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Elidel und Protopic gelten als Wundermittel gegen Neurodermitis. Die Hersteller träumen von Milliardenumsätzen. Aber jetzt zeigt sich: Die beiden Salben können Krebs verursachen.
Bis vor kurzem galten Kortisonsalben als die einzigen wirksamen Medikamente gegen Neurodermitis. Kortison hemmt die Entzündung der Haut und kann so auch die Ekzeme und den schwer zu ertragenden Juckreiz zum Verschwinden bringen.
Doch viele Patienten lehnen Kortison ab. Denn auf Dauer schädigt es die Haut - sie wird dünn und anfällig für Verletzungen. Deshalb war die Hoffnung gross, als vor einigen Jahren neue Salben auf den Markt kamen: Elidel und Protopic. Sie enthalten kein Kortison, versprechen dieselbe Wirkung wie die herkömmlichen Salben - und sollen die Haut schonen.
Doch jetzt schlägt die amerikanische Heilmittelbehörde FDA Alarm: Die beiden Salben können Krebs auslösen. Bis jetzt erkrankten 10 Patienten, die mit Elidel behandelt wurden. Bei Protopic waren es sogar 19 Krebsfälle. Zwar sei der Zusammenhang zwischen den Medikamenten und den Krebsfällen noch nicht bestätigt. Trotzdem warnte die Behörde die Ärzte davor, diese Medikamente vorschnell zu verschreiben.
Dies war in den USA offensichtlich der Fall. Reinhard Dummer, Professor für Hautkrankheiten am Unispital Zürich: «Die hohen Verschreibungszahlen in den USA weisen darauf hin, dass die Salben zu früh und zu oft eingesetzt werden.»
Dies kommt nicht von ungefähr. In den USA werben Novartis und Fujisawa im grossen Stil für ihre Produkte Elidel und Protopic. Kürzlich kritisierte eine Abteilung der FDA die Werbung als «aggressiv und unangemessen».
Gegenüber dem Pulstipp halten beide Hersteller am Verkauf ihrer Salben fest. «Die Studien zeigen kein erhöhtes Krebsrisiko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung», schreibt Fujisawa über Protopic. Auch Novartis ist «überzeugt, dass Elidel sicher ist»: Es sei «kein kausaler Zusammenhang» zwischen Elidel und den Krebsfällen ermittelt worden.
Weiterbildung für Ärzte: Pharmaindustrie bezahlte
Zu allen anderen Vorwürfen nahmen die Firmen keine Stellung. Auch wie gut sich die Salben in der Schweiz verkaufen, geben sie nicht bekannt. Publikumswerbung für rezeptpflichtige Medikamente ist in der Schweiz nicht erlaubt. Doch die Hersteller finden andere Wege, um den Absatz ihrer Produkte zu fördern. So berichtete kürzlich die «Basler Zeitung» von einer Ärzteweiterbildung zum Thema Neurodermitis und Allergien. Finanziert wurde sie von Novartis, der Herstellerin von Elidel.
Eine Hautärztin empfahl dort ihren Kollegen, Elidel vorbeugend zu verwenden und auf die kortisonhaltigen Salben nur noch bei einem akuten Schub zurückzugreifen - also genau das Gegenteil dessen, was in der Packungsbeilage steht. Dort wird Elidel klar als Reservemedikament beschrieben.
Zugelassen ist Elidel ab zwei Jahren. Doch die Ärztin berichtete, sie habe die Salbe auch schon bei einem drei Monate alten Säugling angewendet. «Er hat gut darauf reagiert. Man muss den Eltern einfach erklären, dass das Medikament offiziell erst für Patienten ab zwei Jahren zugelassen ist», sagte die Ärztin laut «Basler Zeitung».
Hautarzt Dummer hält solche Aussagen für gefährlich: «Man sollte die Kollegen in der Praxis nicht ermutigen, ein Medikament ausserhalb der Zulassung zu verschreiben.» Diese beruhe auf sorgfältigen Studien.
Dazu kommt, dass der angebliche Hauptvorteil der Salben gar nicht erwiesen ist: Anders als Kortison, das die Haut dünner macht, sollen Elidel und Protopic die Haut schonen. Dies hat man an gesunden Menschen zeigen können. Doch das «British Medical Journal» hat kürzlich festgestellt: Bei Neurodermitis-Patienten wurde das noch nicht untersucht. Möglicherweise verursachen die neuen Salben also dieselben Probleme wie die alten, kortisonhaltigen.
«Die Kortisontherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten zudem verbessert», sagt Hautarzt Dummer. Er ist überzeugt: Kortison ist bei Neurodermitis sinnvoll, solange man es richtig anwendet. «Ein Ekzem am Arm zum Beispiel kann man ohne weiteres zwei Wochen lang mit Kortisonsalben behandeln.» Nur dort, wo die Haut sehr dünn sei, etwa im Gesicht, müsse man vorsichtiger sein.
Einfach: pH-neutrale Seifen, Cremen nach dem Duschen
Doch manchmal brauche es nicht einmal Kortison, sagt Hautspezialist Dummer. «Die einfachen Dinge drohen in Vergessenheit zu geraten.» Sein Rat: Neurodermitis-Patienten sollten in erster Linie herkömmliche Seifen vermeiden und stattdessen pH-neutrale Produkte verwenden. Sie sind weder sauer noch basisch.
Auch rückfettende Cremen, besonders nach dem Duschen, brächten viel. Für Reinhard Dummer ist klar: «Elidel und Protopic sollte man erst einsetzen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.»
«Nur wo die Haut sehr dünn ist - etwa im Gesicht -, muss man mit Kortison vorsichtig sein» Reinhard Dummer, Professor für Hautkrankheiten am Unispital Zürich
16. März 2005 | Christian Egg - cegg@pulstipp.ch
