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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2005

Notfallstation vor dem Kollaps

Immer mehr Menschen gehen mit Schmerzen oder Verletzungen direkt in die Notfallstation eines Spitals. Dort warten sie bis zu sechs Stunden auf ihre Diagnose. Trotzdem: Niemand handelt.

Martin Raicevic hatte starke Bauchschmerzen, als ihn seine Mutter im letzten Oktober nachts in die Notfallstation des Basler Universitätsspitals brachte. Zwei Assistenzärzte tippten beim 20-Jährigen auf Magenschleimhautentzündung. Bis der Oberarzt kam, um sein Urteil abzugeben, verstrichen vier Stunden. Er bestätigte die Diagnose - und schickte den jungen Mann mit einem Medikament nach Hause.

Doch die Bauchschmerzen liessen nicht nach. Der Hausarzt vermutete am Telefon Blinddarm und schickte seinen Patienten wieder in die Notfallstation. Am Sonntagmorgen schleppte sich Martin Raicevic mit Fieber und starken Bauchschmerzen erneut ins Unispital. Die Assistenzärzte schlossen eine Blinddarmentzündung aus. Der Oberarzt war sich nicht sicher. Er ordnete eine Ultraschalluntersuchung an. Stunden später wurde der Patient operiert - der Blinddarm war geplatzt. Ecaterina Raicevic kann nicht verstehen, warum der Arzt ihren Sohn nicht sofort operierte: «Das ewige Warten und die Ungewissheit waren die Hölle.»

Bauchschmerzen abzuklären, sei eine zeitraubende Angelegenheit, rechtfertigt sich Roland Bingisser, Chefarzt der Notfallstation des Unispitals. «Bei Verdacht auf Blinddarmentzündung beobachten wir Patienten während vier bis acht Stunden. Wir wollen nicht unnötig operieren.» Raicevics Symptome seien nicht typisch gewesen, darum habe man zugewartet.

Wartezeiten bis zu sechs Stunden, langwierige Abklärungen, Fehldiagnosen - dafür gibt es einen Grund. Die Stationen platzen aus allen Nähten. Die Zahl der Notfallpatienten steigt seit Jahren.

Am Unispital in Basel meldeten sich letztes Jahr knapp 37 000 Menschen in der Notfallstation. Zwei Jahre zuvor waren es noch 32 000 gewesen. Auch das Inselspital in Bern zählte letztes Jahr fast 10 000 Notfallpatienten mehr als vor zehn Jahren. Georg von Below, Experte für Notfallmedizin bei der Ärzte-Organisation FMH, spricht von einem europaweiten Trend. «In der Schweiz ist das Problem ungelöst. Wir müssen dringend handeln.»

Das findet auch Renata Schmid. Sie lag letzten März sechs Stunden in einer Koje im Kantonsspital Luzern. Die 43-jährige Luzernerin meldete sich in der Notfallabteilung, nachdem sie mehrere Tage an Gallenkoliken gelitten hatte und ihr bereits zwei Ärzte Gallensteine und eine Gallenblasenentzündung diagnostiziert hatten. «Ich dachte, die Sache sei klar. Die Steine müssten raus», sagt Schmid.


Nach stundenlangem Warten kam endlich der Oberarzt

Erst kümmerten sich zwei Medizinstudenten um die Patientin. Der eine teilte ihr nach vier Stunden mit, sie habe Gallensteine. Nur: «Das hatte ich zuvor bereits mehrere Male gesagt», erinnert sich Schmid. Stunden später, als sie schon gehen wollte, tauchte der Oberarzt auf. Er meinte, die Schmerzen könnten eventuell eine andere Ursache haben - ein Magengeschwür oder ein Tumor im Zwölffingerdarm. Er empfahl Schmid, in ein paar Wochen für eine Magenspiegelung wiederzukommen.

«Es bestand kein medizinischer Grund für einen notfallmässigen chirurgischen Eingriff an der Gallenblase», erklärt der ärztliche Leiter der Notfallstation Daniel Rikli heute. «Eine Gallenblasenentzündung schlossen die Ärzte aus. Also war keineswegs klar, dass die Beschwerden auf die Gallensteine zurückzuführen waren.» Eine Magenspiegelung sei durchaus angebracht gewesen, da sich die Patientin bereits früher wegen Magenproblemen habe behandeln lassen.

Renata Schmid aber fühlte sich im Kantonsspital nicht ernst genommen. Sie ging am nächsten Tag zu einem weiteren Spezialisten. «Der bestätigte, dass ich sehr wohl eine Gallenblasenentzündung hatte.» Die Gallensteine liess sie sich in einem anderen Spital entfernen.

Laut Fachleuten gehen die steigenden Zahlen in Notfallabteilungen bis zu 60 Prozent auf das Konto von Patienten, die mit leichten Verletzungen oder Beschwerden kommen. Georg von Below: «Wer etwa nach dem Skifahren Schmerzen im Knie hat, die nach dem Abendessen nicht verschwunden sind, geht häufig in eine Notfallstation.» Gesundheitsökonom Willy Oggier sieht einen Grund für diese Entwicklung in der wirtschaftlichen Lage: «Viele Leute trauen sich nicht während der Arbeitszeit zum Arzt. Am Abend und am Wochenende hat aber kaum eine Praxis geöffnet. Also gehen sie direkt in die Notfallstation.»


«Spitäler sind zum Teil schlecht organisiert»

Margrit Kessler von der Schweizerischen Patientenorganisation nennt einen weiteren Grund für die überfüllten Notfallstationen. Die Spitäler seien teilweise schlecht organisiert und hätten zu lange nicht auf die Veränderungen reagiert. Diese Meinung teilt Gesundheitsökonom Oggier: «Es braucht ausgeruhtes, erfahrenes Personal, um eine schnelle, möglichst genaue Diagnose zu stellen.» Häufig hätten aber Medizinstudenten und Assistenzärzte Dienst. Durch deren mangelnde Erfahrung steige das Risiko für unnötige Tests und Röntgenuntersuchungen.

Der Einsatz von Studenten und Assistenzärzten hat für Patienten noch andere unangenehme Folgen: Sie müssen ihre Krankengeschichten mehrmals erzählen. «Natürlich ist das ärgerlich», räumt Roland Bingisser vom Unispital Basel ein. «Aber wir müssen die Studenten ausbilden.» In Basel werden allerdings nur noch Medizinstudenten in der Notfallaufnahme eingesetzt, die sich durch «überdurchschnittliches Wissen, Können und gute Kommunikationsfähigkeiten» hervortun. Damit will man den Patienten entgegenkommen.

Viele Spitäler haben den Handlungsbedarf in ihrer Notfallstation erkannt - auch Basel und Luzern. Stationen wurden ausgebaut, Oberärzte als Notfallmanager eingesetzt. Einige Spitäler führen Qualitätsmessungen durch, untersuchen Sicherheit und Abläufe in ihrer Notfallstation - und wie zufrieden die Patienten sind. Doch das Geld sei zu knapp, klagen viele. Die Vorkehrungen greifen nur langsam.

«Wir brauchen Alternativen, die schnell umsetzbar sind», sagt Heinz Zimmermann, Chefarzt des Notfallzentrums im Inselspital in Bern. Eine Möglichkeit: Arztpraxen, die täglich von früh bis spät geöffnet sind. Diese würden Notfallstationen stark entlasten. Die Ärzte-Organisation FMH fordert eine einheitliche Notfallnummer, wo fest angestellte Ärzte Patienten am Telefon beraten, bevor sie eine Ambulanz losschicken. Georg von Below: «Idealerweise kommen in eine Notfallstation nur akute Fälle wie Herzanfälle und Verkehrsunfälle.»


Was ist eine Bagatelle, was ein Notfall?

Heinz Zimmermann vom Inselspital glaubt, dass Richtlinien helfen würden. «Man müsste intensiv diskutieren, welche Krankheiten oder Verletzungen in eine Notfallabteilung gehören und welche nicht. Medizinische Beratungszentren wie Medgate und Medi-24 versuchen bereits am Telefon herauszufinden, welche Patienten in eine Notfallstation und welche zum Not- oder Hausarzt gehören.» Doch seien sich, so Zimmermann, die Ärzte laut einer Studie nicht einmal einig, was eine Bagatelle und was ein wirklicher Notfall ist.

Bis konkrete Lösungen umgesetzt sind, versuchen einige Spitäler, den Patienten wenigstens die Wartezeiten zu erklären. Plakate oder Merkblätter führen aus, dass dringende Notfälle immer Vorrang haben und das Auswerten von Blutproben und Röntgenaufnahmen bis zu zwei Stunden dauern kann. Eine konkretere Information sei schwierig. Roland Bingisser vom Unispital Basel: «Um einem Patienten sagen zu können, wie lange er warten muss, braucht es eine Diagnose. Und die benötigt Zeit.»



Was Patienten wissen müssen

- Bestehen Sie auf Information: Sprechen Sie Fragen, Zweifel oder Unbehagen offen aus. Erkundigen Sie sich zum Beispiel, warum Sie warten müssen.
- Sie haben ein Recht, mit dem Oberarzt oder dem leitenden Arzt zu sprechen, bevor eine Behandlung eingeleitet wird.
- Sie können eine Operation, Therapie oder Medikamente ablehnen. Geschieht dies gegen den Rat des Arztes, müssen Sie eine Erklärung unterschreiben, dass Sie das Risiko übernehmen.
- Wenn Sie ein ungutes Gefühl haben, holen Sie sich ausserhalb des Spitals eine zweite Fachmeinung.
- Wenn Sie die Notfallstation vorzeitig verlassen wollen, aber bereits mit einem Arzt Kontakt hatten, müssen Sie möglicherweise unterschreiben, dass Sie auf eigenes Risiko gehen. Falls sich noch niemand um Sie gekümmert hat, weiss das Personal eventuell, wo man Sie anderweitig versorgen könnte.
- Wenn Sie an einer schweren Krankheit wie Krebs leiden: Gehen Sie auch im Notfall in das Spital, in dem Sie normalerweise behandelt werden. Dort kennt man Ihre Krankengeschichte.
- Nehmen Sie eine Begleitperson mit. Diese kann Ihnen beistehen.


«Mein Sohn wurde erst operiert, als der Blinddarm geplatzt war. Das ewige Warten war die Hölle» - Ecaterina und Martin Raicevic


«Nach vier Stunden teilten mir die Ärzte mit, ich hätte Gallensteine. Nur - das hatte ich schon gewusst, als ich eintraf» - Renata Schmid

16. Februar 2005 | Claudia Imfeld - cimfeld@pulstipp.ch


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