nur ein schwaches ist.»

Daniel Hasler, 42, Adliswil ZH
«Ich nehme sozusagen nie Medikamente. Nur ab und zu etwas Baldrian oder Hefeextrakt, um besser schlafen zu können. Ansonsten lese ich jeweils nach, welche Nebenwirkungen vorkommen können.»

Otto Zehnder, 80, Zürich
«Seit acht Jahren muss ich regelmässig Medikamente für mein Herz nehmen. Aber ich habe nie etwas von Nebenwirkungen gemerkt. In einem Freiwilligendienst fahre ich alte Leute zum Arzt. Und ich bin ein sehr guter Autofahrer.»

Murat Simsek, 36, Wädenswil ZH
«Wenn mir der Arzt sagt, ich darf mit einem Medikament nicht Auto fahren, fahre ich auch nicht. Nehme ich rezeptfreie Mittel, lese ich die Packungsbeilage. Steht dort etwas von Müdigkeit, fahre ich nicht.»

Umfrage: Christine Frey

13. April 2005 | Christian Egg - cegg@gesundheitstipp.ch


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Autounfall - wegen Medikamenten
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