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Artikel | K-Geld 2/2005

Sondergebühren

Alexandra Stark, Journalistin in Moskau, Russland

Kürzlich sass ich mit ein paar Freunden zusammen. Einer erzählte, soeben habe ihm ein Polizist den Führerschein abknöpfen wollen. Er war mit seinem Wagen verbotenerweise nach links abgebogen. Schliesslich musste er 500 Rubel (20 Franken) zahlen, um den Polizisten dazu zu bringen, das Vergehen zu vergessen.

Ein anderer in der Runde zog darauf zwei Visitenkarten aus seiner Tasche. «Schaut mal!», sagte er. «Ich habe kürzlich den obersten Polizeichef von Moskau und seinen Stellvertreter kennen gelernt!» Wir waren alle neidisch, denn in Russland ist es ganz praktisch, solche Leute zu kennen.

«Ich kam von einer Party und hatte ein Glas Wein getrunken. Ein Polizist hielt mich bei einer Routine-Kontrolle an», erzählte er. Unter normalen Umständen hätte mein Freund mit einer saftigen Busse oder einer hohen Bestechungssumme rechnen müssen, denn in Russland gilt die 0,0-Promille-Grenze.

Aber nichts dergleichen. «Ich habe dem Polizisten die Karte hingestreckt und gesagt, dass ich da anrufen würde», erzählte mein Freund grinsend. «Der wollte wohl keinen Ärger riskieren und liess mich sofort fahren.»

Korruption in Russland heisst nicht immer, dass man zahlen muss. Es hilft auch, die richtigen Leute zu kennen. Korruption ist in Russland ein Übel mit gigantischen Ausmassen. Doch sie hilft auch zu überleben. Kann man es Polizisten und Lehrerinnen wirklich übel nehmen, wenn sie ein Auge zudrücken oder eine Note aufrunden, weil der lächerlich tiefe Lohn zum Leben nicht reicht?

Korruption ist häufig eine Art Tauschgeschäft. Olesja, eine Bekannte von mir, wollte ihre Tochter in einen guten staatlichen und damit eigentlich kostenlosen Kindergarten schicken. Um überhaupt eine Chance auf einen der begehrten Plätze zu haben, hätte sie eine «Sondergebühr» zahlen müssen.

Sie hat das Geld aber nicht. Als Schneiderin hat sie aber andere Möglichkeiten: Sie hat einer Mitarbeiterin des Kindergartens gratis ein ultraschickes Hochzeitskleid auf den Leib geschneidert.
In diese Art von Beziehungskorruption bin ich weit hinein mitverstrickt. Ich bemühe mich um Freikarten ins Bolschoi-Theater, die mir eine Bekannte besorgen kann. Aber nicht, weil ich da rein will, sondern weil ich weiss, dass ich sie an einen Anwalt weitergeben kann, dem ich damit einen grossen Gefallen tue. Dafür nimmt der sich dann wieder gratis Zeit, wenn ich Fragen zum russischen Aktienrecht habe.

Das ist natürlich nicht das effizienteste System. Aber es funktioniert. Vor allem dann, wenn man nach fünf Jahren in Russland schon über ein grosses Beziehungsnetz verfügt. Nur hin und wieder komme ich an die Grenzen.

Kürzlich kam Lucia, meine Putzfrau, zu mir. Sie hat ihrer Enkelin mit Hilfe von Bestechungsgeldern einen Studienplatz an der Uni, einen zusätzlichen Ausbildungsplatz in einer renommierten Sekretariatsschule und einen Job an der Reception eines elitären Fitness-Clubs besorgt. Doch Lucia ist noch nicht am Ziel: Sie will, dass ihre Enkelin in einem renommierten Hotel arbeitet.

«Du bist doch Schweizerin!», sagte sie zu mir. «In drei Monaten eröffnet "swissôtel" in Moskau ein superelegantes Hotel. Unter deinen vielen Bekannten ist doch sicher einer, den du bitten kannst, Nastja einzustellen!», sagte sie und fügte hinzu: «Ich setze alle Hoffnungen auf dich!»

Ich kenne niemanden. Aber ich hätte noch Karten für den grossen Saal im Tschaikowski-Konservatorium. Garantiert ein super Konzert!

30. März 2005


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