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Einkaufen war schon immer meine Leidenschaft. Doch vor einem Jahr wurde mir plötzlich bewusst, dass es so nicht weitergehen kann: Ich stand in einem Kaufhaus und hielt einen Glasleuchter in der Hand, aber ich konnte mir die 25 Franken nicht mehr leisten. Meine Hände fingen an zu zittern und ich hatte Herzklopfen. Das waren richtige Entzugserscheinungen. Da merkte ich, dass ich wirklich ein Problem habe. Mein Psychiater nannte es schliesslich beim Namen: Kaufsucht.
Als verwöhntes Einzelkind hatte ich früher immer genügend Geld zur Verfügung. Ich kaufte, was mir gefiel. Das änderte sich auch nicht, als ich später im Gastgewerbe arbeitete und meine eigene Wohnung bezahlen musste. Ich wurde sogar immer anspruchsvoller. Modehäuser mit Kleidern von Esprit oder Calvin Klein zogen mich magisch an. Ich kaufte Haushalt- und Dekoartikel von Alessi und Glaswaren von Leonardo. Grosszügig beschenkte ich meine Freundinnen, richtete meine Wohnung nach Lust und Laune neu ein und erweiterte meine Teddy-Sammlung. Kredit- und Kundenkarten machten es mir sehr einfach, völlig unkontrolliert und gedankenlos einzukaufen.
Wenn mir danach bewusst wurde, wie viel Unnützes ich gekauft hatte, fühlte ich mich oft deprimiert. Aber sobald es mir besser ging, kaufte ich wieder ein. Es war ein Teufelskreis, aus dem ich nicht herauskam.
Bis dann der Schock kam: Ich konnte meine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die Steuerschulden häuften sich und ich hatte meine Kreditkarten bis ans Limit überzogen. Ich hatte Angst vor einer Betreibung und vor dem Konkurs, Angst, dass ich es nicht schaffen würde, meine Schulden zu tilgen. Sie beliefen sich inzwischen auf über 40 000 Franken. Ein Schuldenberater half mir, ein striktes Budget zu erstellen, und ich vereinbarte mit den Gläubigern Zahlungspläne, an die ich mich nun halten muss.
Heute mache ich einen grossen Bogen um meine Lieblingskaufhäuser. Wo Markenartikel locken, gehe ich kaum noch rein. Nur so kann ich das Ziel einhalten, meine Schulden in eineinhalb Jahren zu tilgen. So lange lebe ich auf dem Existenzminimum, obwohl ich einen einigermassen gut bezahlten Bürojob habe und kein Auto besitze. Oft fühle ich mich isoliert und ausgegrenzt, denn ich habe momentan kaum Geld, um auszugehen. Doch seit ich mit meinen Freunden offen über das Problem rede, fühle ich mich wieder besser akzeptiert.
Das Einzige, was ich mir heute wieder leiste, ist das Abo für das Fitnessstudio. Das ist ein wichtiger Ausgleich, und es lenkt mich von meinen Problemen ab.
Dem Tag, an dem ich schuldenfrei sein werde, sehe ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn ich habe Angst, dass mich die Kaufsucht erneut einholt, wenn ich wieder Geld zur Verfügung habe. Ich hoffe aber, dass ich das Problem endgültig in den Griff bekomme. Dabei hilft mir mein buddhistischer Glaube. Er gibt mir Kraft und Hoffnung.
Für mich wäre es wichtig, in einer Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige mitzumachen. Eine ebenfalls betroffene Freundin und ich möchten eine Gruppe in Bern gründen. Unser Ziel ist, dass Kaufsüchtige dort offen über ihre Erfahrungen reden können und sehen, dass sie mit ihrer Krankheit nicht alleine sind.
Wenn Einkaufen zur Droge wird
In der Schweiz sind rund 5 Prozent der Bevölkerung kaufsüchtig. Das ergab eine Studie der Hochschule für Sozialarbeit in Bern. Weitere 33 Prozent neigen zu unkontrolliertem Kaufen. Betroffen sind vor allem Jugendliche - und insgesamt doppelt so viele Frauen wie Männer. Die Folgen sind Schulden und psychische Probleme.
Betroffene merken oft erst spät, dass sie kaufsüchtig sind. Denn unsere Gesellschaft bewertet das Einkaufen positiv. Zudem verleiten Kredit- und Kundenkarten sowie das Internet zu unkontrollierten Kaufräuschen.
- Selbsthilfegruppen
Selbsthilfezentrum Kanton BE, Marktgasse 17, 3600 Thun, Tel. 033 221 75 76, sh@selbsthilfe-kanton-bern.ch
Offene Tür Zürich, Beethovenstr. 45, 8002 Zürich, Tel. 043 288 88 88, selbsthilfe@offenetuer-zh.ch
- Buchtipps
Werner Gross: «Hinter jeder Sucht ist eine Sehnsucht», Herder, Fr. 18.10
Werner Gross: «Sucht ohne Drogen», Fischer Taschenbuch, Fr. 16.50
19. Januar 2005 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch
