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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2005

«Die Schneemassen haben mich einbetoniert»

Für mehr als die Hälfte aller Verschütteten kommt jede Hilfe zu spät. Nur wer innerhalb von 15 Minuten der Lawine wieder entkommt, hat gute Überlebenschancen. Deshalb müssen Augenzeugen wissen, was zu tun ist.

Wie immer in kritischen Situationen habe ich versucht, auf 10 zu zählen», erzählt Monika Schuster aus Feldafing in Bayern. «Bei drei wurde es Nacht.» Die 50-Jährige erinnert sich nur ungern an die Lawine, die sie beinahe das Leben gekostet hätte. Und die drei ihrer Freunde getötet hat.

Das Unglück geschah am Piz Valatsch, im Gebiet des Ofenpasses im Engadin. Die 12-köpfige Gruppe von Skitouristen durchquerte bei der Abfahrt einen Steilhang. Als Monika Schuster in der Mitte des Hanges war, passierte es: «Plötzlich verwandelte sich die ganze Fläche mit einem gewaltigen Rauschen in stiebenden Pulverschnee», erzählt sie. Die Skifahrerin versuchte, aus der Lawine herauszufahren. «Aber ich hatte keine Chance. Die Lawine überholte mich rasend schnell.»
Die gewaltigen Schneemassen katapultierten Monika Schuster rückwärts über den Fels. Dann war plötzlich alles still. «Ich war wie einbetoniert, nur den Kopf konnte ich noch bewegen.» Sie realisierte, dass sie noch atmen konnte. «Ich zählte langsam: Eins, zwei, drei... Dann erinnere ich mich an nichts mehr.»

Lange 90 Minuten lag Schuster mit dem Kopf nach unten unter der Schneedecke. Auf dem Lawinenkegel kämpften Skifahrer, die die Lawine nicht erfasst hatte, verzweifelt gegen die Zeit. Denn die Statistik zeigt: Nach 15 Minuten sind noch 90 Prozent aller Verschütteten am Leben. Nach 35 Minuten sind es nur noch 30 Prozent (siehe Grafik). Entscheidend ist, ob der Betroffene unter dem Schnee atmen kann. Kann ein Verschütteter atmen, überlebt er unter Umständen zwei Stunden oder mehr. Dies, obwohl die Körpertemperatur stark absinkt.


Keine Handyverbindung: Kostbare Minuten vergeudet

Doch beim Rettungsversuch lief vieles schief: Zunächst funktionierte die Handyverbindung nicht, kostbare Minuten verstrichen. Über Umwege konnten die Skitouristen schliesslich die Rega alarmieren. Der Heli startete, an Bord ein Arzt, ein Rettungssanitäter sowie ein Hundeführer mit Hund. Nach kurzer Suche entdeckte der Pilot das Lawinenfeld, in dem die Skifahrer verzweifelt nach ihren Kameradinnen und Kameraden gruben.

Für Hans Jacomet aus Sedrun GR gehören solche Schauplätze zum Berufsalltag. Der leitende Arzt bei der Rega weiss, dass die Retter jeweils sehr spät am Unglücksort sind. «Wir treffen selten in den ersten 30 Minuten nach einem Lawinenniedergang ein», sagt Jacomet. Die Konsequenz für ihn ist klar: «Auch Laien müssen wissen, was zu tun ist.» Das beginnt schon beim Alarmieren. Mit dem Handy ist dies problematisch, weil in Berggebieten oft keine Verbindung zu Stande kommt. Der Arzt rät: «Immer wieder den Standort wechseln und auf keinen Fall aufgeben.»

Touren- und Variantenskifahrer sind heute zwar meist mit einem Suchgerät für Lawinenverschüttete ausgerüstet - doch fatalerweise haben nur wenige eine Schaufel dabei. Deshalb sei das Ausgraben der Verschütteten oft das grössere Problem. Viele müssen untätig auf Hilfe warten - obwohl sie ihre Kollegen geortet haben. Arzt Hans Jacomet: «Bis wir in solchen Fällen da sind, ist der Verschüttete häufig tot.»
Ist das Lawinenopfer gefunden, heisst es, so rasch wie möglich Kopf und Brust grossräumig freilegen und die Atemwege befreien. Sobald der Verunglückte ganz ausgegraben ist, muss man ihn gegen weiteres Abkühlen schützen. Denn im Freien kühlt ein Mensch viel rascher aus als im Schnee.

Doch die Bilanz ist traurig: Mehr als die Hälfte aller Verschütteten überlebt die Lawine nicht. Sie sterben nicht alle durch Ersticken, sondern häufig an Verletzungen. Denn auf dem Weg ins Tal schmettert die Lawine ihre Opfer an Fels, Geröll oder andere Hindernisse.


Alle vier bewusstlos - nur Schuster wachte wieder auf

Der typische Lawinenhang ist steil, schattig, kammnah und weist frischen Triebschnee auf. Wenn Skiläufer Lawinen auslösen, ist der Schnee zuerst weich und luftig. Er hüllt die Verschütteten ein. «Doch sobald die Lawine zum Stillstand kommt, verdichtet sich der Schnee und wird hart wie Beton», berichtet Jacomet aus seiner Erfahrung.
Eine solche Lawine verschüttete auch Monika Schuster und ihre Freunde. Alle vier waren bewusstlos, als man sie fand. Für drei kam jede Hilfe zu spät. Nur Schuster wachte wieder auf. Sie war zwar stark unterkühlt, aber unverletzt. Die Rega flog sie ins Spital in Samedan. Bereits am darauf folgenden Tag konnte Monika Schuster das Spital wieder verlassen. Skifahren war für sie fast zwei Jahre lang kein Thema mehr. Zu tief sassen Schock und Trauer über das erlebte Unglück.



So helfen Sie Lawinenopfern

Suche nach Verschütteten:
- Versuchen Sie sich zu orientieren, wo die Lawine niedergegangen ist und wo Personen verschwunden sind.
- Beginnen Sie mit der Suche unterhalb des Punktes, an dem eine Person verschwunden ist. Suchen Sie in Fliessrichtung der Lawine weiter.
- Suchen mit Auge und Ohr und wenn vorhanden mit Suchgeräten und Sondierstangen.
- Alarmieren Sie Rega 1414, Sanität 144 oder Polizei 117. Bei gestörter Verbindung immer wieder den Standort wechseln.
Hilfe für Verschüttete:
- Legen Sie so rasch wie möglich Kopf und Brust frei.
- Machen Sie die Atemwege frei. Beatmen Sie durch Mund und Nase.
- Bei Kreislaufstillstand: Machen Sie eine Herzmassage.
- Decken Sie den Patienten mit einer Decke oder Schnee zu.
Infos und Lawinenbulletin: www.slf.ch, www.wsl.ch




Monika Schuster: «Ich konnte nur den Kopf bewegen»

Rega-Arzt Hans Jacomet: «Tourenfahrer sollten eine Schaufel dabeihaben»

16. Februar 2005 | Regula Schneider - redaktion@pulstipp.ch


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