|
(0) |
Mein Handy klingelte. Olja war dran. «Ruf mich an!», hörte ich sie hektisch rufen. Bevor ich etwas sagen konnte, hatte sie schon aufgelegt. Ich rief sofort zurück, vielleicht war etwas Schlimmes passiert.
«Nein, nein», beschwichtigte mich Olja. «Gar nichts ist passiert! Aber ich habe nicht mehr viel Guthaben auf meinem Handy. Dafür habe ich einen neuen Tarifplan. Da ist es für mich zwar etwas teurer, wenn ich anrufe, dafür ist es gratis, wenn ich angerufen werde», sagte sie verlegen. Schnell fügte sie dazu: «Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute nicht mit dir Kaffee trinken kann. Treffen wir uns in einer Woche!»
Das kam mir irgendwie bekannt vor. Ich überlegte. Es war der 27. Dezember. Der Fall war klar: Monatsende, Olja war wieder einmal pleite. «Und wenn ich dich einlade?», fragte ich. Mit meiner Vermutung hatte ich richtig gelegen, denn Olja antwortete sofort: «Gut, dann komme ich.»
Olja ist 25 und ledig, sie lebt mit ihrer Mutter am Stadtrand von Moskau. Nach ihrem Studium hat sie keine Stelle als Juristin gefunden. Deshalb jobbt sie im Call-Center eines Modehauses. Sie arbeitet zwei Tage, dann hat sie drei frei. Im Monat verdient sie umgerechnet 600 Franken. Olja ist eine typische Vertreterin ihrer Generation: Die Sowjetunion kennt sie nur noch aus blassen Kindheitserinnerungen und den Erzählungen ihrer Mutter.
Besser kann sie sich an die Bankenkrisen der Neunzigerjahre erinnern, als ihre alleinerziehende Mutter, wie Millionen von Russinnen und Russen, ihr mühsam erspartes Geld über Nacht verlor. Olja und ihre Altersgenossen geben das Geld deshalb lieber gestern als morgen aus. Für schöne Klamotten, Long Drinks in schicken Bars, ein Abo für das Fitness-Studio und natürlich das Handy.
Diese Unbekümmertheit lässt mir manchmal den Atem stocken. Denn wenn Olja pleite ist, dann ist sie wirklich pleite. Olja hat kein Bankkonto, wo noch ein paar Reserve-Rubel liegen. Sie hat auch keine Dollars, die sie unter der Matratze aufbewahrt, für harte Zeiten. Und das macht ihr nicht einmal etwas aus.
Ich versuche hin und wieder, ihr ins Gewissen zu reden. Auch an jenem Abend. «Man weiss ja nie, was noch passiert!», sagte ich ihr bei einer Tasse Kaffee. Auf den Kuchen hatten wir verzichtet, Olja war es unangenehm, sich dazu einladen zu lassen. «Merk dir endlich: Bei uns kann man sich mit Geld keine Sicherheit kaufen», sagte sie mir.
«Auf der Bank verschwindet das Geld alle paar Jahre durch Bankencrashs. Der Zins ist tiefer als die Inflation. Hätte ich meinen Lohn in Rubel zu Hause gespart, hätte ich dieses Jahr 12 Prozent durch die Inflation eingebüsst. Hätte ich meinen Lohn in Dollar gewechselt, hätte ich ebenfalls Geld verloren, wegen der Wechselkursveränderung. Der Euro ist neu, dem traue ich nicht. Das einzig sinnvolle wäre, eine Wohnung zu kaufen. Aber zurzeit kostet der Quadratmeter in Moskau 600 Dollar, und Besenkammern werden nicht einzeln verkauft», sagte sie trotzig.
Später machten wir uns gemeinsam auf den Nachhauseweg. Olja kramte in ihrer riesigen Handtasche, um ihr Busticket zu suchen. «Oh, schau! Das habe ich noch gefunden», sagte sie und hielt freudig eine 50-Rubel-Note (zwei Franken) in der Hand. «Damit gehen wir uns jetzt da vorne ein Eis kaufen, Winter hin oder her!», sagte sie. Ich wollte nicht, schliesslich waren das Oljas letzte 50 Rubel. Ich sagte ihr das. Doch Olja zog mich zur Verkäuferin, drückte mir ein Eis in die Hand und sagte: «Sag mir mal, was ich mit dem Geld Besseres hätte machen können!» Ich dachte nach, die Glace schmeckte lecker. Mir kam auch nichts in den Sinn.
02. Februar 2005
