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Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil wachsen unter schwierigen Umständen auf. Nun fordern Fachleute mehr Unterstützung für die Kinder. Damit sie nicht ebenfalls krank werden.
Mein Papi spricht ganz laut mit Gott und isst fast nichts mehr», berichtet die zwölfjährige Claudia* im Internet. «Der Arzt kommt oft. Ich finde es zu Hause nicht mehr schön. Meinen Freundinnen erzähle ich das aber nicht. Es ist mir zu peinlich.»
Der achtjährige Thomas* erlebt ein ähnliches Schicksal: «Gestern Nacht hat mich Mami aufgeweckt. Ich sollte Ihr helfen, Mikrofone zu suchen, die vom Geheimdienst im Haus versteckt sein sollen. Ich suchte fest, fand aber nichts. Später rannte Mami im Nachthemd um unser Haus. Ich hörte sie laut schimpfen. Ich glaube, dass sie wegen mir geschimpft hat. Ich war gestern nicht brav.»
Claudia und Thomas sind keine Einzelfälle: In der Schweiz leben laut Schätzungen über 60 000 Kinder mit psychisch kranken Eltern. Bei vielen psychischen Krankheiten spielen die Gene eine Rolle. Das heisst, die Kinder haben ein erhöhtes Risiko, später selbst einmal krank zu werden.
Doch jetzt gehen Fachleute an die Öffentlichkeit. Denn diese Kinder werden oft vergessen. Gaby Rudolf, Psychologin bei Pro Mente Sana, hält dies für bedenklich: «Die Kinder sind gefährdet, später selber krank zu werden.» Betroffene Kinder verstehen oft nicht, was mit dem Vater oder der Mutter los ist. Zwar spüren sie, dass etwas nicht stimmt, können es aber nicht einordnen. Und das gefährdet die seelische Gesundheit des Kindes.
«Ich fühlte mich ausgeliefert, sehnte mich nach Sicherheit»
Der Kinder- und Jugendpsychiater Ronnie Gundelfinger ergänzt: «Die Fantasien der Kinder sind häufig noch schlimmer als die Realität.» Zudem fehlen den Kleinen Nestwärme und soziale Sicherheit.
Auch Susanne Keller* hoffte vergeblich auf Hilfe. Als sie zwei Jahre alt war, musste ihr Vater zum ersten Mal für längere Zeit in eine psychiatrische Klinik - wegen Schizophrenie. «Ich spürte die Hilflosigkeit der Erwachsenen und bekam wenig Aufmerksamkeit», erinnert sie sich. «Das diffuse Gefühl, dass etwas nicht stimmte, machte mir Angst.»
Weil der Vater krank war, musste die Mutter den Bauernhof allein führen. «Das bedeutete viel Verantwortung für uns Kinder. Ich war oft überfordert», sagt Susanne Keller. Ihre Kindheit war von Angst- und Schuldgefühlen überschattet. «Ich fühlte mich ausgeliefert, sehnte mich nach Sicherheit.» Hilfe bekamen die Kinder keine. «Auch nicht von den Fachleuten in der Klinik», sagt Keller.
Was die Situation nicht einfacher macht: Jedes Kind reagiert auf solche Belastungen anders. «Die einen lassen in der Schule nach, wirken müde und unbeteiligt», berichtet Psychologin Gaby Rudolf.
Doch die Kinder von psychisch kranken Eltern müssen nicht zwangsläufig auffallen. «Manche Kinder funktionieren über Jahre hinweg scheinbar reibungslos.» So wie Sarah*. Die 14-Jährige galt als unauffälliges Mädchen und hervorragende Schülerin, bis sie eines Tages zusammenbrach.
Als der Biologielehrer die Klasse mit starken Worten zur Ruhe mahnen musste, reagierte Sarah hysterisch, beschimpfte den Lehrer. Im nachfolgenden ruhigen Gespräch erzählte sie ihm: «Ich halte es zu Hause nicht mehr aus. Meine Mutter liegt nur im Bett. Seit Tagen gibt es nichts Warmes zu essen, alles muss ich selber machen.»
Es stellte sich heraus, dass Sarahs Mutter seit Jahren unter starken Depressionen litt. Bei der letzten Krise musste das Mädchen die Mutter in die Klinik bringen lassen. «Ich setzte sie in ein Taxi, als ich nicht mehr konnte», sagt Sarah. «Nachher war ich das ganze Wochenende allein daheim.»
Nahe stehende Menschen können das Kind unterstützen
Solche Kinder brauchen viel mehr Unterstützung. Da sind sich die Fachleute einig. Einfache Strukturen wie Mittagstisch oder Aufgabenhilfe können bereits eine Stütze sein. Nötig sind oft gemeinsame Therapien für psychisch kranke Eltern und die Kinder.
Aber auch Menschen aus dem direkten Umfeld können helfen, wenn sie dem Kind zuhören, mit ihm reden und ihm helfen, sich abzugrenzen (siehe auch Tipps-Kasten links). «Das Kind muss wissen, dass es richtig ist, wenn es sich für Hobbys und Freunde Zeit nimmt», sagt Psychologin Rudolf. «Und dass es nicht schuld ist, wenn es den Eltern schlecht geht.»
Susanne Keller wäre froh, sie hätte als Kind Hilfe bekommen. «Es war sehr schwer, alles nachträglich zu verarbeiten», sagt sie. Geholfen hat ihr später eine Selbsthilfegruppe. Keller ist zudem Mitautorin des Kinderbuches «Fufu und der grüne Mantel». Es zeigt auf, was Kinder von psychisch kranken Eltern erleben.
* Alle Namen geändert
So helfen Angehörige betroffenen Kindern
- Erklären Sie dem Kind, was los ist. Kinder merken, dass etwas nicht stimmt.
- Hören Sie genau hin. Manche Kinder erzählen scheinbar beiläufig von ihrer Not.
- Beobachten Sie das Kind. Oft zeigt ein Kind durch sein Verhalten, wie es ihm geht.
- Halten Sie an vertrauten Gewohnheiten fest. Das gibt Ruhe und Sicherheit.
- Beziehen Sie andere Erwachsene mit ein. Nachbarn, Verwandte oder Lehrer können wichtige Bezugspersonen sein.
- Informieren Sie den Lehrer. Wenn er weiss, was los ist, kann er ein Kind besser unterstützen.
- Beanspruchen Sie professionelle Hilfe, wenn es nötig ist.
- Vergessen Sie nicht das Wichtigste: Ein Lächeln oder eine Umarmung.
Informationen
- Buchtipp: «Fufu und der grüne Mantel», erhältlich beim Verein der Angehörigen von Schizophrenie-/ Psychischkranken, www.vask.ch, Tel. 041 250 50 82
- Pro Mente Sana Beratungstelefon: 0848 800 858 (8 Rp./ Min.); Mo, Di, Do 9-12 Uhr, Do auch 14-17 Uhr, www.promente sana.ch
- Infobroschüren Pro Juventute: Tel. 062 209 49 00
- Selbsthilfe im Internet: www. netz-und-boden.de
Fachärzte geben kostenlos Auskunft zum Thema
Von 10 bis 12 Uhr: Dr. Bernhard Küchenhoff, Psychiatrische Universitätsklinik Burghölzli, Zürich
Von 15 bis 17.30 Uhr: Dr. Ronnie Gundelfinger, Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst des Kantons Zürich
13. April 2005 | Regula Schneider - redaktion@gesundheitstipp.ch
